Labor-Fleisch

Warum der Petrischalen-Burger in den Niederlanden ein Erfolg ist

Sehr teuer und recht trocen war der erste Burger aus der Petrischale. Professor Mark Post von der Universität Maastricht präsentiert das künstliche Fleisch. Zu kaufen gibt es Laborfleisch noch nicht.

Sehr teuer und recht trocen war der erste Burger aus der Petrischale. Professor Mark Post von der Universität Maastricht präsentiert das künstliche Fleisch. Zu kaufen gibt es Laborfleisch noch nicht.

Foto: David Parry / dpa

Essen.   Ein großer Geflügelproduzent will künstliches Fleisch in Petrischalen züchten. In den Niederlanden wird schon lange daran geforscht, die Preise fallen, Geschmack wird besser.

Es war nur ein kleiner Bissen für einen Menschen, aber er könnte dafür sorgen, dass die Menschheit in Zukunft viel zu beißen hat, ohne dass dafür ein Tier sterben muss. Vielleicht waren die Testesser deshalb auch überraschend freundlich, als sie ihr Urteil über den soeben gekosteten Klops abgaben. „Fleischähnlich“, nannte ihn die österreichische Food-Trend-Forscherin Hanni Rützler, und der amerikanische Food-Journalist Josh Schonwald lobte: „Der Bissen fühlt sich an wie bei einem Hamburger.“ Was nicht unbedingt zu erwarten war bei einem Stück Fleisch, das in der Petrischale gezüchtet und von der britischen Presse im Vorfeld „Franken-Burger“ getauft worden war.

Wirklich saftig allerdings war nur der Preis. 250 000 Euro kostete die Bulette, die der niederländische in-vitro-Forscher Mark Post vom Physiologischen Institut der Universität Maastricht geschaffen hatte. Knapp fünf Jahre ist das her und heute ist die Forschung schon viel weiter. Zumindest so weit, dass mit Wiesenhof der größte deutsche Geflügelproduzent in ein israelisches Startup investiert, das Mark Post und mehreren US-Unternehmen in Sachen künstliches Fleisch Konkurrenz macht.

„Schmeckt wie ein schlechter Burger“

Geschmacklich jedenfalls habe sich dank ebenfalls gezüchteter Fettzellen einiges getan: „Unser ,Cultured Beef‘ schmeckt heute schon so gut wie ein schlechter Burger von einer bekannten Fast-Food-Kette“, versichert Post gerne. Bezahlbar soll der Bratling in spätestens zwei bis drei Jahren auch sein. „Zehn bis zwölf Dollar“ werde er bei Massenproduktion kosten – Tendenz fallend. Und Massenproduktion ist angeblich trotz einiger noch zu lösender technischer Probleme nicht schwierig, weil sich die Zellen exponentiell teilen. Nach nur 50 Tagen, heißt es an der Uni Maastricht, seien so aus ein paar Zellen 10 000 Kilogramm Fleisch geworden.

Christoph Then, Leiter des Instituts für unabhängige Folgenabschätzung in der Biotechnologie Testbiotech in München, ist da skeptisch. „Was man bisher produzieren kann, ist teuer und ergibt nur kleine Mengen. Das kann kein Ersatz sein für die Masse an herkömmlich produziertem Fleisch.“ Das Verfahren könne die Massentierhaltung mit ihren negativen Folgen auf absehbare Zeit nicht ersetzen. Tierschützer bedauern das, denn: „In moralischer Hinsicht ist In-vitro-Fleisch positiver zu bewerten als das Abschlachten von Milliarden von Tieren“, sagt die Tierschutzorganisation Peta.

Noch ist völlig unklar, wie die Verbraucher reagieren

„Die Massentierhaltung ist aus ökologischer und ethischer Sicht nicht zu rechtfertigen“, sagt auch der renommierte Düsseldorfer Philosoph und Bioethiker Dieter Birnbacher. Doch letztlich entscheide der Preis und somit der Markt, ob sich das Kunstfleisch auf Dauer durchsetze.

„Der Verbraucher muss informiert werden und soll dann selbst entscheiden, ob er das Fleisch mag oder nicht“, findet auch Peter Liese (CDU), Verbraucherschutz-Experte im Europäischen Parlament. Und obwohl für ein künstliches Schnitzel kein Tier getötet werden müsse, werde genau dieser Verbraucher skeptisch reagieren, glaubt Birnbacher. „Weil das Lebensmittel aus dem Labor kommt und technisch hergestellt wird.“

Investoren in Übersee allerdings haben genau deshalb schon viel Geld locker gemacht. Bill Gates, Richard Branson und Google-Mitbegründer Sergey Brin haben bereits Millionen in die Entwicklung von High-Tech-Frikadellen gesteckt. Und ein Kochbuch gibt es auch schon für das Fleisch aus der Petrischale. Darin hoffen die Autoren sogar auf kulinarische Köstlichkeiten aus der Vergangenheit. Vorgestellt wird ein Rezept für „Gerösteten Raubsaurier“. Gezüchtet werden soll sein Fleisch aus Hühnchen-Zellen, die sich an einem per 3-D-Drucker hergestellten naturgetreuen Dino-Knochen anlagern. Klingt interessant, könnte aber Tücken haben. „Noch ist nicht bekannt, warnt NRW-Verbraucherschützer Bernhard Burdick, „ob Menschen das künstliche Fleisch genauso gut vertragen wie echtes.“

Der Fleischhunger frisst Energie

30 Prozent der eisfreien Landfläche der Erde werden inzwischen direkt oder indirekt genutzt, um den riesigen Fleischhunger der Menschheit zu stillen. Eine Studie von Forschern der University of Oxford kam 2010 zu dem Schluss, dass Fleisch aus dem Labor im Vergleich zu herkömmlichem Fleisch 35 bis 60 Prozent weniger Energie verbrauche.

Außerdem würden 80 bis 95 Prozent weniger Treibhausgase erzeugt und 98 Prozent weniger Land benötigt.

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