Prozess

Nach Messerstichen im Milieu: Bewährung erspart Dealer Haft

Foto: Kerstin Kokoska / FUNKE Foto Services

Essen.  Der Hattinger Drogendealer, der zwei Kunden mit dem Messer schwer verletzte, muss nicht in Haft. Er bekam Bewährung unter strengen Auflagen.

Der Hattinger Drogendealer, der zwei Essener Kunden ein Messer in den Bauch gestoßen hatte, muss nicht ins Gefängnis. Das Landgericht Essen verurteilte den 19-Jährigen aus dem Stadtteil Welper am Mittwoch zwar wegen versuchten Totschlags zu zwei Jahren Jugendstrafe, setzte sie aber zur Bewährung mit strengen Auflagen aus. Nach sechs Monaten in Untersuchungshaft verließ der 19-Jährige den Gerichtssaal als freier Mann. Familie und Freunde nahmen ihn in Empfang.

So endete das missglückte Drogengeschäft vom 9. Dezember vergangenen Jahres für ihn letztlich glücklich. Die beiden Kunden hatten im Essener Stadtteil Burgaltendorf beschlossen, sich mit dem Hattinger in Welper zu treffen. Marihuana wollten sie, planten aber, den Dealer nicht zu bezahlen, sondern „abzuziehen“.

Ohrfeige für den Drogendealer

Doch das ging schief. Als einer von ihnen ihm das Tütchen Marihuana aus der Hand riss, gab der Hattinger keinesfalls kampflos auf. Einer der Essener bedrängte ihn deshalb, gab ihm eine Ohrfeige, doch dann stach der Hattinger zu. Auch der Freund bekam einen Stich in den Bauch, als er helfen wollte.

Potenziell lebensgefährlich waren die Verletzungen zwar, betonte Richterin Karin Maiberg, Vorsitzende der XXIV. Jugendstrafkammer, in der Urteilsbegründung, aber konkret war die Lebensgefahr nicht. Die beiden fuhren auf getrennten Wegen sogar noch zurück nach Essen und suchten dort erst nach längerem Zögern das Krankenhaus in Kupferdreh auf.

Polizei Geschichte von einem Unbekannten aufgetischt

Der mittlerweile alarmierten Polizei tischten sie eine abenteuerliche Gesichte von einem Unbekannten am Ruhrufer in Steele auf, der sie mit einem Messer angegriffen habe. Erst nach und nach bekamen die Beamten heraus, vor welchem Hintergrund sich die Attacke in Hattingen abgespielt haben musste.

Anders als ursprünglich in der Anklage geschildert, räumte einer der Essener in der Verhandlung auch ein, den Dealer tatsächlich bedrängt und geschubst zu haben. Mit einem Freispruch wegen Notwehr endete das Verfahren für den Hattinger dennoch nicht. Denn die Kammer sah den Einsatz des Messers als „nicht erforderlich“ an. Richterin Maiberg: „Die Androhung mit dem Messer hätte gereicht.“

Angeklagter bislang nicht vorbestraft

Viel Zeit widmete die Richterin der juristischen Erläuterung dieser auch aus Sicht der Kammer „besonderen Entscheidung“. Denn das Jugendstrafrecht sei geleitet „vom Erziehungsgedanken“. Mit dieser Vorgabe müsse geurteilt werden, was als Strafe angemessen sei. Sie stellte in den Vordergrund, dass der Angeklagte bislang nicht vorbestraft und erst vor drei Jahren abgerutscht sei. Seitdem habe er Ausbildungen abgebrochen, nur wenig gearbeitet und Drogen konsumiert.

Mit strengen Kontrollen will das Gericht ihn jetzt wieder auf den richtigen Weg bringen. Er bekommt einen Bewährungshelfer und muss Sozialstunden leisten sowie ein Anti-Aggressionstraining absolvieren. Außerdem muss er ein Praktikum antreten und danach eine Ausbildung beginnen. Hinzu kommen regelmäßige Urinkontrollen, um auf Drogenkonsum notfalls reagieren zu können. Drei Jahre lang laufen die Kontrollmaßnahmen und Auflagen. Hält er sich nicht daran, muss er doch noch ins Gefängnis.

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