Kommunen

Wie stoppt man den Fortzug?

Foto: WAZ

NRW-Städte versuchen sich gegen den großen Einwohner-Aderlass zu wappnen – mit mehr oder weniger Erfolg. Ende 2008 lebten 63 557 Menschen weniger als im Jahr davor in dem bevölkerungsreichsten Bundesland. Erstmals zogen weniger Menschen an Rhein und Ruhr, als Nordrhein-Westfalen verließen.

Die Nordrhein-Westfalen werden immer weniger. Die jüngsten Zahlen vom Landesamt für Statistik: Ende 2008 zählte das bevölkerungsreichste Bundesland „nur” noch 17 933 064 Einwohner, 63 557 weniger als ein Jahr zuvor. Erstmals zogen überdies weniger Menschen aus anderen Bundesländern und dem Ausland an Rhein und Ruhr, als das Land verließen. Hinzu kommt: Einmal mehr sind auch mehr Einwohner gestorben als Babys geboren wurden.

Nur der große Wurf hilft noch

„Vor allem die Ruhrgebiets-Städte müssen sich jetzt langsam darauf einstellen, dass ganze Straßenzüge und Viertel nicht länger zu halten sind”, mahnte Professor Rudolf Juchelka, Wirtschaftsgeograf von der Uni Duisburg-Essen, im Gespräch mit der NRZ. Ganze Stadtviertel verödeten. Abhilfe versprächen mancherorts nur noch großangelegte Umstrukturierungen.

Im Duisburger Problembezirk Bruckhausen etwa werden in den kommenden zehn Jahren mehr als 100 Wohnhäuser abgerissen – eine hügelige Parklandschaft soll dort entstehen. „Es gibt wirklich mehr als ausreichend Wohnraum in Duisburg”, erklärt Stadtsprecher Josip Sosic. Das Projekt „Grüngürtel Nord” habe die hoch verschuldete Stadt nur finanzieren können, weil Thyssen-Krupp die Hälfte der Kosten von 72 Mio Euro spendet und der Rest von Land und EU kommt.

Der Einwohneraderlass – in Kommunen wie Duisburg hält er schon seit Jahren an: Waren bei den Meldeämtern der Rhein-Ruhr-Stadt im Jahr 2000 noch 514 915 Menschen registriert, führte die Statistik Ende 2008 nur noch 494 048. Ein solcher Schwund hat Konsequenzen für die komplette Infrastruktur, von Neubaugebieten und Freizeiteinrichtungen bis zum Bildungsbereich: „Die Schülerzahlen werden sinken”, erinnert Wirtschaftsgeograf Juchelka. Konzepte für die Zusammenlegung von Schulen müssten längst in den Schubladen der Verwaltungen liegen. Tun sie auch meist. Gegen den Widerstand von Bürgern lassen sie sich aber oft nicht durchsetzen, zumindest nicht im Wahljahr.

Wenngleich die Bevölkerungszahl landesweit sinkt: Es gibt auch Einwohner-Gewinner – die Rheinachse zum Beispiel. „Bonn, Düsseldorf und Teile des Niederrheins sind wirtschaftlich stark, attraktiv und haben eine hervorragende Infrastruktur”, erklärt Fachmann Juchelka. Düsseldorf liegt im Vergleich der größten NRW-Städte nur noch ganz knapp hinter Dortmund auf Platz 3 (ganz oben: Köln). Die Landeshauptstadt verzeichnet seit Jahren ein Bevölkerungsplus: 584 217 Einwohner waren 2008 in der Stadt am Rhein gemeldet, 3095 mehr als 2007.

Kostenfreie Kita-Plätze in Düsseldorf

Woran das liegt? In Düsseldorf fänden viele erstens eine Arbeit und zweitens „lockt die Stadt mit interessanten Angeboten”, wirbt Rathaussprecher Michael Bergmann. Beispiel Kindergartenplätze: Eltern bräuchten dafür ab 1. August keinen Cent zu bezahlen.

Solche Angebote haben ihren Reiz. Andere Städte überlegen, wie man gegensteuern kann. „Wir müssen Familien dazu bringen, hierzubleiben”, fordert Stadtplaner Michael Kleffa aus Wesel. Wie? Darüber machen sich die Mitglieder der „Weseler demografischen Gesellschaft” Gedanken. Wesel, wo die Einwohnerzahl um 134 Menschen auf 61 203 gesunken ist, will u. a. mit einer lebendigen Innenstadt punkten. Damit diese abends, also nach Geschäftsschluss, nicht ausstirbt, sei unlängst beschlossen worden, dass in den oberen Geschossen der City-Häuser nur Wohnraum vermietet werden darf.

Sogar Xanten hat verloren

Selbst Xanten, eigentlich ein Magnet für Zuzügler, hat einen Rückgang hinnehmen müssen, erstmals seit zehn Jahren. Um 40 sank die Zahl der Einwohner auf jetzt 21 531 – und das, obwohl sich die Römerstadt laut Bürgermeister Christian Strunk (CDU) „von einem Kuhkaff zu einem Stern entwickelt” hat. Attraktiv sein will Xanten jetzt unter anderem durch Mehrgenerationen-Projekte. Wie den Platz, der mit einer Boule-Fläche, Bewegungsgeräten für Senioren und einem Sandkasten Jung und Alt gleichermaßen begeistern soll. Morgen wird er eingeweiht.

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