Frauengold-Kolumne

Deutsch als Frauensprache – wo bleiben da die Männer?

"Lost": Was sagen junge Leute zum Jugendwort des Jahres?

"Lost" - wörtlich "verloren" - ist das Jugendwort des Jahres 2020. Was sagen junge Leute dazu? AFPTV hat sich in Berlin umgehört.

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Das generische Femininum greift um sich: Wir sprechen nur noch weiblich. Oder Kiezdeutsch. Unsere Autorin fragt sich: Sind wir lost?

Mal abgesehen von Corona und Trump: Es gibt noch einige prima Thema für die Familiendebatte beim Abendessen, das wunderbar die köchelnde Flamme des Generationenkonflikts auflodern lässt. Es handelt sich um unsere Sprache: Deutsch ist herrlich komplex, ein Eldorado für Grammatikfreaks, Besserwisserinnen, Dativhasserinnen.

Selbsternannte Expertinnen – und die gibt es in jeder Generation – springen bei bestimmten Begriffen an wie Kettenhündinnen. Drei Themen garantieren eine lebhafte Familienzeit.

1. Das generische Femininum. Schon gemerkt, liebe Leserinnen? Bisher habe ich immer die weibliche Form benutzt. Das heißt nicht, dass ich nur Frauen anspreche. Die männlichen Leserinnen sind natürlich mit gemeint. Genauso funktioniert das generische Femininum. Mag sein, dass vor unseren geistigen Augen nun vor allem Frauen auftauchen, wenn etwa von Expertinnen die Rede ist. Aber, mal ehrlich, ist das so schlimm? Fühlt sich die Gruppe der männlichen Leserinnen diskriminiert?

Tut mir leid, echt jetzt. War nicht mit Absicht.

Dieses generische Femininum übrigens greift um sich. Das Justizministerium hat in einem Referentenentwurf sogar versucht, das Sanierungs- und Insolvenzrecht durchweg in der weiblichen Form zu schreiben. Die Rede war von der „Gläubigerin“, der „Schuldnerin“ oder der „Geschäftsleiterin“.

Warum sollte Seehofers Innenministerium Ahnung von Sprachwissenschaft haben?

Klingt ja schon komisch. Seit wann treiben Frauen gleichberechtigt Geld ein, machen Schulden oder führen Unternehmen? Empfindlich berührt war Seehofers Innenministerium. Eine männliche Sprecherin erklärte, das generische Femininum sei von der Sprachwissenschaft nicht anerkannt, das generische Maskulinum dagegen schon. Folge: Das Justizministerium knickte ein.

Dabei ist das Seehofer-Argument Blödsinn. Die Sprachwissenschaft erkennt nichts an. Sie beschreibt Sprache und bestimmt sie nicht.

2. Deswegen kümmern sich Sprachwissenschaftlerinnen auch um Kiezdeutsch: Die Sprache der Einwandererkinder, die immer mehr um sich greift. Kostproben: „Gehst du heute auch Limbecker Platz“? Oder: „Isch werde zweiter Januar 16“. Und: „Erst fand isch ihn voll krass, aber jetzt isch hasse ihn“.

Machen Kietzdeutsch, Jugendslang & Co. unsere Sprache kaputt?

Ok, liebe Leserinnen, stimmen Sie mit der Familie ab: Macht Kiezdeutsch die gute deutsche Sprache kaputt? Oder bereichern die neuen grammatischen Formen die gesprochene Sprache? Ja, und was ist das jetzt? Ein neuer Dialekt, dessen Ursprung in Berlin liegt? Oder nur eine Sprache, mit der sich „Jugendliche mit Migrationshintergrund“ abgrenzen?

3. Apropos Jugendliche und ihre Sprache: Was ist eigentlich mit dieser Gewohnheit, ständig englischen Begriffe beizumischen? Unser Teenagerkind jammerte neulich, es sei völlig „lost“ in Geschichte, die Französisch-Lehrerin sei voll „weird“, ja, und, „no front“, an der Lasagne fehle Salz. Alles klar, liebe Leserin, die sich nicht ständig Youtube-Videos aus dem angelsächsischen Raum reinzieht?

„Querlüften“, „Stoßlüften“ – diese Begriffe lernen Amerikaner gerade von uns

Das Kind sagt, in Geschichte stehe es auf verlorenem Posten, die Französisch-Lehrerin sei seltsam, und es meine es nicht böse, wenn es mein Essen kritisiert. Die Kids lieben übrigens am meisten das Wort „lost“ und erklärten es per Abstimmung zum Jugendwort des Jahres. Wahrscheinlich bringt es ihre Gefühlslage am besten auf den Punkt. Was macht es schon, dass es englisch ist?

Die Amerikaner lernen doch jetzt auch das deutsche Wort „lüften“ mit den Varianten „stoßlüften“ und „querlüften“. Unsere Gewohnheit, Luft in die Wohnungen zu lassen, füllt tatsächlich derzeit die angelsächsischen Kolumnenspalten.

Sprachverfall? Aber nein. Das ist Sprachentwicklung

Genug gestritten, liebe Leserinnen? Wie bitte, was ich beschrieben habe, sei ein Ausdruck eines üblen Sprachverfalls? Ach, aber nein. Es ist ein Ausdruck unserer Wirklichkeiten. Würde die Sprache diese Wirklichkeiten nicht widerspiegeln, würden sie in unserer Gesellschaft keine Rolle spielen. Und damit die Frauen. Die Migranten. Die Teenies. Und wer weiß wer noch.

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