Zuwanderung

Das Hilfenetz für psychisch kranke Flüchtlinge ist löchrig

Flucht ist für viele Menschen eine traumatische Erfahrung (hier ein Bild aus dem vergangenen Sommer von der griechisch-mazedonischen Grenze).

Flucht ist für viele Menschen eine traumatische Erfahrung (hier ein Bild aus dem vergangenen Sommer von der griechisch-mazedonischen Grenze).

Foto: imago/EST&OST

An Rhein und Ruhr.   Wer aus einem Kriegsgebiet nach Deutschland kommt, hat oft ein Trauma erlitten. Durch Gewalt, den Verlust von Angehörigen, den Stress auf der Flucht. Experten warnen, dass es viel zu wenig Hilfsangebote die Betroffenen gibt.

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Würzburg, München, der Selbstmordanschlag des psychisch kranken jungen Syrers in Ansbach: Die Horror-Nachrichten der vergangenen Tage haben zu einer spürbaren Verunsicherung in der Bevölkerung geführt. Das merken auch die Therapeuten, die im Psychosozialen Zentrum (PSZ) in Düsseldorf arbeiten. „Unsere Klienten sind sehr beunruhigt wegen der vielen Gewalt“, sagt Annette Windgasse. Das PSZ ist eine Beratungs- und Therapieeinrichtung für traumatisierte Flüchtlinge. 525 Menschen sind dort im vergangenen Jahr behandelt worden. Ein Bruchteil derer, die Hilfe brauchen. Für Geflüchtete gibt es in Deutschland noch immer viel zu wenige psychotherapeutische Hilfsangebote, warnen Fachleute.

Allein Nordrhein-Westfalen hat in diesem und im vergangenen Jahr bislang etwa 300 000 Flüchtlinge aufgenommen, die allermeisten von ihnen aus Kriegsgebieten wie Syrien, dem Irak oder Afghanistan. Experten schätzen, dass mindestens die Hälfte von ihnen traumatisiert ist durch Gewalterfahrungen, die Zerstörung der gewohnten Lebenswirklichkeit, den Verlust von Angehörigen und die Flucht.

Nur „ein geringer Teil erhälteine angemessene Behandlung“

Folgen von Traumatisierungen können Persönlichkeitsänderungen, Depressionen, Suchterkrankungen, Angststörungen, wahnhafte und psychotische Störungen sein. Aber nur „ein geringer Teil der Flüchtlinge, die unter einer psychischen Erkrankung leiden, erhält aktuell eine angemessene Behandlung“, so die Bundes-Psychotherapeuten-Kammer (BPtK) in einer Studie zum Thema. Eine „EU-Aufnahmerichtlinie“, wonach Flüchtlingen mit psychischen Erkrankungen „die erforderliche medizinische oder sonstige Hilfe“ gewährt werden muss, hätte eigentlich bis Mitte vergangenen Jahres vom Bundestag in nationales Recht umgesetzt werden müssen – das ist bis heute nicht geschehen.

„Schon für Deutsche ist die psychotherapeutische Versorgung nicht ausreichend, umso mehr gilt das für Geflüchtete“, so Birgit Naujoks, Geschäftsführerin des Flüchtlingsrates NRW. Wartezeiten für eine Behandlung von eineinhalb Jahren etwa in den spezialisierten psychosozialen Zentren seien die Regel. In der Praxis erschweren unterschiedliche Zuständigkeiten, unklare Finanzierungen und ein Mangel an Therapeuten und Sprachmittlern die Hilfe. In Erstaufnahmeeinrichtungen werden Flüchtlinge zwar medizinisch untersucht, dieser Eingangs-Check sei aber nur die „absolute Notfallversorgung“, so Naujoks.

Die psychosoziale oder psychotherapeutische Betreuung in diesen Landeseinrichtungen sei höchst unterschiedlich. Wirklich kompliziert wird es aber, wenn die Flüchtlinge auf die Kommunen verteilt und Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz erhalten: In den ersten 15 Monaten ist für sie nur eine Akut-Behandlung möglich. Zudem entscheiden die Sozialämter vor Ort, ob eine Therapie überhaupt nötig ist. Fachpraxen sind zudem gerade im ländlichen Raum schwer erreichbar.

Eine Psychotherapie ohne Dolmetscher funktioniert nicht

Die Sozialämter entscheiden auch über den wichtigsten Faktor bei psychotherapeutischen Behandlungen von Menschen, die kein Deutsch sprechen: die Kostenübernahme für den Einsatz von Übersetzern. „Da gibt es deutlichen Verbesserungsbedarf. Gerade auf kommunaler Ebene herrscht ein kunterbuntes Durcheinander. Manche Sozialämter zahlen regelmäßig für die Sprachmittler, manche zahlen fast nie“, so die PSZ-Therapeutin Annette Windgasse. Eine Psychotherapie ohne „kultursensiblen Sprachmittler“ ist aber schlicht unmöglich.

Die in Köln ansässige gemeinnützige Organisation bikup vermittelt solche professionellen Sprachmittler. Leiterin Varinia Fernanda Morales hält ihren Einsatz für unabdingbar, um „inadäquaten Behandlungen vorzubeugen“. Aus dem jüngst verabschiedeten Integrationsgesetz ist aber die bundesweit einheitliche Regelung der Kostenübernahme für Dolmetscherleistungen ausgeklammert worden. „Eine Schande“, findet Varinia Fernanda Morales.

Unbehandelte Traumata erschweren die Integration

Als „sehr gutes Modellbeispiel“ dafür, wie es anders und vor allem unbürokratischer laufen kann, lobt Morales die Vorgehensweise des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR). Der LVR übernimmt seit 2013 die Kosten für Sprachmittlerdienste in seinen neun psychiatrischen Kliniken, in denen zwischen Januar und August des vergangenen Jahres 2050 Flüchtlinge ambulant und stationär betreut wurden. In diesem Jahr sind dafür 120 000 Euro eingeplant.

Generell wächst das Bewusstsein aber, dass die psychotherapeutische Betreuung für Flüchtlinge wichtig ist – ein zu löchriges Hilfenetz kann hohe Folgekosten für die Gesellschaft haben. Flüchtlinge, deren Traumata nicht behandelt werden, haben es deutlich schwerer, sich zu integrieren; Konzentrations- und Merkschwierigkeiten machen beispielsweise das Lernen der deutschen Sprache zum Problem. Die Landesregierung hat jetzt die Mittel im Programm „Soziale Beratung für Flüchtlinge“ auf sieben Millionen Euro aufgestockt.

Eines ist Annette Windgasse sehr wichtig: „Traumapatienten neigen eigentlich nicht zu Gewalt gegen andere. Die Klienten, die wir hier haben, leiden eher unter Suizidgedanken, viel häufiger, als in normalen psychotherapeutischen Praxen“, beteuert Windgasse. „Wir hatten hier in den vergangenen 30 Jahren nur einmal einen Klienten, der gewalttätig wurde und einen Tisch umgeschmissen hat.“

Die Folgen der vergangenen Tage voller Gewalt belasten aber die Therapeutin und ihre Patienten: „Eine Klientin, eine Atheistin aus Syrien, hat mir heute erzählt, dass sie das Gefühl hat, dass alle sie anschauen.“

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