Kolumne

Abtreibungsdebatte: Einmal gut sein lassen, Herr Spahn?

Eine Studie zur Abtreibung. Geht’s noch, Herr Spahn?

Eine Studie zur Abtreibung. Geht’s noch, Herr Spahn?

Foto: dpa/Christian Werner

Berlin  Mit einer Studie die halbe Wählerschaft gegen sich aufbringen – das ist für einen Minister einmalig, findet unsere "Single Mom"-Kolumnistin.

Gesundheitsminister Jens Spahn hat vom Kabinett fünf Millionen Euro extra aus dem Haushalt bekommen – für eine Studie zu den psychischen Folgen von Abtreibungen. Das wurde Sonntag vor einer Woche bekannt.

Kritiker von SPD, Grünen, der Linken und der FDP sprechen von einer „ideologisch motivierten Studie“ – und von Geldverschwendung: Längst haben Wissenschaftler belegt, dass es keine Belastungsstörung nach Schwangerschaftsabbrüchen gebe.

Abtreibungs-Debatte sorgt für Wut

, Alice Schwarzer kritisierte

massiv und völlig zu Recht, es müsse wohl jetzt eher darum gehen, die Schließungen von Kreißsälen und den Hebammenmangel generell abzuwenden.

Die Kritik prallt am Gesundheitsministerium ab. Ziel der ausdrücklich ergebnisoffen angelegten Studie sei eine umfassende Grundlage, um das Thema in der gesamten Breite in den Blick zu nehmen, sagte ein Ministeriumssprecher am Montag in Berlin.

Die Erkenntnisse könnten auch dazu dienen, die Früherkennung etwaiger psychischer Belastungen zu verbessern und Betreuungs- oder Unterstützungsangebote zu machen. Vorhandene Studien beleuchteten bisher Teilbereiche, aber nicht den Gesamtkomplex.

Die Wochenzeitung „Der Freitag“ stellte vergangene Woche das berühmt gewordene „Stern“-Cover vom 6. Juni 1971 – „Wir haben abgetrieben“ – mit 20 prominenten Frauen nach. Als politisches Statement. Wut herrscht überall.

What a week! Allerdings lassen sich am Ende dieser Woche nach Verkündung von Spahns bewilligter Studie dann doch zwei Dinge festhalten: Selten herrschte eine solche Geschlossenheit und Entschlossenheit zwischen Frauen in der Öffentlichkeit – unabhängig von jedem politischen Lager.

Recht auf Abtreibung bis zum dritten Monat ist Menschenrecht

Zudem ist es wohl ein einmaliger, nie gesehener Vorgang, dass ein Gesundheitsminister es mit einer einzigen Nachricht schafft, die Hälfte seiner Wählerschaft (Frauen von 16 bis 110 Jahren) zu verprellen und nachhaltig zu verstören.

Längst ist es gesellschaftlicher Konsens, dass die Paragrafen 218 und 219 abgeschafft gehören. Junge Ärzte an der Charité, Europas größtem Universitätskrankenhaus, veranstalten mithilfe von US-Geldern der Medical Students for Choice Kurse, weil sie Schwangerschaftsabbrüche auf ihrem Seminarplan vermissen; bis heute gibt es sogar noch (vor allem) katholische Krankenhäuser in Deutschland, die sich aus Glaubensgründen weigern, Abtreibungen überhaupt durchzuführen.

Selbst als Katholikin und Mutter katholisch getaufter Kinder finde ich das skandalös.

Denn das Recht auf legale Schwangerschaftsabbrüche ohne Beratung bis zum dritten Monat ist nicht diskutabel, es ist ein Menschenrecht. Wenn ich mich an die Dringlichkeit dieser Maxime erinnern will, denke ich an meine französische Großmutter.

Sie hatte sieben Kinder und lebte in Frankreich auf dem Land. Nach ihrem vierten Kind wäre sie fast ums Leben gekommen, erzählte mir meine Mutter einmal – ein zu Hause durchgeführter Schwangerschaftsabbruch (ich erspare Ihnen hier die Details).

Sie überlebte – und bekam drei weitere Kinder, in Zeiten vor der Pille in den Sechzigern, noch bevor in Frankreich Abtreibung völlig legalisiert wurde. Sie ließ den Abbruch von einer Nachbarin durchführen, das Geld war sehr knapp nach dem Krieg – gerade für Großfamilien.

„Ihr lebt ja noch im Mittelalter“

Wenn ich an meine Großmutter denke, erinnert mich das auch daran, dass eine Abtreibung in Deutschland bis heute eine Privatleistung ist und immerhin 300 bis 400 Euro kostet; dass es bis heute wohl einen Markt für illegale Schwangerschaftsabbrüche gibt, der betroffene Frauen in Lebensgefahr bringt. Richtig: Unsere Politik lässt das zu.

Und so kann ich den politischen Prozessen – wie viele – nur fassungslos zusehen und auf den ebenso einmaligen Vorgang hoffen, dass Herr Spahn es mal gut sein lässt.

Diese Woche rief mich eine französische Kollegin an, sie wollte eine Information von mir zu der Debatte und sagte ironisch: „Ja, ja, ihr lebt ja noch im Mittelalter.“ Ich bejahte und wir lachten. Eher aus Hilflosigkeit und Zynismus – das, was momentan eben noch geblieben ist.

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