Fehlbildungen

Babys ohne Hände geboren: Sind die Fehlbildungen nur Zufall?

Babys ohne Hände - Fehlbildungen sind ein großes Rätsel
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Gelsenkirchen.  Kommen immer mehr Babys in Deutschland mit Fehlbildungen zur Welt? Mediziner fordern nun ein Zentralregister, um die Frage zu klären.

Babys, die ohne Hände geboren werden, dürften derzeit für Angst bei Eltern sorgen. Auch einige Mediziner sind besorgt. Nachdem es offenbar ungewöhnlich viele Fälle von Fehlbildungen bei Babys in mehreren Kliniken Deutschlands gegeben hat, suchen sie nach der Ursache. Die Ärzte tappen im Dunkeln.

In der Zukunft könnte bei ähnlichen Fällen auch ein Zentralregister helfen. Drei Mediziner der Uni-Klinik Mainz informierten dazu auf einer Pressekonferenz an diesem Mittwoch über mögliche Ursachen für die Fehlbildungen. In Mainz wird seit 1990 ein Geburtenregister geführt, um Risikofaktoren für Fehlbildungen bei Babys zu dokumentieren.

Hier werden alle Fehlbildungen und Entwicklungsstörungen und Fehlbildungen aller Kinder aufgeführt. Das Register wurde nach dem Atomunglück von Tschernobyl eingeführt.

Dadurch sei es möglich zu prüfen, ob die Mutter eines Kindes beispielsweise Medikamente eingenommen hat, die zu einer Störung oder Fehlbildung geführt haben könnten. Annette Queißer-Wahrendorf, die Leiterin des Mainzer Geburtenregisters, sagte zu RTL, dass man nicht zwangsläufig behaupten könne, dass die Fälle zufällig seien. „Wir wissen, dass jedes 16. Kind in Deutschland mit einer Fehlbildung vorkommt und ungefähr sieben pro zehntausend Kinder mit einer Handfehlbildung geboren werden.“ Deshalb seien drei Fälle innerhalb kürzester Zeit auffällig.

„Wir wissen seit Contergan, es gibt auch Überraschungen und da muss man entsprechend aufmerken und das auch untersuchen“, sagte sie. Auch Fred Zepp, Direktor des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin der Universitätsklinik Mainz, schließt einen Zufall nicht aus, fordert aber weiter eine intensive Untersuchung der Fälle. Lesen Sie hier: Babys ohne Hände - Der Contergan-Skandal sollte eine Lehre sein.

Baby ohne Hände geboren: Das Wichtigste in Kürze:

  • In einer Gelsenkirchener Klinik sind mehrere Kinder ohne Hände auf die Welt gekommen
  • Bei der Suche nach der Ursache stehen Ärzte vor einem Rätsel
  • Die Politik fordert Aufklärung. Doch auch in anderen Ländern wie Frankreich beobachtet man eine Häufung der Fehlbildungen bei Babys
  • Die Uni-Klinik Mainz hielt zu dem Thema eine Pressekonferenz ab
  • Dabei ging es um mögliche Ursachen für die Fehlbildungen
  • Mediziner fordern jetzt ein Zentralregister
  • Eine Ärztin sagt, dass man nicht alles auf den Zufall schieben kann

Damit könnten Auffälligkeiten bei Neugeborenen über einen längeren Zeitraum besser dokumentiert und miteinander verglichen werden.

Ursache weiter unklar

Neue Erkenntnisse zu möglichen Ursachen der Fehlbildungen konnten die Mediziner nicht mitteilen. Warum die in einer Klinik in Gelsenkirchen geborenen Babys Fehlbildungen erlitten haben, bleibt somit weiter unklar.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte zuvor erklärt, Nordrhein-Westfalen koordiniere gerade, dass es überhaupt eine Datenerhebung gebe. Es gelte zunächst, die Faktenlage zu klären, ob es tatsächlich zu gehäuften Fehlbildungen gekommen sei. Spahn warnte davor, „durch Spekulationen aller Art“ Menschen zu verunsichern.

Warum Kinderkrankheiten nicht nur für Kinder gefährlich sind
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Wie viele Kinder betroffen sind, ist nicht bekannt. Fest steht, dass nicht nur in einer Gelsenkirchener Klinik in NRW geborene Kinder mit Fehlbildungen zur Welt gekommen sind.

Bundesländer wollen gemeinsam Daten sammeln

Alle Bundesländer wollen nun mehr Informationen einholen. Dazu soll bei Krankenhäusern in den Ländern abgefragt werden, ob ähnliche Fehlbildungen aufgefallen sind. Das sei am Dienstag bei einer Telefonkonferenz vereinbart worden, teilte ein Sprecher des bayerischen Gesundheitsministeriums in München mit.

„Das bayerische Gesundheitsministerium nimmt die Berichte über das gehäufte Auftreten von Fehlbildungen der Hand bei Neugeborenen an einer Klinik in Nordrhein-Westfalen sehr ernst“, heißt es dazu von den bayerischen Behörden.

„Bild“ beziffert die Zahl der Fälle auf etwa 30 Eltern. So viele sollen sich bei einer Hebamme gemeldet haben, die nach Angaben des Blattes die Fälle öffentlich gemacht haben soll. Allerdings gibt es Zweifel, ob alle diese Fälle in Verbindung miteinander stehen. Zum Teil seien die Kinder deutlich älter als die jetzt geborenen Kinder mit den Fehlbildungen an der Hand.

Babys ohne Hände - Was ist die Ursache für Fehlbildungen?

Im Sankt Marien-Hospital Buer in Gelsenkirchen waren zwischen Juni und Anfang September drei betroffene Kinder auf die Welt gekommen. In dem nicht weit von Gelsenkirchen entfernten Essener Elisabeth-Krankenhaus, mit 2500 Geburten eine der größten Geburtskliniken in Nordrhein-Westfalen, gibt es offenbar eine Häufung.

Bei der Gelsenkirchener Klinik, bei dem die Fälle jetzt bekannt wurden, scheint man zunächst zurückhaltend reagieren zu wollen. Doch die Häufung über den kurzen Zeitraum verwundert die Mediziner. „Das mehrfache Auftreten jetzt mag auch eine zufällige Häufung sein. Wir finden jedoch den kurzen Zeitraum, in dem wir jetzt diese drei Fälle sehen, auffällig.“

Fehlbildungen durch Infektionen in der Schwangerschaft möglich

Statistisch würden etwa ein bis zwei Prozent aller Neugeborenen mit einer Fehlbildung unterschiedlicher Ausprägung geboren, wie die Gelsenkirchener Mediziner erläuterten. Extremitätenfehlbildungen könnten während der Schwangerschaft unter anderem durch Infektionen auftreten, seien insgesamt aber selten. Bei allen drei Kindern ist jeweils eine der beiden Hände betroffen.

Die Gelsenkirchener Klinik will die Fälle jetzt in regionalen Qualitätszirkeln der Kinder- und Jugendärzte thematisieren. Auch habe man Kontakt mit Fachleuten der Berliner Charité aufgenommen.

Babys ohne Hände: Keine Hilfe aus Berlin

Von dort hieß es am vergangenen Freitag: „Der derzeitige Informationsstand erlaubt weder der Charité noch insbesondere der Embryonaltoxikologie eine inhaltliche Stellungnahme zu diesem Thema.“ Auch der Deutsche Hebammenverband lehnte am Freitag eine Stellungnahme ab.

Auch im rund 25 Kilometer von Buer entfernten Datteln soll im Sommer ein Kind mit fehlgebildeter Hand zur Welt gekommen sein, wie die Online-Ausgabe der „Recklinghäuser Zeitung“ berichtet. Es handele sich nach Angaben der Vestischen Kinder- und Jugendklinik in Datteln um die gleiche Fehlbildung, wie sie bereits in Gelsenkirchen aufgetreten sein soll.

Chefärztin Claudia Roll findet der Zeitung zufolge vier Fälle in so kurzer Zeit verdächtig. Dahinter könnten der Medizinerin zufolge Medikamente, Umweltgifte oder auch Virusinfektionen stecken.

Babys mit Fehlbildungen an Händen: Allein im Ruhrgebiet fünf Fälle

Auch in Dorsten kam im Frühjahr ein Junge zur Welt, der an einer Hand keine Finger hat. Damit gibt es alleine im Ruhrgebiet fünf offensichtlich ähnliche Fälle. Die Mutter des Kindes aus Dorsten spricht nun gegenüber unserer Redaktion über ihre Erfahrungen und wann sie von der Fehlbildung erfuhr. Das lesen sie hier: Babys ohne Hände: „Ich liebe Leon, als ob er gesund wäre.“

Fehlbildungen bei Babys: Medien berichten über Fälle in Thüringen

Auch im thüringischen Mühlhausen sind zwei Fälle bekannt geworden. Wie der Sender RTL berichtet, lebt dort der zweijährige Pepe, der eine ähnliche Fehlbildung der Hand hat wie die Kinder in Nordrhein-Westfalen. Dem Bericht zufolge haben die Eltern untersuchen lassen, ob bei Pepe ein Gendefekt vorliegt – es habe keiner festgestellt werden können.

„Bild“ berichtet über eine werdende Mutter, der die Ärzte gesagt haben, dass ihrem Kind Teile der Hand fehlen. Im Gegensatz zu den anderen bekannt gewordenen Fällen soll das Baby dieser Frau weitere Fehlbildungen haben.

Auch Fälle in Frankreich bekannt

Der Humangenetiker Dr. Ulrich Finckh aus Dortmund arbeitet eng mit dem Hygieneinstitut Gelsenkirchen zusammen. Bei Hinweisen auf eine Häufung angeborener Anomalien „müsste bei den Familien eine sorgfältige Erhebung der Familien- und Schwangerschaftsvorgeschichte erfolgen“, sagte er. Dabei wäre besonders auf Medikamenteneinnahme und Nahrungsgewohnheiten zu achten.

In Frankreich gab es in den vergangenen Jahren ebenfalls eine Häufung an Fehlbildungen bei Kindern. Allein im Verwaltungsbezirk Ain nordöstlich von Lyon sind es 18 Fälle zwischen 2000 und 2014 in einem eng begrenzten Gebiet.

Hinzu kommen ähnliche Fälle von Babys, die ohne Hände auf die Welt kamen, in zwei Departements im Nordwesten Frankreichs. Emmanuelle Amar, die Leiterin des regionalen Melderegisters für vorgeburtliche Fehlbildungen in Lyon, weist in ihrem Bericht auf die Orte hin, an denen die betroffenen Frauen während ihrer Schwangerschaften lebten.

  • Fälle sind ein Mysterium: Fehlbildungen von Babys in Frankreich seit vielen Jahren

Alle kommen ihr zufolge aus kleinen Dörfern, wohnen umgeben von Raps-, Sonnenblumen- und Maisfeldern. Die Behördenuntersuchungen in Frankreich blieben bislang ohne zufriedenstellende Ergebnisse für die Betroffenen.

Axelle Laissy aus Ain bei Lyon, deren Sohn Louis mit einer fehlgebildeten Hand zur Welt kam, glaubt nicht an Zufall. „Ich will die Wahrheit wissen“, sagte sie – und stellte im August Anzeige gegen unbekannt wegen fahrlässiger Körperverletzung. (mit dpa-Material)

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