Schauspielerin

Fluch oder Segen? Helena Zengel ist schon mit elf ganz oben

"Systemsprenger" räumt acht Lolas ab

"Systemsprenger" mit seiner erst elf Jahre alten Hauptdarstellerin Helena Zengel ist der große Gewinner beim Deutschen Filmpreis. Das Drama um ein verhaltensauffälliges Mädchen räumt acht Lolas ab, darunter auch als bester Spielfilm.

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Berlin.  Die 11-jährige Helena Zengel ist die jüngste Darstellerin, die je einen Deutschen Filmpreis gewann. Ist dieser Ruhm Fluch oder Segen?

Noch nie war beim Deutschen Filmpreis ein Sieger jedweden Geschlechts jünger als Helena Zengel, die die Lola als Beste Schauspielerin gewann. Mit gerade mal elf Jahren!

Sie war gleich die Erste, die an diesem Abend ausgezeichnet wurde. Die erste Sensation bei dieser Verleihung, die wegen der Corona-Restriktionen so ganz anders ablaufen musste als sonst. Live im Fernsehen hat man die Preisträgerin dafür in ihrer heimischen Küche in Berlin gesehen, wie sie erst mal ganz sprachlos war. Der gellende Schrei, den man hörte, stammte nicht von ihr, sondern von ihrer Mutter außerhalb des Bildes.

Helena Zengel war umwerfend in „Systemsprenger“, der an diesem Abend auch sonst abräumte mit sieben weiteren Auszeichnungen, und sie hat Nora Fingscheidts Film ganz wesentlich geprägt und getragen als das schwer erziehbare, stets aggressive Mädchen Benni, bei dem auch die Sozialbehörden irgendwann nicht mehr wissen, wie man helfen soll. Solche Problemkinder nennt man dort, wenn auch hinter vorgehaltener Hand, „Systemsprenger“.

Und welch ein Kontrast, dann die echte Helena Zengel zu erleben, wie sie ruhig und fast cool den ganzen Rummel mitmacht, der mit der Premiere des Films auf der Berlinale 2019 losging, dann mit den Nominierungen zum Europäischen Filmpreis und der Kandidatur fürs Oscar-Rennen weiterging und nun in diesem Lola-Regen kulminierte.

Helena Zengel stand schon im Alter von fünf Jahren vor der Kamera

Und trotz ihrer jungen Jahre ist sie schon fast ein alter Hase im Geschäft. Am 10. Juni 2008 in Berlin geboren, stand sie schon mit fünf Jahren das erste Mal vor der Kamera, für ein Musikvideo der Band Abby. Noch im gleichen Jahr drehte sie ihren ersten Film, einen „Spreewaldkrimi“. Kleine Rollen in Krimiserien und Studentenfilmen schlossen sich an. Mit acht dann die erste Hauptrolle in „Die Tochter“, wo sie als Scheidungskind um die Liebe ihrer Eltern buhlt. Schon dieser Film hatte Premiere auf der Berlinale, 2017 war das, weshalb sie 2019 auf dem Festival schon ganz schön selbstsicher auftrat.

Seither hat sie bereits zwei weitere Filme abgedreht: einen Inga-Lindström-Film in Schweden. Und die Bestsellerverfilmung „News of the World“ in den USA – mit Tom Hanks. Da würde sich schon mancher Erwachsener sehr anstrengen müssen, um einfach normal weitermachen zu können.

Aber das blonde Mädchen geht damit ziemlich professionell um. Wenn sie etwa Fotos mit Hanks auf Facebook und Instagram postet. Und zu dem Dreh mit ihm abgeklärte Sätze sagt wie: „Das ist mega aufregend. Aber sonst hat sich eigentlich nicht so viel geändert.“ Auch ihre Lola-Dankesrede klang erstaunlich routiniert. Sie dankte allen Beteiligten, vor allem aber ihrer Mutter, „die mich immer begleitet und unterstützt“. Während die im Off weiter schrille Schreie ausstieß.

Helena Zengel ist mit elf ein Star – Fluch oder Segen?

So sehr man sich mit Helena Zengel freut und ihr den Preis von Herzen gönnt, muss die Frage schon erlaubt sein, ob man einem Kind wirklich einen Gefallen tut, wenn man es derart auszeichnet. Wo ihr Schauspiel doch noch eher Spiel ist als bei den Erwachsenen, die mit ihr nominiert waren. Sind sich die 2000 Mitglieder der Deutschen Filmakademie bewusst, was eine solche Entscheidung mit einem kleinen Mädchen machen kann? Und muss man jetzt Angst haben, es könnte den Boden unter den Füßen verlieren?

Es gibt ja genug tragische Beispiele von kurzem Ruhm und langem Schatten, von Kinderstars, denen die Welt zu Füßen lag und die damit nicht umgehen konnten. Drew Barrymore war so ein Fall, sie war sieben, als sie „E.T.“ küsste, zehn, als sie ihre ersten Joint rauchte, und 12, als sie Kokain nahm. Noch schlimmer ist es, wenn die kleinen Stars groß werden und an ihre früheren Erfolge nicht mehr anknüpfen können. Macaulay Culkin liebten alle in „Kevin – Allein zu Haus“. Eine ganze Generation heißt seither Kevin. Aber nach ein paar Filmen kam Culkin in den Stimmbruch, machte negative Schlagzeilen und landete in der Entzugsklinik.

Foster, Watson und Co.: Es gibt auch Erfolgsgeschichten von Kinderstars

Es muss nicht immer so schlimm enden. Aber man muss auch nicht nach Hollywood blicken, um solche Beispiele zu finden. Die Schwedin Inger Nilsson konnte ihren Traumberuf Schauspielerin nie realisieren, weil alle immer nur die „Pippi Langstrumpf“ in ihr sahen. Thomas Ohrner, Kinderstar durch „Timm Thaler“, landete später in einer Daily Soap, macht heute vor allem Radio und will auf seine frühen Jahre nicht angesprochen werden.

Freilich, es gibt auch positive Beispiele von Schauspielern, die von klein auf Stars waren und ungebrochen große Karrieren angingen. Mickey Rooney und Liz Taylor sind die berühmtesten, auch Jodie Foster kennt man ihr ganzes Leben lang. Und auch Laufbahnen wie die von Emma Watson oder Nicholas Hoult beweisen, dass Kinderstars zu Schauspielern werden können.

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