Braunkohle-Revier

Braunkohle-Opfer kämpfen für den Erhalt ihrer Dörfer

Kämpfen für ihre Dörfer:  Barbara Ziemann-Oberherr, Marita Dresen und David Dresen.

Kämpfen für ihre Dörfer: Barbara Ziemann-Oberherr, Marita Dresen und David Dresen.

Foto: André Hirtz / André Hirtz / Funke Foto Services

Kuckum/Keyenberg.  Kuckum und Keyenberg sollen wie so viele Dörfer vor ihnen der Braunkohle weichen. Einige Bürger wollen den Verlust der Heimat nicht hinnehmen.

Der kleine Friedhof am Wilhelm-Ohlert-Weg in Kuckum ist sehr gepflegt und von einem alten Baumbestand bewachsen. Es ist ruhig hier an diesem sonnigen Mittwochvormittag. Die Stille wird nur unterbrochen vom Krähen eines Hahns und vom Tuckern eines Traktors, der das Feld nebenan mit einer Egge bearbeitet. Viele mächtige marmorne Grabsteine schmücken die Familiengräber. Auf einem Grab steht ein einfaches Holzkreuz, es ist noch frisch, von Ende Juli. Die Totenruhe könnte in wenigen Jahren gestört werden. 2027 soll Kuckum dem Erdboden gleich gemacht werden. Es soll der Braunkohle weichen, wie es mit so vielen anderen Dörfern in der Region geschehen ist. Dagegen regt sich Widerstand.

Kuckum bei Erkelenz, Kreis Heinsberg, ist ein kleines Straßendorf, viele alte Backsteinhäuser, Klinkerbauten. Vor einigen steht ein gelbes Kreuz, Symbol des Widerstands. Im Wintergarten bei Familie Dresen: Der Blick fällt auf die sattgrüne Wiese hinter dem Haus, in dem die Dresens seit Generationen leben. Im November vergangenen Jahres hat Ministerpräsident Armin Laschet hier gesessen und mit der Familie über die Umsiedlung gesprochen, zu der sie gezwungen werden soll. Er lobte die schöne Landschaft, sagte den Dresens, dass er verstehe, dass sie nicht von hier wegwollten, wies aber darauf hin, dass die Kohle eben wichtig sei. So hat Marita Dresen das Gespräch in Erinnerung.

Kein Vertrauen mehr in die Politik

„Wir haben kein Vertrauen mehr in die Politik“, sagt die 53-Jährige. Sie versteht nicht, warum ihr Dorf abgerissen werden und in der Grube des Tagebaus Garzweiler II verschwinden soll, obwohl Deutschland 2038, möglicherweise auch früher, aus der Kohle aussteigen soll.

In den Tagebauen Garzweiler II und Hambach liegen aktuell verfügbar rund 810 Millionen Tonnen Braunkohle, hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ausgerechnet. Um den Bedarf bis 2038 zu decken, müsste der Energiekonzern RWE noch 672 Millionen Tonnen aus der Erde kratzen. Kuckum müsste demnach gar nicht abgegraben werden. Genauso wenig wie Berverath, Oberwestrich, Unterwestrich oder Keyenberg, Dörfer, die verschwinden sollen.

Die Dorfbewohner hatten früher nicht viel miteinander zu tun. Jedes Dorf hatte seinen eigenen Schützenverein, einen eigenen Fußballclub, man klaute sich allenfalls gegenseitig die Maibäume. RWE hat dafür gesorgt, dass einige der Menschen zusammen kämpfen. Bislang haben die Menschen im Braunkohlerevier immer klein beigegeben, an RWE verkauft und sind weggezogen, häufig in Retortendörfer, in denen der Konzern ihnen günstige Grundstücke besorgt hat.

Der Bagger steht schon kurz vor dem Ortsrand

In den fünf Dörfern bei Erkelenz haben sich jetzt aber Bürger zusammengetan, Leute wie Marita Dresen, die nicht gehen wollen, und sie haben die Initiative „Alle Dörfer bleiben“ gegründet. Zuerst eigentlich aus wenig selbstlosen Motiven. Sie fanden das Angebot des Konzerns schlicht nicht ausreichend. Darüber sind sie aber hinaus: „Wir haben eine Klimakrise und es ist einfach nicht nötig, dass die Dörfer zerstört werden. Deswegen bleiben wir“, sagt David Dresen, 28, der Sohn von Marita.

Wie die Dresens ist auch Barbara Ziemann-Oberherr alles andere als eine typische politische Aktivistin. Sie kommt aus Keyenberg, eineinhalb Kilometer entfernt von Kuckum. Dort ist der Tagebau vielleicht noch einen halben Kilometer vom Ortsrand entfernt, die verbliebenen Dorfbewohner können den gigantischen Bagger schon sehen, der am Rand der gewaltigen Grube thront. Keyenberg soll in vier Jahren abgerissen werden.„Für mich ist das eine illegale Zwangsenteignung“, schimpft Frau Ziemann-Oberherr.

20 Familien sind „in den Widerstand“ gegangen

Zwei Drittel der ursprünglich fast 900 Menschen in Keyenberg sind schon weggezogen, ein Drittel in Kuckum, das früher etwa 480 Einwohner hatte. Viele fügten sich, weil RWE verlockende Angebote mache, oder weil sie Angst vor dem Konzern hätten. „Wir haben uns entschieden, gegen den Strom zu schwimmen, auch wenn das schwieriger ist“, erklärt die 59-Jährige. Rund 20 Familien sind „in den Widerstand gegangen“, wie es Frau Ziemann-Oberherr ausdrückt.

Gemeinsam machen sie Aktionen und Öffentlichkeitsarbeit. Im Juni haben sie eine Art Sitzblockade vor den Dörfern organisiert, gemeinsam mit den Schülern der Fridays-For-Future-Bewegung und mit Umweltschützern, 8000 Leute waren da, regelmäßig führen sie Spaziergänge durch, wie sie es auch im Hambacher Forst gibt.

Der Erfolg im Hambacher Forst macht Mut

Der Kampf in dem 40 Kilometer entfernten Wäldchen hat sie in Kuckum und in Keyenberg inspiriert. Der vom Oberverwaltungsgericht Münster angeordnete vorläufige Rodungsstopp und die Empfehlung der Kohlekommission, auf die Abgrabung des Forstes zu verzichten, hat ihnen Mut gemacht. Was in Hambach klappt, müsste doch auch bei ihnen funktionieren, hoffen sie.

„Das ist meine Heimat. Unser Haus ist aus dem 17. Jahrhundert. Hier gibt es die Niers, alte Bäume, wir haben tolle Nachbarn, die sich gegenseitig helfen. Es ist einfach superschön“, schwärmt Frau Dresen. Wegziehen? Auf gar keinen Fall.

Wie es eine gewachsene Dorfgemeinschaft zerschreddert, wenn die Bagger kommen, kann man in Keyenberg erahnen. Dort sind schon ganze Straßenzüge leergezogen. Im Schaufenster der Metzgerei hängt ein handgeschriebener Brief, in dem sich die Familie bei den Kunden für die lange Treue bedankt. Der Laden ist zu. Einige Meter weiter, in der Bäckerei an der Heilig-Kreuz-Kirche, die im 9. Jahrhundert erstmals erwähnt wurde, sagt die Besitzerin: „Wir werden nicht gehen. Wir sind in der vierten Generation hier. Wie sollen wir denn einen solchen Laden neu aufbauen?“

Manche Alten wollen sterben, bevor die Bagger kommen

Barbara Ziemann-Oberherr erzählt, wie die Vereine auseinander gefallen sind, die einst in Keyenberg das Dorfleben prägten. Und von den Alten, denen der drohende Verlust der Heimat schwer zu schaffen macht. „Viele sagen, dass sie hoffen zu sterben, bevor die Bagger kommen.“ Sie hat auch eine Vermutung. Dass es RWE gar nicht um die Braunkohle geht, sondern darum, aus dem verkehrsgünstig gelegenen Gebiet eine Gewerbefläche zu machen. Im Frühjahr erst habe die Telekom in Keyenberg Glasfaserkabel verlegt. Das werde ja nicht ohne Grund getan. Das Misstrauen sitzt tief in der Region.

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