Klimaaktivistin

„Ich freue mich“: Gretas größtes Abenteuer hat begonnen

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Plymouth.  Greta Thunberg ist am Mittwoch auf ihren emissionsfreien Trip nach New York gestartet. Wir waren beim Ablegen in Plymouth vor Ort.

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Noch ein letzter Blick zurück an Land, dann hebt Greta Thunberg ihre Hand, winkt – und die Fotografen aus aller Welt drücken auf den Auslöser. „Viel Glück“, rufen die Zuschauer am Pier. Greta steht am Heck, nickt kurz. Dann bläht sich das Segel der „Malizia II“, die Renn-Jacht dreht sich im Wind, sie verlässt den sicheren Hafen von Plymouth. Nächster Stopp: New York. In 14 Tagen – oder auch: nach mehr als 3000 Seemeilen, Wind und vielleicht haushohen Wellen – wird Greta in den USA an Land gehen.

Bis zuletzt war nicht klar, ob die Malizia tatsächlich nach Zeitplan im südenglischen Plymouth ablegen würde, immer wieder hatte Skipper Boris Herrmann das Wetter gecheckt — die Startbedingungen mussten einfach so optimal wie möglich sein. Schließlich ist eine solche Nordatlantik-Überquerung nicht ungefährlich. „Schlimmstenfalls sind die Wellen so hoch, dass sie brechen und das Boot zu Seite werfen“, erklärt Herrmann.

Denn die 18-Meter-lange Malizia, dessen Strom an Bord von Solarzellen und Unterwasserturbinen erzeugt wird, ist eben kein gut ausgestatteter Luxus-Segler – sondern eine „kompromisslos designte“ Renn-Jacht. Bei Regatten brettert die Malizia auch schon mal mit 40 Knoten (rund 75 km/h) über das Wasser. Jedes bisschen Komfort wäre da nur unnötiges Gewicht.

Greta Thunberg verzichtet auf See auf jeden Komfort

Gretas Toilette? Ein Eimer. Ihr Essen? Gefriergetrocknete Astronautennahrung. Bei einem ersten Probetörn kauerte die 16-Jährige zusammen mit ihrem Vater, Svante Thunberg, auf einer der beiden Rohrkojen – „Rohr“ deshalb, weil es nicht viel mehr als ein eng gespanntes Segeltuch an der Wand ist. Diese Schlafplätze überlassen Skipper Herrmann und Mitsegler Pierre Casiraghi Vater und Tochter Thunberg. Casraghi ist Malizia-Team-Gründer und Sohn von Prinzessin Caroline von Monaco – auch er muss wie Kollege Herrmann auf dem Boden schlafen.

Spätestens nach einem Blick unter Deck ahnt man: Das hier wird Gretas größtes Abenteuer. Ob es ihr wirklich klar ist, worauf sie sich – ganz ohne Segelerfahrung – eingelassen hat? „Ich freue mich auf die Erfahrung“, sagt sie. Sie hätte auch ein paar Bücher und einige Brettspiele mit an Bord genommen. „Brettspiele, die nicht so viel rumrollen“, sagt sie und grinst. Einziges Zugeständnis von Greta: Der Diesel-Motor, der versiegelt an Bord mitgeführt wird, soll im Notfall zum Einsatz kommen – Sicherheit geht dann doch vor.

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Nein, sie hat wirklich keine Angst – das merkt man schnell, als sie kurz vor Start der versammelte Presse im Mayflower Marina Rede und Antwort steht. Mehr als 70 Journalisten sind gekommen, um den Beginn von Gretas Segel-Abenteuer zu erleben. Sie ist schließlich mittlerweile sowas wie ein Klima-Popstar. Und genauso belagert wird sie auch: Ihre Begleitung muss mehrere Kameraleute zur Seite schieben, damit sie überhaupt durchs Gedrängelt ans Podium kommt.

Greta Thunberg spricht beim UN-Klimagipfel in New York

„Oh sie ist so klein!“, ruft eine Journalistin unwillkürlich. Tatsächlich sieht Greta, wie sie da neben den großen Mikros steht, zierlich und sehr kindlich aus. Doch dann spricht sie, und der kindliche Eindruck schwindet. Sie wirkt wie immer: Ernsthaft und fokussiert, ja, aber keineswegs besorgt. „Ich habe nach einem emissionsfreien Transport nach New York gesucht, und die Malizia bietet mir das“, sagt sie. Punkt. Aus. So einfach ist das. Die Klimaaktivistin triff ihre Entscheidungen nach Faktenlage, nicht nach Gefühlen.

Und eine Greta kann eben nicht einfach ins Flugzeug steigen. Natürlich auch, weil sie inzwischen unter der – manchmal durchaus kritischen – Beobachtung der Weltöffentlichkeit steht. Allein der Hinflug Stockholm-New York, wo Greta am 23. September beim UN-Klimagipfel sprechen soll, würde schließlich etwa 1.480 kg CO2 freisetzen – fast so viel, wie ein einziger Mensch durchschnittlich in Indien in einem ganzen Jahr verbraucht.

Doch wenn man sich am Mittwoch hier im Mayflower-Hafen umschaut, geht die klimaschonende Rechnung – Segelkraft hin oder her – trotzdem wohl nicht auf. Viele der Reporter – einschließlich die unserer Redaktion – sind extra eingeflogen, um über Gretas emissionsfreien Trip zu berichten. Wer nachrechnet, merkt schnell: Dreimal Hin-und -Rückflug Berlin-London reicht da schon aus, um Gretas Einsparungen obsolet zu machen.

Es wartet noch ein langer Weg auf Greta Thunberg. Nicht nur auf See.

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