Landgericht Kleve

Prozess um tödliche Jagd mit dem Auto

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Foto: NRZ

Kleve. Weil er mit ihrer Liebesbeziehung nicht einverstanden war, verfolgte Osman O. seine Schwester Fatma mit dem Auto. Auf einer Landstraße zwischen Kleve und Emmerich kam es zu einem Unfall, zwei unbeteiligte Motorradfahrer starben. Jetzt müssen sich beide Geschwister vor Gericht verantworten.

Jolita Driessen ist eine starke Frau. Mit trotziger Fassung trägt sie das weiße T-Shirt mit dem Bild ihres Lebensgefährten, so dass ihn jeder im Saal des Klever Landgerichts sehen kann. Ein weiteres Foto liegt auf dem Tisch. Frank Fleuren, ein netter Typ mit rotbraunem Haar, der lächelnd im Garten seinen Hund im Arm hält oder in Ledermontur auf seiner kunstvoll designten Maschine sitzt.

Frank Fleuren starb mit 44 Jahren am 14. September 2008 auf einer Landstraße zwischen Kleve und Emmerich, ebenso wie sein Motorradkumpel Bert Ubeda (57), als sie mit ihren Maschinen frontal in einen entgegenkommenden Opel-Astra prallten. Die beiden Männer aus der Gegend der niederländischen Grenzstadt Nimwegen waren auf der Stelle tot. Die Opel-Fahrerin, Fatma O. (22), überlebte den Unfall verletzt. Seit Dienstag steht sie in Kleve vor Gericht, gemeinsam mit ihrem Bruder Osman (21). Der hatte seine Schwester zuvor über niederrheinische Straßen gehetzt. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft: fahrlässige Tötung zweier Menschen sowie Gefährdung des Straßenverkehrs.

Der Situation ergeben

Doch das hier ist nicht nur ein tragischer Verkehrsunfall. Hier geht es auch um einen Zusammenprall der Kulturen. Osman und Fatma O. sind türkischstämmig und haben die deutsche Staatsangehörigkeit. Vordergründig scheinen sie assimilierter zu sein als viele andere Deutschtürken, könnte man dem Wenigen entnehmen, was sie vor Gericht aussagen.

Fatma hat Fachoberschulreife und wird eine Lehre als Altenpflegerin machen. Klein, mollig, blass verschwindet sie auf ihrem Stuhl in grau-gestreiftem Pulli und Jeans, das dunkle Haar zusammengebunden. Ab und an weint sie, ansonsten hat sie sich der Situation ergeben, ebenso wie ihr Bruder, der vor sich hinstarrt. Er hat den Realschulabschluss, hat im Supermarkt gejobbt und will nun Einzelhandelskaufmann werden.

Vordergründig assimiliert

Vordergründig assimiliert, und doch sind die beiden Angehörige einer Minderheit, die seit Jahrhunderten verfolgt wird. Die Familie ist yezidischen Glaubens, der viel älter ist als Islam und Christentum. Yeziden, ursprünglich aus dem Nordirak stammend, sind tolerant gegenüber Andersgläubigen, aber strengen Verhaltens- und Heiratsregeln innerhalb der eigenen Gemeinschaft unterworfen.

Keiner der beiden Angeklagten äußert sich hierzu vor Gericht. Doch man erfährt, dass die drei erwachsenenen Schwestern und ihr Bruder in keiner Beziehung leben und keine eigene Wohnung haben. Der Lohn des Sohnes wandert auf das Konto der Eltern, die dem Prozess gestern fernblieben. 50 Euro Taschengeld habe er bekommen, sagt Osman. Sonst sagt er nichts.

Streit wegen des Freundes

Frustriert registriert das auch die niederländische Gemeinde, die sich in Kleve eingefunden hat - Freunde, Verwandte und die Witwe von Bert Ubeda, dem zweiten getöteten Motorradfahrer, die als Nebenklägerin dabei ist.

Für sie änderte sich das Leben auf schreckliche Weise an jenem schönen Herbsttag vergangenen Jahres, als Fatma O. beschloss, ihr Zuhause zu verlassen und ihren kurdischen Freund in Hamburg aufzusuchen, mit dem sie heimlich telefonisch Kontakt hielt. Mehrfach hatte es deswegen Streit gegeben, ein Handy hatte man ihr schon weggenommen.

Sie fährt mit ihrem Astra Richtung Emmerich, als sie der Bruder und die Schwestern im Zafira des Vaters auf der Emmericher Straße einholen. Zeugen fällt vor allem die hohe Geschwindigkeit der Autos auf, 120 Sachen, sie fahren rechts heran, weil ihnen die Lage nicht geheuer ist.

„Lass uns diese schöne Strecke fahren”

Es ist kurz vor halb zwei Mittags, als Bert Ubeda sagt: „Um 17 Uhr können wir etwas essen, jetzt lass uns noch gemütlich diese schöne Strecke fahren!” Neben ihm Frank Fleuren, kurz dahinter Franziscus „Hans” Wolf (59), gestern als Zeuge vor Gericht.

Sie halten an einer Ampel, dann fahren beide voraus, Wolf bleibt 50 Meter dahinter. Zum selben Zeitpunkt sieht Zeuge Siegfried Kremser, wie der Astra und der Zafira nebeneinanderfahren, der Zafira den Astra touchiert, der Astra nach rechts schlingert, dann nach links, quer über die Gegenfahrbahn.

„Das Auto gehört da nicht hin”, denkt Franziscus Wolf, als er es kommen sieht. Dann hört er den Aufprall.

Maximal fünf Jahre Haft

Später wird er orientierungslos durch das Trümmerfeld laufen und um Hilfe rufen, Schaulustige werden am Rand stehen. Fatmas Schwestern werden schreiend aussteigen.

In einer Erklärung ließen die Angeklagten gestern vorlesen, dass die Geschehnisse sie verfolgen und dass der Tod zweier Menschen ihnen Leid tut. Über Schuld jedoch, so hieß es, habe das Gericht zu entscheiden. Fatma gab an, nicht mehr zu wissen, warum sie an jenem Tag überhaupt losgefahren sei. Will sie ihren Bruder schützen? Im Höchstfall drohen bis zu fünf Jahre Haft.

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