DAK-Studie

Rauchen, Trinken, Spielen – Wie Sucht die Arbeit beeinflusst

Raucher sind laut DAK-Gesundheitsreport häufiger krank als Kollegen ohne Suchterkrankung.

Raucher sind laut DAK-Gesundheitsreport häufiger krank als Kollegen ohne Suchterkrankung.

Foto: Christin Klose / dpa-tmn

Berlin  Millionen Erwerbstätige haben Probleme mit Nikotin, Alkohol oder Games, so die DAK – und warnt auch vor den Gefahren der E-Zigarette.

Die Raucherpause – lange Zeit gehörte sie am Arbeitsplatz zum guten Ton, diente sie schließlich nicht nur dazu, vom Schuften kurz zu verschnaufen, sondern auch um zu netzwerken – und das schon lange bevor der Informationsaustausch unter Kollegen so genannt wurde.

Das Bewusstsein für die Gefahren des Nikotins ist jedoch ein anderes geworden. So weist der aktuelle Gesundheitsreport der Krankenkasse DAK darauf hin, dass die Raucherquote bei bis zu 25-Jährigen innerhalb von 17 Jahren um mehr als ein Drittel zurückging. Dennoch: Unter den Erwerbstätigen gibt es derzeit 6,5 Millionen regelmäßige Raucher. Rauchen bleibt damit die am meisten verbreitete Sucht.

Vier Millionen Erwerbstätige haben riskantes Trinkverhalten

Aber auch vor Alkoholkonsum warnt die DAK – laut ihrer Studie haben rund vier Millionen Erwerbstätige ein riskantes Trinkverhalten. Neben diesen altbekannten Lastern ist aber auch eine relativ neue Sucht Thema des Reports – die nach Computerspielen. 2,6 Millionen Beschäftigte zeigten bereits ein riskantes Spielverhalten.

„Auf Grundlage der Studie brauchen wir eine breite gesellschaftliche Debatte zur Suchtproblematik“, fordert DAK-Vorstandschef Andreas Storm. Die Urheber der Studie suchen dabei den Schulterschluss mit den Arbeitgebern: Denn das Suchtverhalten, das wird betont, schränkt die Produktivität der Beschäftigten ein.

Spielsüchtige spielen oft auch am Arbeitsplatz

So gab jeder vierte mit riskantem Spielverhalten an, auch am Arbeitsplatz zu spielen. Als riskant gilt ein Spielverhalten dann, wenn mindestens zwei Kriterien für eine Sucht erfüllt sind, etwa gedankliche Vereinnahmung, Lügen zur Verschleierung – oder aber, wenn weitergespielt wird, obwohl sich schon Probleme mit der Außenwelt abgezeichnet haben. So wären 9,4 Prozent der Risiko-Gamer schon einmal zu spät zur Arbeit erschienen oder hätten früher Feierabend gemacht, um ihrer Leidenschaft für „Sekiro“ oder „Anno 1800“ nachzugehen.

Die unmittelbarsten und auch gefährlichsten Auswirkungen auf den Arbeitsprozess hat jedoch Alkoholkonsum. Die werden von den betroffenen Firmen meist aus Image-Gründen vertuscht. Nur gelegentlich gelangen Fälle an die Öffentlichkeit, etwa als im Juni 2017 ein wurde. Fahrgästen war sein abruptes An- und Abfahren aufgefallen. Es kam heraus, dass der 30-Jährige mit mehr als zwei Promille im Dienst war.

Im selben Jahr hatten zwei Mitarbeiter des BMW-Werkes in München dafür gesorgt, dass das Fließband für kostspielige 40 Minuten stillstand. Die beiden Männer hatten in ihrer Pause reichlich Alkohol getrunken und waren kollabiert.

Laut Studie ist Arbeit oft Mitverursacher von Alkoholsucht

Jedoch gaben 96,2 Prozent der Beschäftigten mit riskantem Trinkverhalten an, während der Arbeit abstinent zu sein. Jeder neunte aus dieser Gruppe war aber in den letzten drei Monaten wegen Alkohol abgelenkt oder unkonzentriert – und sei es wegen eines ausgemachten Katers.

Die Studie weist allerdings auch darauf hin, dass bei Alkoholsucht der Arbeitgeber nicht nur Leidtragender, sondern häufig auch Mitverursacher ist. Studienleiter Storm: „Der Anteil der Beschäftigten mit einem Alkoholproblem ist größer, je häufiger sie an der Grenze der Leistungsfähigkeit gearbeitet haben.“ Starker Termindruck und emotional belastende Situationen bei der Arbeit seien weitere mögliche Risikofaktoren dafür, verstärkt zum Glas zu greifen.

„Umso wichtiger ist es, dass auch Arbeitgeber offen mit dem Thema Sucht umgehen“, sagt die Bundesdrogenbeauftragte Marlene Mortler (CSU). „Sie müssen ihrer Fürsorgepflicht gerecht werden und Mitarbeiter frühzeitig ansprechen und Hilfe anbieten.“

Krankenstand bei Suchtkranken doppelt so hoch

Und die Raucherpause? Sie hat sich verändert. Denn fünf Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland dampft E-Zigaretten. Doch diese Gruppe ist mitnichten auf der sicheren Seite . Denn die meisten Dampfer, so die Studie, griffen auch zu herkömmlichen Zigaretten, zudem konsumierten 85 Prozent Liquid mit Nikotin. „Das führt ebenso zur Abhängigkeit“, warnt Storm und macht sich dafür stark, dass E-Zigaretten vom geplanten Tabakwerbeverbot nicht ausgenommen werden.

Hintergrund: Mehrheit der Deutschen will völliges Verbot von Tabakwerbung

Insgesamt sei der Krankenstand der Beschäftigten mit problematischem Alkohol- oder Nikotinkonsum mit 7,6 Prozent Fehltagen doppelt so hoch wie bei ihren Kollegen. Besonders deutlich mehr fehlten sie wegen Krankheiten, die eine Folge des Konsumerhaltens sein können: Bei Muskel-Skelett-Erkrankungen wie Rückenschmerzen hätten sie 89 Prozent mehr Fehltage als andere, bei Atemwegserkrankungen 52 Prozent.

Letztendlich soll die erhoffte Debatte aber nicht die Produktivität der Beschäftigtenerhöhen, sondern unser aller Aufmerksamkeit schärfen: Denn die Grenzen zwischen Genuss, Gewohnheit und Sucht sind fließend. (Oliver Stöwing)

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