Integration

Rücktritt vor Islam-Konferenz

Foto: ddp

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Essen. Aus Verärgerung über die als zu dominant empfundenen konservativen Funktionäre der muslimischen Verbände legt der Fernsehproduzent Walid Nakschbandi sein Mandat nieder.

Empfindlicher Rückschlag für die vor 18 Monaten von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble ins Leben gerufene Deutsche Islamkonferenz (DIK): Vor der mit Spannung erwarteten dritten Sitzung des Gremiums an diesem Donnerstag, das auf Sicht zu verbindlichen Absprachen zwischen Staat und muslimischen Religionsgemeinschaften führen soll, hat ein prominenter Vertreter seinen Rücktritt erklärt.

Schäuble kriegt heute den Absage-Brief

Walid Nakschbandi, Geschäftsführer der Berliner Fernsehproduktionsfirma AVE, die unter anderem für Sender wie 3Sat, Arte, ARD und ZDF diverse Talkshow-Formate und gehobene Dokumentar-Kost liefert, hat nach NRZ-Informationen sein Mandat niedergelegt. Innenminister Schäuble soll heute einen entsprechenden Brief erhalten.

Grund: Dem Vernehmen nach sieht der in Kabul geborene Journalist, der nebenbei einen Lehrauftrag an Berliner Universitäten hat und sich gestern gegenüber der NRZ nicht zu den Vorgängen äußern wollte, keine Chance mehr, sich gegen die fünf Vertreter der zumeist konservativen muslimischen Verbände inhaltlich zu behaupten.

Wie es aus Kreisen des Bundesinnenministeriums heißt, hätten Bekir Alboga (Vertreter der Türkisch Islamischen Union der Anstalt für Religion und Sprecher des Koordinationsrates der Muslime in Deutschland), Ayyub Axel Köhler (Zentralrat der Muslime), Mehmet Yilmaz (Verband der islamischen Kulturzentren), Ali Ertan Toprak (Alevitische Gemeinde Deutschland) und Ali Kizilkaya (Islamrat) inzwischen ein „derart enormes Sagen”, dass gegenläufige Meinungen kaum Gehör fänden. Die Islam-Konferenz, so ein Ministerieller zur NRZ, entwickele sich aus Sicht Nakschbandis „zu einer Farce, die dem Ansehen der nicht in Verbänden organisierten Muslime massiv schade”. Der gebürtige Afghane gehört in der Islam-Konferenz zu den knapp zehn Vertretern nicht-organisierter Muslime, die mit 90 % den größten Anteil in Deutschland stellen. Darunter sind meist moderat religiöse bis säkulare Vertreter wie die islamkritischen Frauenrechtlerinnen Necla Kelek und Seyran Ates, die Lehrerin Havva Yakar oder der Schriftsteller Feridun Zaimoglu. Letzterer war aus Protest im vergangenen Jahr ebenfalls vorübergehend aus der Islam-Konferenz ausgetreten, ist aber inzwischen wieder aktiv.

Der Rückzug Nakschbandis gilt Kritikern des organisierten Islams in Deutschland als weiteres Indiz dafür, dass die Islam-Konferenz die vielfach lückenhafte Integration muslimischer Einwanderer voraussichtlich kaum befördern wird.

Nur Banalitäten zu erwarten?

Dagegen werde wieder die Frage - Wer darf eigentlich für die deutschen Muslime sprechen? - in den Mittelpunkt rücken, heißt es. Am Donnerstag will die DIK die Ergebnisse der Sitzungen von vier Arbeitsgruppen bilanzieren, die im vergangenen Jahr Themen wie Werte, Religion, Wirtschaft und Sicherheit intensiv debattiert haben. „Mehr als Banalittäten, die in der Sache nicht weiterführen, wird es aber nicht geben”, sagte ein Beteiligter gestern der NRZ.

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