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Ruhrbischof Overbeck: „Ich habe die Macht des Wortes”

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Essen. Mit 45 Jahren ist Franz-Josef Overbeck der jüngste katholische Bischof Deutschlands - und seit Sonntag neuer Oberhirte des Bistums Essen. Die NRZ sprach mit dem neuen Ruhrbischof über Wirtschaftskrise, Priestermangel, Ökumene - und das Weihnachtsfest.

Aufwändige Gottesdienste, viele Predigten – für Priester bedeutet Weihnachten immer viel Arbeit. Gibt es für Sie dennoch Gelegenheit zum Feiern?

Franz-Josef Overbeck: Weihnachten ist nicht Arbeit, sondern Feier der Menschwerdung Gottes. Und in einem schönen Gottesdienst kann ich mich sogar erholen. Ich werde am Heiligen Abend und am ersten Feiertag jeweils das Pontifikalamt hier im Dom halten, dann ein wenig mit den Schwestern im Essener Kardinal-Hengsbach-Haus zusammen sein, in dem ich vorerst wohne, und am Nachmittag zu meiner Familie nach Marl fahren. Am zweiten Feiertag gibt es dann eine Messe in meiner Heimatgemeinde und ich treffe viele, die ich noch aus der Zeit kenne, als ich dort vor 25 Jahren aktiv war.

Was muss die Kirche tun, damit die „Weihnachtschristen”, die nur zu den hohen Festtagen in die Kirche kommen, zu „Alltagschristen” werden?

Overbeck: Als Christen haben wir den Auftrag alle einzuladen. Aber wir zahlen den Preis der Freiheit, dass sich die Menschen womöglich gegen uns entscheiden. Wir sind ja keine Rattenfänger von Hameln, sondern wir bieten das Evangelium an.

Für viele „Weihnachtschristen” ist der Besuch der Christmette eine Form, ihre Verbundenheit mit uns zum Ausdruck zu bringen und für sich selber das zu suchen, was sie im Leben brauchen. Ich hoffe, sie kämen öfter, und kann nicht begreifen, dass es ihnen so reicht – aber es ist so wie es ist.

Wer nur an Weihnachten in die Kirche geht, der sucht das Besondere, etwa eine feierliche Liturgie. Muss sich da nicht auch an der Feier der Sonntagsmessen etwas ändern, um diese Menschen stärker anzusprechen?

Overbeck: Ich werde nicht müde den Priestern zu sagen, sie sollen tun, was im Messbuch steht. Sie sollen die Messfeier verbinden mit einer eigenen gläubigen Haltung, die die Menschen wahrnehmen lässt, dass der, der mit ihnen feiert, selber danach lebt. Und sie sollen für eine musikalische Gestaltung sorgen, die den Menschen zu Herzen geht. Ich glaube, für die meisten Menschen sind Herz und Gefühl die wichtigsten Brücken zum inneren Geheimnis des Christentums.

Doch für eine solche Feier braucht es Gemeinschaft - deshalb ist es wichtig, dass Gottesdienste mit möglichst vielen gefeiert werden. Und es braucht eine gut vorbereitete Predigt. Schließlich feiern wir die Heilige Messe, damit die Menschen Nahrung haben für den Alltag und verstehen, welche Plausibilität das Christentum für ihr Leben hat.

Doch um dieses christliche Leben zu organisieren, braucht es genug Priester.

Overbeck: Die Zahl der Priester entsprach immer in etwa der Anzahl der Gläubigen, die an den Gottesdiensten und am sonstigen kirchlichen Leben teilgenommen haben. Wenn sie sehen, wie viele junge Menschen heute noch in den Gemeinden aktiv sind, dann ist die Relation nicht schlecht.

Das hat indes auf Dauer Folgen für die künftige Gestalt der Kirche. Was kommt, können wir nur in Ansätzen erkennen. Aber wir werden lernen müssen, in einer radikalen Diaspora zu leben. Das bedeutet, dass wir uns weiter bescheiden und immer wieder neu aufstellen müssen. Priester werden - etwa mit Blick auf die Caritas - nicht mehr Aufgaben übernehmen können, die sich so kleinräumig beschreiben lassen wie bisher.

Also muss die gerade geschaffene Pfarrei- und Gemeinde-Struktur des Bistums Essen bald wieder zusammengestrichen werden?

Overbeck: Zur Struktur der Gemeinden und Pfarreien mag ich mich noch nicht äußern, so lange ich sie nicht näher kennengelernt habe. Aber ich glaube, man kann das in aller Ruhe und Gelassenheit tun - vor allem wenn man bei einem Blick in die Geschichte sieht, dass sich die Art und Weise, wie Menschen zu Gemeinden gehören, im Laufe der Zeit schon immer geändert hat.

Was sagen sie denen, die um ihren Arbeitsplatz bangen oder ihn in der Krise schon verloren haben und bei denen nun nicht die rechte Weihnachtsfreude aufkommen mag?

Overbeck: Jeder Mensch wird von Gott dadurch gewürdigt, dass Gott selbst Mensch geworden ist. Deshalb hängt unsere Würde nicht nur von dem ab, was wir leisten können. Dafür müssen wir jedoch annehmen, dass wir zunächst selbst die Beschenkten sind - und nicht die, die für unsere Würde erst einmal etwas erbringen müssen.

Was können Sie für mehr Arbeits- und Ausbildungsplätze im Ruhrgebiet tun?

Overbeck: Ich will mich bei Unternehmern und Politikern dafür starkmachen. Dabei ist es meiner Meinung nach wichtig, dass wir hier nicht nur von einigen wenigen großen Firmen abhängig sind. Wozu das führen kann, hat ja die Schließung des Nokia-Werks gezeigt.

Der Ruhrbischof als Mittelstandsförderer – wie konkret kann dieses Engagement werden?

Overbeck: Ich habe die Macht des Wortes, damit kann man Stimmung schaffen. Gleichzeitig kann man im sehr diskreten Sinne dafür sorgen, dass die entsprechenden Akteure an einen Tisch kommen.

So hat der erste Ruhrbischof Franz Hengsbach den Initiativkreis Ruhrgebiet etabliert. Werden Sie sich dort auch engagieren?

Overbeck: Ja, das hat der Initiativkreis auch schon angefragt. Ich glaube, dass die Wirtschaftskrise vor allem eine Krise der Werte derer ist, die Wirtschaft gestalten. Dazu gehören unter anderem Verlässlichkeit, die Absage an Profitgier und ein solidarisches Denken. Wenn ich hier meine Stimme erheben kann, um zu fordern, dass diesen Werten künftig wieder mehr Gewicht beigemessen wird, habe ich schon viel getan. Im Rahmen der sozialen Marktwirtschaft ist mir Freiheit immer wichtiger als Gleichheit. Dazu gehört es dann aber auch, in der Wirtschaft wieder eine Verantwortungsethik zu entwickeln.

Ebenfalls in der Krise steckt derzeit die Ökumene...

Overbeck: In der Tat ist es schwierig geworden. Nach 50 Jahren sind wir nun an den Kernfragen dessen angekommen, was uns auch trennt: Der Frage nach der Bedeutung von Amt und Kirche und den ethischen Fragen zur Grundlage menschlichen Lebens.

Kurz nach Ihrem Amtsantritt werden sie nun gleich Bischof einer Kulturhauptstadt. Was erwarten Sie von diesem besonderen Jahr?

Overbeck: Ich empfinde das als eine große Chance um deutlich zu machen, dass die Kultur des Ruhrgebiets nicht erst im 19. Jahrhundert begonnen hat, sondern mit uns Christen. Dafür stehen schon meine Bischofskirche und die Essener Äbtissinnen ein, mit ihrem ehrwürdigen Stift. Dies zeigt aber auch, dass jede Generation ihre Zeit mit Gott in Verbindung bringen muss - und das wollen wir als Kirche in der Kulturhauptstadt deutlich machen.

Sie wollen sich im Ruhrgebiet auch für das Zusammenleben mit den Muslimen engagieren. Wie stehen Sie da zum Minarettverbot in der Schweiz?

Overbeck: Jeder Mensch hat ein Recht seinen Glauben zu leben, so lange er ihn nicht anderen mit Gewalt aufdrängen will. Wir haben hier Moscheen mit Minaretten, das ist überhaupt kein Problem für mich. Allerdings sehe ich ein großes Problem in muslimischen Ländern - etwa der Türkei - die Christen nicht erlauben Kirchen zu bauen. Das heißt für mich aber nicht: Weil ihr uns keine Glaubensfreiheit in euren Ländern gewährt, gewähren wir euch auch keine bei uns. (NRZ)

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