Fotografie

Peter Lindbergh ließ die Frauen in schwarzweiß schillern

Peter Lindbergh (1944-2019) mit seinen Supermodels.

Peter Lindbergh (1944-2019) mit seinen Supermodels.

Foto: Youtube 2bmanagement / Layoutbild / Screenshot

Essen/Paris/Duisburg.  Er liebte an Frauen das Unergründliche – zur Not schenkte er es ihnen: Peter Lindbergh schuf den Mythos der Supermodels aus Liebe zum Schönen.

Er konnte Menschen in Schwarz-Weiß schillern lassen: Das war das größte Kunststück, das Peter Lindbergh mit seinen Kameras fertigbrachte. Dass es ihm bei Frauen um Längen besser gelang als bei anderen, sagt etwas darüber, dass Fotografie für ihn weit mehr war als ein Job.

Lindberghs Freund Wim Wenders sagte einmal, dass dieser Fotograf die Göttinnen der Mode als menschliche Wesen zeigen würden, ohne dass dabei ihre mystische Aura verloren gehen würde. Das ist allerdings nur halb richtig. Denn es war ja gerade Lindbergh, der die Nadja Auermanns, Claudia Schiffers und Helena Christensens auf ein himmelhohes Podest hob, wo immer er sie fotografierte – bevor er dann versuchte, ihr Innerstes zu erkunden. Er war auch dabei immer noch auf Augenhöhe und ging wie ein Forscher auf diese Frauen zu, die ihm wie endlose, rätselhafte Kontinente erschienen. Männer hatte er nach drei vier Sätzen einsortiert, an Frauen liebte er die Unberechenbarkeit, das Unergründliche.

Aufgewachsen in der Stahlkocher-Stadt Rheinhausen

Und wenn sie es gar nicht hatten? Peter Lindbergh, der am Dienstag im Alter von 74 Jahren in seiner französischen Wahl-Heimat gestorben ist, konnte es ihnen zur Not auch schenken, verleihen. Er hatte viel bei der expressionistischen Fotografie der 20er-Jahre gelernt und wusste, wie man mit Schatten Geheimnisse baut. Und wie man weite, karge, schroffe Landschaften in grobkörniger Auflösung zur Bühne macht für die Magie eines Gesichts.

Lindbergh liebte große, weite Räume, denn daheim in der Stahlkocher-Stadt Rheinhausen, wo der 1944 im heute westpolnischen Lissa (Leszno) Geborene in der Nachkriegszeit aufwuchs, bewohnte er mit den Eltern und seinen beiden Geschwistern nur 80 Quadratmeter auf drei Etagen. „Wir hatten nichts“, sagte er einmal in einem Interview, „aber uns fehlte auch nichts.“

Lindbergh war ein Pseudonym mit transatlantischer Weite

Seine früh gestorbene Mutter hatte allerdings den unerfüllbaren Traum, Opernsängerin zu werden. Peter heißt damals noch Brodbeck (das Pseudonym Lindbergh klingt nicht nur nach transatlantischer Weite, sondern sollte auch vor der Verwechslung mit einem Düsseldorfer Fotografen schützen, der denselben Namen wie er trug). Er ist Handballtorwart beim örtlichen TuS, lernt Schaufensterdekorateur und studiert später Malerei an der Kunsthochschule Krefeld, bevor er sich beim Düsseldorfer Fotografen Hans Lux als Assistent verdingt und Jimi Hendrix oder Frank Zappa in der Tonhalle hört.

Ende der 70er-Jahre geht Lindbergh nach Paris, fotografiert für die Vogue. Er macht sich über die Jahre hinweg einen Namen, nicht zuletzt, weil er es vermeidet, Frauen als Repräsentationsobjekte zu zeigen, als Schaufensterpuppen mit dem Talent zum Mimik-Wechsel. Und er landet einen echten Coup, als er Linda Evangelista, Naomi Campbell, Tatjana Patitz, Cindy Crawford und Christy Turlington für ein Titelbild der britischen „Vogue“ auf einem gemeinsamen Bild unterbrachte. Die Ära der Supermodels begann, und Peter Lindbergh war ihr Erfinder.

Gegen den Terror der Jugend und den Terror der Perfektion

Er ging aber auch über den Marktplatz von Rheinhausen und fand dort „mindestens zehn Frauen genauso interessant“ wie seine Supermodels. Lindbergh, der in den 80er-Jahren auch Popstars für den „Rolling Stone“ abgelichtet hatte, war davon überzeugt, dass man „nur bei dusseligen Modefotos an die Mode“ denke. Er interessierte sich bei der Modefotografie am allerwenigsten für die Mode. Und am allermeisten für den Menschen, der darin steckt. Deshalb rief er zuletzt auch dazu auf, sich vom Terror der Jugend und vom Terror der Perfektion zu befreien. Models, sagte Lindbergh immer, seien ja nur deshalb so dünn, „damit die Mode besser hängt“. Also haben seine melancholischen, entrückten, fernwehwunden Frauengesichter auch Falten, Poren, Sommersprossen. Zu den Paradoxien unserer Zeit gehört, dass ausgerechnet das einen mächtigen Werbeeffekt entfaltete.

Millionenschweres Jahresgehalt

Und der Ruhm des Fotografen Lindbergh mit dem millionenschweren Jahresgehalt ging um die Welt mit der Museums-Ausstellung „Images of Women“, die 1997 zuerst im Hamburger Bahnhof von Berlin zu sehen war und danach jahrelang auf Tournee war, in Hamburg, Mailand, Rom und Wien, im Moskauer Puschkin-Museum, wo ihn die legendäre Chefin Irina Antonowa als ersten Fotografen unter lauter Malern und Bildhauern präsentierte, und schließlich auch im Düsseldorfer NRW Forum, was sich für Lindbergh tatsächlich wie eine Art Heimkehr anfühlte. Dort zeigte er 2012 auch noch seine Filme: Spots für Armani und Calvin Klein, das Video zu „Missing You“ von Tina Turner oder eines für die Toten Hosen, aber auch sein perfekt ausgeleuchtetes, ungeschützt staunendes Porträt von Pina Bausch, die er „die schönste Frau der Welt“ nannte. „Schön ist“, pflegte er zu sagen, „wer mit sich im Reinen ist; wer schon ein paar Sachen in seinem Leben richtig gemacht hat. Dann kann man schön sein, und abstehende Ohren oder eine schiefe Nase ändern daran überhaupt nichts.“

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