Frauengold-Kolumne

Liebe Eltern, ihr müsst euch trotz Erschöpfung anstrengen

Erschöpfung ist keine Rechtfertigung, sich nicht mit seinen Kindern zu beschäftigen, findet unsere Autorin.

Erschöpfung ist keine Rechtfertigung, sich nicht mit seinen Kindern zu beschäftigen, findet unsere Autorin.

Foto: skodonnell / iStock

Berlin.  Die Eltern arbeiten, die Kinder hängen in ihren Institutionen, abends sind alle erschöpft. Warum man sich trotzdem anstrengen muss.

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Es ist Abend, alle hängen völlig erschöpft ab, gucken Netflix oder spielen digital (jeder für sich), bestellen bei Lieferando (jeder, was er mag): Mag sein, dass es heutzutage so im normalen Familienalltag zugeht, wenn die Kinder ganztags in Einrichtungen beschult beziehungsweise erzogen werden und Vater wie Mutter für das Familieneinkommen verantwortlich sind.

Alle sind viel zu kaputt für Debatten über das TV-Programm oder das Abendessen. Es ist ein wenig so, also ob eine bleierne Müdigkeit über den Familien liegt. Und die führt dazu, dass Eltern und Kinder nicht mehr über ihren Alltag streiten. Sohn und Tochter werden wie Kumpel behandelt, und wenn sie älter werden, wie WG-Mitbewohner.

Helikopter-Eltern versus Eltern, die arbeiten gehen

Wie passt das zusammen mit dem Phänomen der Helikopter-Eltern, die ihre Kinder bis in den Klassenraum begleiten und dort den Schulranzen auspacken? Die an der Volkshochschule Lateinkurse belegen, um besser bei den Hausaufgaben helfen zu können (Habe ich tatsächlich beides erlebt)?

Es ergänzt sich. Denn für den Nachwuchs bedeutet das: Es ist alles möglich – nur anstrengen muss man sich dafür nicht. Und von den langen Sessions, zum Beispiel mit dem Computerspiel Fortnite (das als potenziell suchtgefährdend und gewaltverherrlichend eingestuft wird), bekommen die Eltern nichts mit. Oder wenn, dann fehlt ihnen, siehe oben, die Kraft zur Gegenwehr. Entspannte Kindheit in einem angenehmen Zuhause, „nice“, oder?

Der Über-Vater, er kontrolliert alles, sogar die Handys der Freunde

Ein Vater erzählte mir neulich, seine Kinder dürften nur 30 Minuten täglich ihr Smartphone nutzen. Außerdem kontrolliere er Whatsapp- und Instagram-Verlauf. Freunde müssten ihr Smartphone für die Dauer ihres Besuchs abgeben. Natürlich gebe es da Krach mit dem Nachwuchs, sagt er. Dafür sei er sicher, dass seine Kinder weder als Täter noch als Opfer etwas mit Cybermobbing zu tun hätten. Oder Pornos teilten und Nazisprüche posteten.

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Denn solche Dinge passieren. Eine Gruppe von 21 Jugendlichen muss sich dafür juristisch verantworten, dass sie kinderpornografische (!) Videos und Fotos auf ihren Smartphones geteilt haben – „geschmückt“ mit lachenden Emojis und blöden Kommentaren. Und 14-jährige Schüler haben nach einem Besuch im KZ Buchenwald im Bus Nazilieder gegrölt. Ihre Lehrer erstatteten Anzeige. Eine Lehrerin erzählte, dass ihre Schüler nach dem Besuch von Sachsenhausen nicht in der Lage gewesen seien, auf einem Fragebogen ihre Eindrücke zu schildern. Stattdessen: Schulterzucken, „mir doch egal“.

Trotz Erschöpfung, liebe Eltern, ihr müsst euch zusammenreißen

Was ist los mit den Kids? Sind die etwa gefühlskalt? Studien, etwa von der Opferorganisation „Innocent in danger“, legen nahe, dass Jugendliche von verstörender Gewalt überfordert sind und gleichzeitig dazu neigen, sich innerhalb der Gruppe aufzuplustern. Nach der Devise: Bloß keine Schwäche zeigen. Da kann also auch die Schule wenig tun.

Ganz ehrlich, und das sage ich als Feministin und Vollzeit-Working-Mum, die ebenfalls gerne mit Netflix (und so) den Tag beendet: Hier sind die Eltern gefragt. Und das heißt: Sprechen. Zusammenhänge erklären, Grenzen setzen, diskutieren; auch mal schlicht verbieten statt immer nur Kumpel zu sein. Kinder ermuntern, Haltung zu zeigen, dem Gruppendruck zu widerstehen und die Meinung anderer zuzulassen.

Klingst stressig, ist stressig. Und vor allem idealistisch. Aber jeder Versuch ist besser als diese wabernde Gleichgültigkeit.


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