Festnahme

Polizei kam mutmaßlichem BVB-Attentäter früh auf die Spur

Erleichterung nach Festnahme des mutmaßlichen BVB-Attentäters

Die Polizei hat anderthalb Wochen nach dem Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund einen Tatverdächtigen festgenommen.
Fr, 21.04.2017, 13.26 Uhr

Erleichterung nach Festnahme des mutmaßlichen BVB-Attentäters

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Dortmund  Der Anschlag auf den BVB-Bus soll von einem Aktienspekulanten verübt worden sein, der auf ein Tief der BVB-Aktie gewettet haben soll.

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Hinter dem Sprengstoffanschlag auf die Mannschaft des Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund steckt nach Erkenntnissen der Ermittler mutmaßlich ein Aktienspekulant. Die Polizei nahm am Freitag im Raum Tübingen einen 28-Jährigen fest, der auf einen durch die Tat ausgelösten Kursverlust der BVB-Papiere gesetzt haben soll, wie die Bundesanwaltschaft mitteilte. Der Mann wollte mit den Börsen-Spekulationen viel Geld verdienen.

Anhaltspunkte für mögliche Gehilfen und Mittäter bei dem Anschlag gebe es bislang nicht, sagte die Sprecherin der Bundesanwaltschaft, Frauke Köhler. Die Ermittlungsbehörde behalte diese Frage aber weiter im Blick.

Der Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs hat am Nachmittag auf Antrag der Bundesanwaltschaft Haftbefehl gegen den Mann erlassen. Er sitzt nun in Untersuchungshaft.

Ermittler kamen Verdächtigem „sehr früh“ auf die Spur

Einem Medienbericht zufolge soll er bei seiner Festnahme ein Geständnis abgelegt haben. „Ich bin es, ihr habt den Richtigen“, habe er gesagt, als ihn ein sechsköpfiges Team der Anti-Terroreinheit GSG 9 auf dem Weg zu seiner Arbeitsstelle verhaftet habe, berichtet „Focus Online“ unter Berufung auf Sicherheitskreise. Zugleich habe er den Beamten seinen Wohnungsschlüssel gereicht: „Da, jetzt könnt ihr zu Hause nachsuchen.“ Danach sei er in Tränen ausgebrochen, hieß es.

Das Bundeskriminalamt dementierte. Demnach habe sich der Mann zunächst nicht zur Tat geäußert. Auf eine entsprechende Frage des ZDF-„heute journals“ sagte BKA-Präsident Holger Münch am Freitagabend: „Nein, er hat sich nicht eingelassen.“ Die Ermittler seien ihm schon „sehr früh“ auf die Spur gekommen, nachdem sie einen Hinweis auf auffällige Käufe von Optionsscheinen bekommen hätten.

Derivate auf die BVB-Aktie erworben

Dem Verdächtigen Sergej W. wird versuchter Mord, Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion sowie gefährliche Körperverletzung vorgeworfen. Der Mann hat laut Bundesanwaltschaft die deutsche und die russische Staatsangehörigkeit. W. war seit Mitte 2016 als Elektriker in einem Tübinger Heizwerk tätig.

Wie viel Geld der Verdächtige im Fall des Anschlags auf den BVB-Mannschaftsbus maximal an der Börse hätte gewinnen können, ist noch nicht klar. Das werde derzeit noch berechnet, sagte Köhler. Der 28-Jährige habe drei verschiedene Derivate auf die Aktie von Borussia Dortmund erworben – die meisten davon am Tag des Angriffs selbst.

Je tiefer die Aktie gefallen wäre, desto höher wäre der Gewinn gewesen

Unklar ist auch, wie viel Geld der Mann investiert hat. Nach Angaben der Bundesanwaltschaft hat der Tatverdächtige für den Kauf der Derivate einen Verbraucherkredit in Höhe von mehreren zehntausend Euro aufgenommen. Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD) erklärte: „Der Täter hat nach meinem jetzigen Stand 79.000 Euro investiert, um entsprechende Aktienoptionsscheine zu kaufen.“ Nach „Spiegel“-Informationen soll sich der 28-Jährige einen Verbraucherkredit über 40.000 Euro besorgt haben.

Sicher ist aber: Je tiefer die Aktie des Fußballvereins gefallen wäre, desto höher wäre der Gewinn für den Verdächtigen ausgefallen. Der BVB war im Jahr 2000 als erster deutscher Sportverein an die Börse gegangen.

Der Kauf der Derivate wurde den Angaben zufolge über einen Online-Anschluss des Mannschaftshotels abgewickelt, in dem der Tatverdächtige bereits am 9. April – zwei Tage vor der Tat – ein Zimmer im Dachgeschoss bezogen habe – mit Blick auf den späteren Anschlagsort.

Watzke will Sicherheitsmaßnahmen verschärfen

BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke zeigte sich befremdet über das mögliche Tatmotiv. „Dass man offensichtlich versucht hat, durch den Anschlag Kurs-Gewinne zu realisieren – das ist natürlich Wahnsinn“, sagte er der „Bild“-Zeitung. „Wir werden jetzt im Rahmen unserer Möglichkeiten die Sicherheitsvorkehrungen noch mal dramatisch nach oben schrauben“, fügte er an.

Auch Thomas Tuchel äußerte sich am Freitag auf der Pressekonferenz vor dem anstehenden Bundesligaspiel gegen Mönchengladbach zu den Ermittlungen. „Ich bin überzeugt davon, dass die Aufklärung für uns alle sehr wichtig ist“, sagte der BVB-Trainer. Die Verarbeitung des dramatischen Vorfalls im Team sei allerdings keinesfalls abgeschlossen. „Mir geht es aktuell sehr gut, aber ich traue mich nicht, dass auch für alle meine Spieler zu sagen.“

Kriminaltechniker suchen nach Herkunft des Sprengstoffs

Herkunft und Art des beim Anschlag verwendeten Sprengstoffs sind den Angaben der Bundesanwaltschaft noch nicht ermittelt. Da bei der Explosion der gesamte Sprengstoff umgesetzt worden sei, seien die Untersuchungen „etwas komplexer und etwas aufwendiger“, sagte Köhler. Die Kriminaltechniker müssten zum Beispiel Bodenproben untersuchen.

Am Dienstag vergangener Woche hatten vor dem Champions-League-Spiel der Dortmunder gegen den AS Monaco drei Sprengsätze nahe dem Mannschaftsbus gezündet. Die BVB-Spieler waren kurz zuvor mit ihrem Bus vom Mannschaftshotel zum Stadion losgefahren. Bei der Explosion wurde der Abwehrspieler Marc Bartra von Splittern getroffen und schwer verletzt. Ein Motorradpolizist erlitt ein Knalltrauma. Das Spiel war wegen des Anschlags um einen Tag verschoben worden.

De Maizière verurteilt gefälschte Bekennerschreiben

Die Ermittler hatten zunächst versucht, Schlüsse aus drei gleichlautenden Bekennerschreiben zu ziehen, in denen ein radikal-islamistisches Motiv für den Anschlag behauptet wird. Die Schreiben waren am Tatort gefunden worden. Nach eingehender Prüfung hat die Bundesanwaltschaft an einem radikal-islamistischen Hintergrund aber erhebliche Zweifel. Auch ein rechtsextremistisches Bekennerschreiben weist nach Angaben der Behörde Widersprüche und Ungereimtheiten auf. Es deute derzeit nichts daraufhin, dass es vom Täter stamme.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) bezeichnete die Schreiben als „besonders perfide Art, mit der Angst der Bevölkerung zu spielen“. Wenn sich der Verdacht der Ermittler bestätige, habe der Täter versucht, sich als Terrorist auszugeben, sagte er. Das zeige, dass es richtig sei, in alle Richtungen zu ermitteln.

(ba/dpa)

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