Schicksalsschlag

Komikerin Gaby Köster: „Zum Aufgeben habe ich keine Zeit“

Die Komikerin Gaby Köster hält sich für glücklicher als vor dem Schlaganfall vor elf Jahren.

Die Komikerin Gaby Köster hält sich für glücklicher als vor dem Schlaganfall vor elf Jahren.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin.  Komikerin Gaby Köster zieht elf Jahre nach ihrem Schlaganfall Bilanz. Auch wenn das Laufen schwer fällt, ist sie heute glücklicher.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Krawallig, wie man sie früher manchmal im Fernsehen erlebt hat, ist Gaby Köster (57) bei dem Treffen in einem Berliner Hotel nicht. Aber wach und schlagfertig, Letzteres natürlich in vorbildlichem Kölsch. Die Komikerin hat ein neues Buch geschrieben, „Das Leben ist großartig. Von einfach war nie die Rede“ (Ullstein). Die Verfilmung ihres ersten Buchs, „Ein Schnupfen hätte auch gereicht“, gewann einen Emmy .

Elf Jahre nach ihrem Schlaganfall ist Gaby Kösters linke Hand noch taub, das Laufen auch mit Hilfe fällt ihr schwer. Sie war wieder auf Tournee, ansonsten lebt sie mit fünf Hunden in ihren Häusern in Köln und auf Ibiza. Sie malt und liest viel und leidet ein wenig: Ihr Sohn, ein Elektriker, ist nach langen Reisen gerade dabei, endgültig auszuziehen.

Frau Köster, womit nervt man Menschen wie Sie, die eingeschränkt sind?

Gaby Köster: Viele kündigen mich immer damit an, ich hätte mich ins Leben zurückgekämpft. Kämpfen hat für mich immer was mit Gewalt zu tun. Mit Besiegen. Das will ich überhaupt nicht. Ich will es fließen lassen, ich bin mitgeschwommen mit dem Fluss. Ich mache einfach weiter. Wenn ich Pech habe, bleibt mein Zustand so, wie er ist, aber ich kann damit leben.

Was nervt noch?

Köster: In Köln sagen viele zu mir: „Was Sie da haben, also, ich könnt das nicht.“ Ich sage dann: „Ich habe keine Optionen: Einarmig einen Strick zu knüpfen, geht auch nicht.“

Aufgeben ist nicht Ihr Ding.

Köster: Dazu habe ich weder Lust noch Zeit. Und wo bleibt da die Spannung? Aufgeben ist öde. Diese Leidenszustände mag ich nicht. Es passieren um einen herum auch viel zu schöne Dinge, um sich einzuspinnen und zu leiden, das ist Quatsch. Und es wird dadurch ja auch nicht besser.

Hat sich Ihr Blick für die schönen Dinge verschärft?

Köster: Absolut. Es gibt viele Dinge, die man in der Hektik überhaupt nicht mitkriegt. Kleine süße Sachen. Gestern Abend waren wir hier in Berlin bei einem schnuckeligen Mexikaner, so ein bisschen spelunkenmäßig, aber es war dann mega charmant am Ende. Es gibt 1000 Sachen, die einfach geil sind.

Sind Sie jetzt glücklicher als vor dem Schlaganfall?

Köster: Ja, ich bin glücklicher, weil ich viele Dinge anders mitbekomme, die ich früher nur im Vorbeischießen bemerkt habe.

Was würden Sie der gesunden Gaby von damals gerne zurufen?

Köster: „Mach nicht so irre viel und genieß das Leben.“ Ich habe zu Zeiten von „Ritas Welt“ vom Leben draußen nichts mitbekommen, außer bei der Heimfahrt nach dem Dreh.

Was vermissen Sie von damals?

Köster: Meine Mobilität. Rumrennen mit den Hunden. Sonst eigentlich nichts.

Ihre Ibiza-Finca gehört sicherlich zu den schönen Dingen, die Sie jetzt genießen.

Köster: Ich war früher nie stolz auf irgendwas, was ich gemacht habe. Aber ich bin irre stolz darauf, dass ich die Finca in Ibiza halten konnte, trotz des ganzen Driss.

Sie waren nie stolz auf Ihre beruflichen Erfolge?

Köster: Ne, weil ich das normal fand. Das war mein Job, das macht man halt, und gut ist. Eine Bäckerin rennt ja auch nicht rum und sagt: „Ha, was habe ich heute tolle Brötchen gebacken.“

Ist Deutschland behindertengerecht?

Köster: Die Geschäfte sind wahnsinnig eng und vollgeknüppelt mit Zeugs. Da kommt man mit dem Rolli nicht durch. Aber wenn man auf der Straße hilflos ist und Leute um Hilfe bittet, helfen sie einem.

Sie fahren selbst Auto und schreiben, dass die Behindertenparkplätze von Unberechtigten blockiert werden.

Köster: Da parkte erst kürzlich eine frisch gepeelte Zahnarztgattin mit ihrem Porsche Cayenne quer auf allen vier Plätzen. Die habe ich dann angesprochen. Und dann guckt die mich an, mit ihrem völlig verätzten Gesicht, und dann sag ich erst mal: „Okay, Sie sind auch behindert, das sehe ich. Aber nicht im Geläuf.“

Immer ein Spruch.

Köster: Das hat mich am Leben erhalten. Das und meine Mutter und mein Sohn und ein paar Freunde. Es haben sich auch Freunde in Luft aufgelöst. Aber das ist nicht schlimm, es kamen auch neue dazu. Die haben wohl gesehen, da kommt jetzt auch keine horrende Besserung, und damit kamen die nicht zurecht. Ist doch gut, dass sich das von selbst aussortiert.

Sie haben versucht, Männer über Tinder kennenzulernen.

Köster: Das war Mega-Trash. Viele wollten wohl nur mal einen Promi treffen. Analog ist besser. Tinder war einfach nicht meines. Ich treffe jetzt lieber Leute von ganz früher, die auch einiges hinter sich haben, das ist auch ganz amüsant. Ich suche nicht. Das ergibt sich irgendwann oder auch nicht. Ich bin ja so auch happy. Ich brauche zum Überleben kein Dreibein (Köster-Slang für „Mann“). Es gibt ja auch Leute, die können gar nicht allein sein. Wenn eine Beziehung, dann nur noch ambulant, keine stationären Patienten mehr. Zusammenleben könnte ich nicht mehr, ich bin auch viel zu chaotisch. Einen, der mir vorschreiben will, wie ich zu leben habe, würde ich sofort wieder zur Adoption freigeben.

Wie soll es beruflich weitergehen?

Köster: Ich habe eine Idee mit einem Reisemagazin, „Mut zur Reise mit Rolli“. Nach dem Motto: „Guck mal, was die hier für Bürgersteige haben.“

Sind Sie enttäuscht, dass von den Sendern nichts kommt?

Köster: Nein. Da sollen mal die jungen Leute ran. Sollen die doch knüppeln.

Was für Pläne haben Sie sonst?

Köster: Ich will mir einiges von der Welt angucken. Ich würde gern noch einmal länger nach New York. Und ich war noch nie in Südfrankreich.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben