Internetkriminalität

BKA: Zahl der jungen Opfer von Kinderpornografie steigt

Foto: Thomas Niedermueller / Getty Images

Gießen/Berlin  Die Opfer werden jünger, die Videos von Missbrauch auf illegalen Plattformen brutaler: Ermittler kämpfen gegen die Kinderporno-Szene.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

In der Weihnachtszeit gibt sich der 61 Jahre alte Uwe-Michael G. viel Mühe für die Besucher auf seiner Webseite. Er schmückt das Forum, das er als Grafiker gestaltet, mit einem Bild: ein Penis, der aussieht wie ein Schoko-Nikolaus, die glitzernde Folie schon abgepellt, lang und schmal. Daneben steht das Bild eines jungen Mädchens, vielleicht acht Jahre alt, ein blonder Zopf, der Rock bis zu den Knien. Das Mädchen lächelt. Neben dem Penis montiert G. in blauer Schrift den Namen der Webseite: „Elysium“. Es ist Advent 2016.

In der griechischen Mythologie ist dieser Ort die „Insel der Glückseligen“ – im verschlüsselten Internet, dem „Darknet“, eine Plattform, auf der Straftäter Tausende Videos und Fotos von missbrauchten Kindern hochluden und anschauten.

Wer exklusive Filme anschleppt, wird zum Star der Szene

Im August 2016 reist der 61-jährige Deutsche aus Bayern nach Österreich. Uwe-Michael G. trifft sich mit einem Vater aus Wien. Ein Video zeigt die Männer – mit dem Sohn und der Tochter des Österreichers, erst fünf und sieben Jahre alt. Die Beschuldigten fotografieren die nackten Kinder, berühren sie an den Genitalien. Das Video landet später auf der Plattform „Elysium“.

Mittlerweile sitzt Uwe-Michael G. in Untersuchungshaft. Der Vorwurf: bandenmäßige Verbreitung von Kinderpornografie und Kindesmissbrauch. Drei weitere Hintermänner, darunter Gründer und Administratoren der Plattform „Elysium“, sind ebenfalls im Fokus der Justiz. Im Sommer soll der Prozess am Landgericht Limburg beginnen.

Im vergangenen Jahr schalten deutsche und österreichische Ermittler die illegale Internetseite ab. Sie war nur einige Monate online. Doch das Darknet-Forum hatte schnell bis zu 87.000 Mitglieder. Nicht einmal ein Passwort war notwendig, um auf die Seite zu kommen. Es gab Chaträume auf Deutsch, Englisch, Portugiesisch und Spanisch. Jeden Tag luden Nutzer Filme und Bilder auf die Seite, oftmals Material, das schon seit Jahren auf anderen illegalen Foren im Umlauf war. Oft aber auch neue Videos. „Danach giert die Szene“, sagen Ermittler. Wer exklusive Filme von missbrauchten Kindern anschleppt, gilt als „Star“. Manche Foren haben dafür eine eigene Bühne, die „Producers Lounge“, eine Art VIP-Raum für Kinderschänder.

Missbrauch von Freiburger Jungen: Erster Angeklagter vor Gericht
Missbrauch von Freiburger Jungen: Erster Angeklagter vor Gericht

Kinderporno-Tausch im Netz wächst seit den Neunzigern

Spätestens seit Mitte der Neunzigerjahre tauschen Pädophile kinderpornografisches Material nicht mehr per Post oder bei geheimen Treffen aus, sondern über das Internet. Seit 2010 ermittelt das Bundeskriminalamt (BKA) jährlich zwischen 6200 und 7600 Fälle von Kinderpornografie. Oftmals sind Hunderte Nutzer einer Plattform gleichzeitig im Fokus. Ermittler konzentrieren sich auf die Hinterleute: Foren-Betreiber, Administratoren, Programmierer. Und sie setzen darauf, dass sie digitale Spuren hinterlassen, etwa die Kennung des Computers, mit dem eine Plattform programmiert wird.

Mehrfach hatte die Polizei zuletzt Erfolg. Seit Donnerstag sitzt ein 41-Jähriger vor dem Landgericht Freiburg auf der Anklagebank. Eine Mutter soll ihren neunjährigen Jungen gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten im Internet angeboten und Männern gegen Geld für Vergewaltigungen überlassen haben. Der Angeklagte ist einer von acht Beschuldigten, die den Jungen missbraucht haben sollen. Weitere Prozesse in diesem Fall folgen.

Missbrauch via Skype-Chat

In Aachen läuft ein Prozess gegen einen Vater, der seinen erst zwei Jahre alten Sohn mindestens 15 Mal in seiner Wohnung missbraucht haben soll. Von einem anderen Mann aus Dänemark bekam der Vater Anweisungen – per Skype-Chat. Der Däne stellte die Videos dann auf eine illegale Plattform im Internet.

Diese Woche begann ein Prozess vor dem Landgericht Traunstein gegen einen 48 Jahre alten Deutschen. Der Vorwurf: Der Mann saß zuhause – und gab von seinem Computer aus Anweisungen für den Missbrauch von Kindern. Per Chat aus Oberbayern auf die andere Seite der Welt. Dort saß eine philippinische Mutter vor einer Videokamera, die ihre drei Kinder gegen Geld für „Spielchen“ mit dem reichen Deutschen anbot.

Neuer Missbrauchsprozess gegen Bill Cosby begonnen
Neuer Missbrauchsprozess gegen Bill Cosby begonnen

Philippinen sind Kinderporno-Hotspot

Missbrauch von Kindern per Livestream etwa über Skype oder den Messengerdienst Whatsapp ist ein Trend, den Experten zunehmend erkennen. Live-Bilder hätten in der Szene „einen hohen Wert“, sie würden den Tätern als „besonderer Kick“ gelten, da das Ende des Missbrauchs offen ist, sagt Georg Ungefuk unserer Redaktion. Er ist Oberstaatsanwalt und Sprecher der Zentralstelle zur Bekämpfung von Internetkriminalität (ZIT) in Gießen, die an der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt angesiedelt ist. 2017 stieg die Zahl der Kinderpornografie-Verfahren bei der ZIT laut hessischem Justizministerium auf 2551. 2016 waren es noch 1504.

Im Fokus der Fahnder immer wieder: die Philippinen. In dem Land produzieren organisierte Kriminelle massenhaft Live-Übertragungen. Wer arm ist, für den kann das Geschäft mit Pornografie eine schnelle Geldquelle sein. Konsumenten bezahlen häufig mit der digitalen Währung „Bitcoin“ oder per Geldtransfer – sie schicken mehrere kleine Beträge, damit Computer der Finanzfirmen keinen Alarm schlagen.

Viele Menschen auf den Philippinen sprechen Englisch. Das hilft den Tätern, die Übertragungen auf dem internationalen Markt anzubieten. Und der weltweite Ausbau von schnellen Internetleitungen befeuert das Geschäft von Kriminellen. Wer Kindesmissbrauch über Livestream produziert, kann das heute versteckt aus den abgelegenen Ecken etwa der Philippinen tun. Für die Mittäter in Deutschland gilt: Wer live chattet, muss keine illegalen Videos auf seinen Computer laden. Sie hinterlassen keine Spuren auf ihren Rechnern.

Mehr Opfer jünger als sechs Jahre

Die Opfer sind zu drei Vierteln Mädchen, die Täter meist Männer. Sie kommen aus allen gesellschaftlichen Gruppen, sind Ärzte, KfZ-Mechaniker, Büroangestellte oder Anwälte. Sehr häufig sind die Täter die Eltern, Verwandte oder Bekannte der Familie des Kindes. Und die Ermittler sehen weitere Trends in der Szene: Der Anteil der Opfer unter sechs Jahren sei in den vergangenen Jahren gestiegen, heißt es beim Bundeskriminalamt. Von Polizeibehörden in Deutschland und aus dem Ausland, aber auch von Kinderschutzorganisation gebe es beim BKA ein „hohes Hinweisaufkommen“. Auch das hessische Justizministerium gibt an, dass der Anteil der Missbrauchsabbildungen zunehme, die „sehr junge Opfer, auch Säuglinge und Kleinkinder“ zeigen.

Schwerer sexueller Missbrauch: Tatverdächtiger in Krefeld festgenommen
Schwerer sexueller Missbrauch: Tatverdächtiger in Krefeld festgenommen

Die Opfer von Missbrauch werden immer jünger – das Bildmaterial wird immer drastischer. Julia Bussweiler ist Staatsanwältin bei der ZIT in Gießen und ermittelt zu illegalen Plattformen wie „Elysium“. Die Juristin sagt: „Wir sehen häufig Videos, in denen sexualisierte Gewalt ausgeübt wird.“ Filme, in denen Kinder geschlagen oder gefesselt werden. „Auch Videos oder Fotos, in denen Säuglinge missbraucht werden, kommen oft vor.“ Sogar Tierpornografie mit Kindern sei ihnen bei Ermittlungen untergekommen, sagt Bussweiler. Für jeden Fetisch gibt es einen Chatraum.

Cola-Dosen mit bulgarischer Aufschrift?

Auch die EU-Polizeibehörde Europol bestätigt, dass die Opfer jünger werden und die Filme brutaler. 1200 Polizisten aus europäischen Staaten arbeiten in der länderübergreifenden Behörde. 180 Operationen koordinierte Europol 2017 allein im Bereich Internetkriminalität, in rund 60 Fällen ging es um Kindesmissbrauch. Wie ihre Kolleginnen und Kollegen in deutschen Kriminalämtern analysieren Ermittler in der Zentrale in Den Haag täglich etliche Videos und Filme von illegalen Plattformen. In den Szenen, in denen Kinder missbraucht werden, suchen die Kriminalisten nach Hinweisen: eine Cola-Dose mit bulgarischer Aufschrift auf dem Tisch, eine österreichische Tageszeitung in der Ecke, besonders auffällig Möbelstücke oder besondere Gebäude, die man durch das Fenster sieht.

Täter können illegales Material verschlüsseln und im Netz verbreiten – doch auch sie hinterlassen Spuren. Spiegelt sich im Video das Gesicht des Täters in der Glasvitrine im Zimmer? Huscht ein Arm mit einem auffälligen Tattoo durch das Bild? Europol veröffentlicht diese Details aus den illegalen Filmen als Fahndungsfotos im Internet.

Doch trotz des Aufbaus von Spezialeinheiten, trotz verstärkter Zusammenarbeit von europäischen Polizisten mit Behörden vor allem in den USA – häufig sind illegale Chats so gut verschlüsselt und Nutzerdaten so gut anonymisiert, dass Polizisten die wahre Identität, den Wohnort oder die Kontodaten eines Tatverdächtigen nicht herausfinden können.

Täter agieren „sehr vorsichtig und konspirativ“

Die Täter agieren in vielen Fällen „sehr vorsichtig und konspirativ“, sagt Staatsanwältin Bussweiler. In den Foren tauschen sich Pädophile darüber aus, wie sie unerkannt bleiben: Den Laptop immer mit Bargeld bezahlen, um keine Daten von Kreditkarten zu hinterlassen. Illegale Videos nur in Cafés herunterladen, dort, wo das Internet für alle frei zugänglich ist – und Ermittler digitale Spuren unter den Hunderten Besuchern kaum entdecken können. Nutzer sollen nie Emails schreiben, sondern Nachrichten immer in verschlüsselten Chats.

Ende des Jahres verhafteten australische Ermittler Produzenten und Nutzer der Plattform „Childs Play“ mit Hunderttausenden Mitgliedern. Nachdem Polizisten die Betreiber der Webseite in einer Geheimaktion festgenommen hatten, übernahmen die Beamten deren Identität im Netz und betrieben das Portal weiter. Fast ein Jahr beobachteten sie, wie Täter neue Videos hochluden. Und die Polizisten stellten selbst altes Material mit Kinderpornografie auf die Seite – um weiter unentdeckt zu ermitteln. Denn wer ein illegales Forum nutzt, muss selbst regelmäßig Filme oder Bilder auf die Seite stellen. „Keuschheits-Test“ heißt es in der deutschsprachigen Szene. Eine Art Beweis, dass ein Nutzer kein Polizist ist. Wer selbst nichts postet, macht sich verdächtig – und wird ausgeschlossen.

Verdeckt ermitteln, Vertrauen aufbauen

Anders als in Australien dürfen Polizisten in Deutschland keine Videos oder Fotos von missbrauchten Kindern posten, selbst wenn sie damit ihre Ermittlungen tarnen, schließlich würden sie ein illegales Geschäft befeuern – und sich strafbar machen.

Mit Hunderten Beamten sind deutsche Kriminalämter im Darknet verdeckt unterwegs. Unter Tarnidentitäten versuchen sie, Kontakt zu den Kinderschändern aufzubauen, ihr Vertrauen zu erschleichen, um ihnen Informationen zu entlocken. Denn einerseits agieren Betreiber und Nutzer von Foren konspirativ. Andererseits ist ein illegaler Chat oftmals der einzige Ort, an dem ein Pädophiler mit Gleichgesinnten über sexuelle Fantasien reden kann. „Das ist die Chance für die Verdeckten Ermittler, um Vertrauen zum Täter aufzubauen“, sagt Staatsanwältin Bussweiler. Wo war er im Urlaub? Lebt er im Süden oder im Norden? Arbeitet er als Mechaniker oder als Kaufmann? Wurde er zuletzt in einem Krankenhaus wegen einer seltenen Krankheit behandelt? So setzen die Fahnder ein Puzzle der Chat-Teilnehmer zusammen, um ihnen auf die Spur zu kommen.

Dürfen Ermittler bald Fake-Kinderpornografie einschleusen?

Hessen Justizministerin und CDU-Politikerin Eva Kühne-Hörmann will den Strafverfolgungsbehörden mehr erlauben. So sollen sie zur Tarnung künstlich erstellte Videos von Kindesmissbrauch hochladen dürfen – digital animiert mit Computerprogrammen. „Wenn wir unseren Ermittlern nicht die Möglichkeit geben, in Einzelfällen digital erstellte kinderpornografische Dateien einzusetzen, die als Eintrittskarte in geschlossene Tauschzirkel verlangt werden, werden wir kaum in der Lage sein, gegen Hintermänner und Szenegrößen vorzugehen“, sagt Kühne-Hörmann unserer Redaktion.

Ähnlich fordert es Bayerns Justizminister Winfried Bausback. Doch auch Fake-Kinderpornografie ist rechtlich heikel. Denn soll sie echt wirken, befeuern solche Videos die Nutzung einer Webseite. Und der Besitz, Erwerb oder die Verbreitung von Kinderpornografie steht auch dann unter Strafe, wenn diese ein „wirklichkeitsnahes Geschehen“ wiedergibt.

Fahndung an Schulen

Ob im Kampf gegen Kindesmissbrauch oder bei Aktionen gegen organisierten Handel mit Waffen oder Drogen – Ermittler beklagen, dass ihnen Werkzeuge zur Fahndung aus der analogen Welt im Reich der Cyberkriminellen fehlten. Noch setzen sie darauf, dass Täter irgendwann aus dem Schutz ihrer digitalen Anonymität treten – und ihre Opfer treffen.

Als die Ermittler das Missbrauchsvideo mit dem 61 Jahre alten Grafiker Uwe-Michael G. analysierten, waren sie schnell sicher: Es ist ein zweiter Täter dabei. Die Polizisten fanden heraus, dass der Film in Österreich gedreht wurde. Das Bundeskriminalamt kontaktierte die Kollegen in Wien. Die österreichischen Ermittler wussten: Das Mädchen in dem Video ist im schulpflichtigen Alter. Also traten sie Beamten eine Großfahndung an Schulen los, zeigten Lehrern ein Foto des Kindes. Eine Volksschullehrerin erkannte das Mädchen schließlich. Kurz darauf verhafteten Polizisten den Vater.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben