Warum bin ich weniger wert?

Der Behindertenbeauftragte der rot-grünen Minderheitsregierung Norbert Killewald (2.v.l.) stellte sich den Fragen von Menschen mit und ohne Handicap im LVR-Wohnverbund Peiterstraße in Kleve-Kellen. Foto: Heinz Holzbach

Der Behindertenbeauftragte der rot-grünen Minderheitsregierung Norbert Killewald (2.v.l.) stellte sich den Fragen von Menschen mit und ohne Handicap im LVR-Wohnverbund Peiterstraße in Kleve-Kellen. Foto: Heinz Holzbach

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Inklusive Schreibwerkstatt interviewt den NRW-Behindertenbeauftragten Norbert Killewald

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Wann sind Sie das erste Mal mit Menschen mit Behinderung in Kontakt gekommen?

Norbert Killewald: Wann ich zum ersten Mal mit einem Menschen mit Behinderung in Kontakt gekommen bin, weiß ich nicht mehr ganz genau. Allerdings weiß ich noch, wer das war. Es war mein Cousin Norbert.

Ich arbeite in einer Werkstatt für psychisch-kranke Menschen, bekomme dort meinen normalen Lohn und wohne in einer Wohngruppe. Allerdings bin ich deshalb auf Sozialleistungen angewiesen. Warum bekommen psychisch-kranke Menschen mit Behinderung eigentlich genauso wenig Lohn wie andere Menschen mit Behinderung?

Norbert Killewald: Alle Menschen mit Behinderung in NRW haben ein Recht auf Arbeit Für viele wird dies in Werkstätten realisiert. Hier arbeiten ganz viele unterschiedliche Menschen. Jeder nach seinen Möglichkeiten. Einige leisten dort mehr, andere weniger. Das Geld, was von den Städten und Gemeinden, Kreisen und anderen Kostenträgern kommt, fließt in einen Topf, aus dem jeder so gut wie gleichviel bekommt. Wenn es nun aber so wäre, dass man unterschiedlich nur nach Leistung bezahlen würde, dann würden einige sicherlich am Ende fast nichts für ihre Arbeit bekommen.

Daher sollte man doch vielleicht besser nicht so krasse Unterschiede in der Bezahlung in den Werkstätten einführen, sondern den Menschen dort einfach generell mehr bezahlen. So kämen sie erst gar nicht in die Situation Sozialleistungen beantragen zu müssen...

Norbert Killewald: Das Problem ist nur, wenn sie mehr verdienen würden, würden sie das kaum bemerken. Denn das, was sie momentan als Leistungen aus der Sozialhilfe bekommen – also die Arbeit in der Werkstatt, die Wohnung, die Fachleistungsstunde und so weiter – würde dann von ihrem erhöhten Lohn wieder abgezogen werden. Und das bedeutet dann, dass sie im Endeffekt nicht mehr Geld am Ende des Monats hätten, als jetzt.

Warum können einige Menschen mit Handicap nicht auf dem geregelten Arbeitsmarkt beschäftigt werden?

Norbert Killewald: Wir versuchen das. Aber es ist nicht so ganz leicht. Z.B. Mal geht es einem psychisch-kranken Menschen mal gut und mal nicht so gut. Wenn es dem Menschen bei der Arbeit in einer Werkstatt nicht gut geht, ist das nicht so schlimm. Er oder sie werden aufgefangen, man nimmt Rücksicht auf den Menschen. Auf dem geregelten Arbeitsmarkt ist das so nicht möglich. Deshalb scheuen manche Arbeitgeber davor zurück, Menschen mit Behinderung einzustellen.

Und wie kann es dann gelingen, dass Menschen mit Behinderung aus der Werkstatt auf den geregelten Arbeitsmarkt kommen?

Norbert Killewald: In dem wir zum Beispiel immer wieder auf die zahlreichen gelungenen Beispiele in Nordrhein-Westfalen hinweisen, in denen Menschen mit und ohne Behinderung in Unternehmen schon heute erfolgreich zusammen arbeiten. Ich glaube, dass hier eine Veränderung in den Köpfen stattfinden muss und das gelingt immer am besten, wenn man „Zweiflern“ ganz deutlich sagen und zeigen kann: „Sieh dir dieses Unternehmen an, da klappt es und zwar richtig gut!“

Warum bekommen Menschen mit Behinderung so wenig Rente?

Norbert Killewald: Erst einmal zahlen sie wenig in die Rentenkasse ein. Und wenn sie wieder viel Rente bekämen, würde sicher – so wie auch bei einem höheren Verdienst - etwas abgezogen werden, weil sie weiterhin Leistungen zum Beispiel innerhalb der Wohngruppen erhalten.

Was ist Ihr Job?

Norbert Killewald: Ich bin Behindertenbeauftragter des Landes NRW und das bedeutet folgendes: Es gibt Politiker im Parlament, die Gesetze machen sowie eine Regierung, die diese umsetzen muss. Meine Aufgabe ist, aufzupassen, ob dabei alles richtig gemacht wird – vor allem im Hinblick auf das Wohl der Menschen mit Behinderung.

Warum haben Sie ihren jetzigen Job bekommen?

Norbert Killewald: Vor meiner Zeit als Landesbehindertenbeauftragter war ich im Landtag und zwar als Abgeordneter. Als es vor zwei Jahren Neuwahlen gab und eine neue Regierung gebildet wurde, war es deren Aufgabe auch einen Behindertenbeauftragten für das Land NRW zu ernennen. Da ich unter anderem über die notwendigen Fachkenntnisse verfüge, fiel die Wahl auf mich und diese Aufgabe habe ich dann gern übernommen.

Arbeiten Sie in einem Büro?

Norbert Killewald: Das ist ganz unterschiedlich. Ein Drittel meiner Zeit verbringe ich in meinem Büro in Düsseldorf. Ich bin aber auch oft im Landtag unterwegs und spreche dort mit Politikern und Parteien, sowie mit der Regierung und den Ministerien. Eine weitere Aufgabe von mir ist auch, durch das Land zu reisen und mit Menschen wie hier in Kontakt zu kommen.

Welche Hobbys haben Sie?

Norbert Killewald: So gut wie keine, ich arbeite einfach sehr viel. Dennoch nehme ich mir ein bisschen Zeit und jogge meist nach dem Aufstehen. Auch arbeite ich gern im Garten und verbringe natürlich gern jede freie Minute mit meiner Familie.

Was haben Sie schon erreicht?

Norbert Killewald: Momentan versuche ich zum Beispiel die Landesbauordnung zu ändern. Also ein Gesetz das sagt, was wie wo gebaut werden soll. Und das ist für Menschen, die ein Handicap haben, z.B. im Rollstuhl sitzen, enorm wichtig. Darin gilt es auch festzulegen, was barrierefrei ist und was nicht. Also wie breit Türen in Neubauten sein sollen oder wie groß ein Bad in einem Wohnheim sein muss. Erreicht habe ich, dass man überhaupt darüber diskutiert und wir damit immer mehr zu einer Barrierefreiheit kommen. Alles andere kann ich noch nicht verraten, weil die Regierung erst mal sagen muss, was sie von dem denn vorschlagen will.

Haben Sie denn auch städtebaulich einen Einfluss? Also zum Beispiel, dass öffentliche Einrichtungen behindertengerecht gebaut werden?

Norbert Killewald: Ich selber mache ja keine Gesetze. Aber die Regierung hat mich in den letzten Monaten gefragt, was die Menschen mit Behinderung unter Barrierefreiheit verstehen. Wir haben dann sehr lange diskutiert. Am Ende stand eine gute Beschreibung, was ist behindertengerecht. Die wird die Regierung nun nehmen um sie in Gesetze reinzuschreiben.

Haben Sie selber auch Expertenrunden, also Treffen mit Menschen mit Behinderung, die Sie dann beraten und bei denen Sie sich Ratschläge holen?

Norbert Killewald: Ich weiß nicht alles, aber ich weiß, wo ich mir das Wissen holen kann. Ich ziehe oft Menschen mit Fachwissen zu Rate und dazu gehören natürlich an vorderster Stelle Menschen mit Behinderung als Experten in eigener Sache. Gott sei Dank sind wir hier in Nordrhein-Westfalen z.B. gerade auch über die Selbsthilfe hervorragend aufgestellt und es gilt auf allen Ebenen: „Nicht über uns, ohne uns!“

Und wie arbeitet man dann - zum Beispiel in Runden mit Fachleuten – weiter daran, dass Themen wie Inklusion auch weiter in die Gesellschaft getragen und dort auch gelebt werden?

Norbert Killewald: Es wird wohl künftig einen Inklusionsbeirat geben. Dort werden dann viele Vertreter, zum Beispiel aus den Behindertenverbänden, aber auch den Ministerien zusammen kommen und unter anderem auch überlegen, wie ein Thema wie Inklusion in Kampagnen weiter verbreitet werden kann. Und im Bezug auf Kampagnen hab ich gelernt, dass Menschen immer dann zuhören, wenn man ihnen konkrete Zahlen liefert. So könnte man der Gesellschaft einmal vorrechnen, was ein Heim für Menschen mit Behinderung eigentlich kostet und was das dann auch letztlich wieder für die Gesellschaft bringt. Eine Studie hat nämlich gezeigt, dass von einem Euro der in diesen Bereich investiert wird, 97 Cent auch wieder hinaus in die Wirtschaft und die Gesellschaft fließen.

Alle reden von Inklusion, doch viele wissen gar nicht, was das ist. Erklären Sie den Begriff bitte so, dass ihn jeder versteht!

Norbert Killewald: Wir sind alle unterschiedlich, keiner ist gleich. Wenn wir also zusammen einen Kuchen backen wollen und einige nicht wissen wie man Eier trennt, dann muss jeder das anders erklärt bekommen, wie es geht. Jeder macht das dann auf seine Art und das ist dann auch gut so, auch wenn es unterschiedlich ist. Und letztlich ist es dann doch trotzdem gut, wenn man das zusammen gemacht und es zusammen gelernt hat.

Einige Menschen mit Behinderungen verstehen vielleicht nicht alle Zusammenhänge der Politik. Sollen diese Menschen überhaupt wählen dürfen?

Norbert Killewald: Wer Staatsbürgerrechte hat, soll auch wählen dürfen. Das ist für mich ganz klar. Es sagt ja auch keiner wie klug ich bin – und ich darf auch wählen. Das Grundgesetz sagt ganz deutlich, dass alle Menschen gleich sind. Für mich ist es daher selbstverständlich, dass Menschen mit einer Behinderung genauso wählen dürfen wie andere auch.

Warum werden wir eigentlich nicht anerkannt?

Norbert Killewald: Die Gesellschaft muss noch lernen, dass jeder Mensch anders ist. Es gibt niemanden, der gleich ist. Und ganz ehrlich: Ich hoffe selber, das kein anderer Mensch so ist, wie ich. Ich glaube, dass es in 20 oder 30 Jahren selbstverständlich sein wird, dass Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam Kindergarten, Schule und Arbeit besuchen. Und wenn das soweit ist, dann wird es weniger werden, dass andere Menschen Menschen mit Behinderung manchmal komisch angucken.

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