Klosterbrauerei

Diese Nonne ist Deutschlands einzige Klosterbraumeisterin

Diese Nonne ist Deutschlands einzige Klosterbraumeisterin

Bier brauen: Schwester Doris Engelhard ist Deutschlands einzige Klosterbraumeisterin. Gebraut wird im bayerischen Kloster Mallersdorf.

Bier brauen: Schwester Doris Engelhard ist Deutschlands einzige Klosterbraumeisterin. Gebraut wird im bayerischen Kloster Mallersdorf.

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Mallersdorf  Bierbrauen hat in Klöstern Tradition. Frauen sind in dem Metier jedoch unterrepräsentiert. Schwester Doris Engelhard ist die Ausnahme.

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Die weichen Sesamhörnchen sind noch warm, sie kommen direkt aus der Klosterbäckerei. Die Marmelade hat die Nichte gemacht, der Kaffee duftet: Morgens um sieben gibt es Frühstück bei Schwester Doris Engelhard, in der großen Küche der Klosterbrauerei. Anderthalb Stunden nach dem ersten Gottesdienst.

Auf der gemütlichen Eckbank sitzt Schwester Regelind. 82 Jahre alt ist sie, war 40 davon in Südafrika, hat sich dort für die Schulbildung benachteiligter Kinder eingesetzt. Jetzt lebt sie wieder im Mutterhaus – und hilft in der Brauerei. Der Mittvierziger Mladen Marjanović betritt die Küche, startklar in blauer Arbeitskleidung. Vor 25 Jahren kam er als Kriegsflüchtling aus Bosnien.

Die einzige Klosterbraumeisterin in Deutschland

Heute ist er einer von 260 Angestellten im Kloster Mallersdorf im Südosten Bayerns. Schwester Doris Engelhard ist die Braumeisterin – sie gibt ihm eine Tasse Kaffee. Was an diesem Märzmittwoch ansteht: Bier abfüllen. Morgens die Flaschen, nachmittags die Fässer.

Schwester Doris Engelhard ist 69 Jahre alt und die einzige Klosterbraumeisterin in Deutschland. Überhaupt gebe es nur noch wenige Klosterbrauereien – was sich sonst so „schimpft“, wie sie scherzhaft sagt, gehört meist in Wirklichkeit nicht zu einem Kloster.

Das Handwerk hat sie bei ihrer Vorgängerin gelernt, Schwester Lisana. „Die war 60 Jahre Braumeisterin“, betont Schwester Doris. Und sie habe ihr imponiert, deshalb sei sie in die Brauerei gegangen, als sie von der Schulleiterin dafür vorgeschlagen wurde. So hat nämlich alles angefangen: Als sie Schülerin war in der damals noch vom Kloster betriebenen Mädchenrealschule mit Internat. Schwester Doris ist quasi in Mallersdorf aufgewachsen.

Die jüngste von zehn Geschwistern kam 1962 mit 13 Jahren hierher – und ist mit kleineren Unterbrechungen bis heute geblieben. Lange kannten die älteren Schwestern sie noch als Wally, denn Walburga ist ihr Taufname, so hieß sie noch als Schülerin. Wie jede Nonne hat sie sich aber, als sie 1971 ins Kloster eintrat, einen neuen Namen ausgesucht. „Das macht man zum Zeichen, dass man einen neuen Weg anfängt“, erklärt sie. Und warum gerade „Doris“? Der sei nicht so lang, man müsse ja in einem Unternehmen so viel unterschreiben, und Engelhard sei schon lang genug.

Da ist er, der Engelhardsche Pragmatismus. Der wird noch öfter aufblitzen.

Eigentlich wollte sie in die Landwirtschaft

Der Brauereiberuf lag in ihrem Fall nicht gerade nah. Früher, zu Hause auf dem Bauernhof in Franken, tranken sie nur Most. Als Schülerin hielt sie sich die Nase zu, wenn in Mallersdorf von Schwester Lisana Bier gesotten wurde. Und überhaupt wollte sie eigentlich Landwirtschaft studieren.

Bereut hat sie die Entscheidung aber nie: „Nein, wenn ich nochmal leben würde, wär’s wieder als Klosterbraumeisterin.“ Die Mutter sei zwar damals nicht begeistert gewesen, habe ihr aber immerhin keine Steine in den Weg gelegt. „Und der Vater hat immer gesagt: Das musst du wissen.“ Als sie dann 1975 ihre Meisterprüfung ablegte, sagte er noch etwas: „Du, wenn deine Mutter das noch erlebt hätte: Die wär stolz.“

Das alles erzählt Schwester Doris Engelhard am Abend vor dem Bierabfüllen in ihrem kleinen Büro. Bei ein bis zwei Flaschen gut gekühltem Mallerdorfer Klosterbräu. Ein Helles. „I mog ka Dunkles und i mog ka Weißbier“, sagt die Brauereichefin. Also braut sie nur Helles. Eins ohne, eins mit Hefe. In der Fastenzeit ein helles Bock, im Mai und zu Weihnachten ein Doppelbock. Insgesamt 3000 Hektoliter im Jahr – ein kleiner Betrieb.

Schon mindestens seit 1623 wird in Mallersdorf gebraut, wie Urkunden bezeugen – damals noch von den Benediktinermönchen, die das Kloster 1107 gegründet hatten. 1803 wurde es in der Säkularisation in Bayern aufgelöst. Die Nonnen der Ordensgemeinschaft „Arme Franziskanerinnen von der Heiligen Familie“ aus Pirmasens, die sich in Schulen und Heimen vor für Kinder einsetzten, suchten Mitte des 19. Jahrhunderts ein Haus, das groß genug für sie war. Sie fanden das alte Benediktinerkloster und bauten es ab 1869 wieder auf. Die Landwirtschaft, den Weinberg. Und ab 1881 wurde auch wieder gebraut.

Sie hält nichts von modernem Schnickschnack

Wie würde sie den Geschmack ihres Bieres beschreiben? „Also, mir schmeckt’s“, sagt sie. Sie lacht sehr herzlich. „12,3 Stammwürze, knapp fünf Prozent Alkohol.“ Von der Farbe her ein Münchner Typ, sagt sie. Mehr Beschreibungen hat sie nicht auf Lager, schon gar keine Vergleiche, dafür trinkt sie zu wenig anderes Bier. Nur soviel ist klar: Von modernem Schnickschnack in der Bierbraukunst hält sie nicht viel.

Das Aroma zu verändern, etwa mit Holunder, wie es im angesagten Craftbeer gerne gemacht wird, da rümpft die Braumeisterin die Nase. Trotzdem bekommt sie seit Jahren regelmäßig Besuch von Craftbeer-Brauerinnen aus Amerika, die in Deutschland auf Studienreise sind. Und die sehen dann, wie hier ein klassisches und vor allem – das ist ja schon wieder sehr angesagt – regionales Produkt hergestellt wird. Die Braugerste baut das Kloster selbst an, den Hopfen kaufen sie in der nahen Hallertau, beim Bauer ihres Vertrauens.

Manche Einheimische kommen direkt zur Brauerei, um das Mallersdorfer zu kaufen, es wird aber auch an Getränkehändler, Tankstellen und Gasthöfe geliefert. Schwester Doris kommt außerdem selbst herum. Auf Klostermärkten und Messen stellt sie ihr Traditionsbier vor – gerade erst war sie in der Schweiz, aber auch schon in Berlin. Dann steht sie da in ihrer Ordenstracht und schenkt aus.

Manchmal gibt es schon morgens ein Glas

Etwa 18 Prozent ihrer Bierproduktion trinken die heute noch 500 im Kloster lebenden Schwestern übrigens selbst. „Es gibt bei uns zu jeder Mahlzeit Bier, außer zum Frühstück“, erzählt Schwester Doris. Dem erstaunten Blick des Gegenübers begegnet sie mit beruhigenden Worten: „Man nimmt an, dass jeder aufhört, bevor er zu viel hat.“ Bier sei ein gesundes Nahrungsmittel, so lange man es nicht sinnlos in sich hineinschütte. Sagt sie.

Und so ist es nicht verwunderlich, dass das Bier an den Freitagen der Fastenzeit sogar ihre einzige Nahrungsquelle war: Eine Maß pro Tag, verteilt auf alle Mahlzeiten. In diesem Fall auch aufs Frühstück, bei dem sie mit einem kleinen Gläschen beginnt. Gegessen wurde an diesen Tagen nichts. Schwächt sie das nicht bei der Arbeit? „Na, i bin ja gut beianand“, sagt sie.

Was ihr besonders gut gefällt an ihrem Beruf ist, dass niemand sonst im Kloster Ahnung davon hat. „Die Generaloberin muss sich auf mich verlassen können. Und wenn mir was nicht passt, dann sag ich schon mal: Davon verstehst du nichts.“ Also ist sie, obwohl in einem Klosterbetrieb, doch ihre eigenen Chefin. Das passt zu ihr, denn was und wie sie erzählt, verrät einen eigenen Kopf. Fröhlich und klar.

Ihre Haltungen sind nicht vollständig deckungsgleich mit den offiziellen der katholischen Kirche. Zum Thema Verhütung und Abtreibung etwa, da findet sie, es gehe ja auch um den Schutz der Frau. Man müsse da mal etwas weiter denken. „Alles hat immer zwei, drei, ach, zehn Aspekte.“ Engstirnigkeit ist Schwester Doris ein Graus, auch in den eigenen Reihen.

Viel Abwechslung in einer kleinen Brauerei

Ihren Glauben beschreibt sie recht unsentimental. Ein Cousin von ihr, ein Pfarrer, habe ihr etwas mit auf den Weg gegeben, als sie ins Kloster eintrat: „Zerscht ois Menschenmögliche doa, dann’s Beten o’fanga, net um’kehrt.“ Also: Erst alles Menschenmögliche tun, dann erst beten, nicht umgekehrt. Daran hält sie sich bis heute.

Darüber, dass sie mit 69 zu den jüngeren Nonnen gehört, dass nur noch alle zwei Jahre mal eine neu ins Kloster eintritt, ist sie nicht traurig. „Wenn die Notwendigkeit für Klöster nicht mehr da ist ... “, sagt sie, „also, für uns selbst brauchen wir nicht leben.“ Den sozialen Einsatz, den sie als Grund für die Existenz der Klöster ansieht, habe der Staat übernommen. Pragmatismus erlebt man bei Schwester Doris eben auch im Großen.

Noch hat sie nicht vor, in Rente zu gehen. Aber selbst der Gedanke, dass eine Nachfolgerin fehlt und am Ende zum ersten Mal seit 1933 keine Klosterbraumeisterin mehr geben könnte, beunruhigt sie nicht. „Dann stellen wir halt einen Braumeister ein“, sagt sie. Oder eine Braumeisterin. Anders als in Großbrauereien hätten Bewerberinnen hier einen Vorteil: Man müsse nicht in immer derselben Abteilung versauern. Ein Leben im Lagerkeller. Ein Leben im Sudhaus: Das wär nichts für sie. In ihrer kleinen Brauerei gehört jeder Schritt des Bierbrauens für jeden zum Alltag. Und heute nun ist es das Abfüllen.

Zurück in die Klosterküche: Viertel nach Sieben, die warmen Sesamhörnchen sind aufgegessen, der letzte Schluck Kaffee wird im Stehen getrunken – auf geht’s. Die Abfüllanlage ist aus den 70ern. Funktioniert tip top. Mladen stapelt Kisten mit Leergut aufs Fließband. Die Flaschen werden herausgezogen und in die Waschanlage geschoben. Dort, wo sie sauber wieder herrauskommen, sitzt Schwester Doris Engelhard auf einem hohen Stuhl und schaut, ob die Lauge ganz runter ist. Ob die Bügelverschlüsse noch in Ordnung sind. Ist einer schief, biegt sie ihn gerade. Fehlt einer, setzt sie einen neuen ein.

Dann wird das Bier, hochgepumpt aus den Tanks im Lagerkeller, eingefüllt. Schwester Regelind steht auf einem Höckerchen am Fließband und schaut, ob die Flaschen wirklich dicht sind. Dann rattern sie zur Etikettierungsanlage. Zack, zack, zack werden die Etiketten draufgeklebt. Unten eins mit einem Bild von Schwester Lisana. Und vom Flaschenhals lächelt Schwester Doris.

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