Leitartikel

Der Fingerzeig von Kanzlerin Angela Merkel

Kerstin Münstermann,  Politik-Korrespondentin.

Kerstin Münstermann,  Politik-Korrespondentin.

Foto: Reto Klar

Mit ihrem Besuch in Bayern macht die Kanzlerin klar, wem sie die Nachfolge zutraut. Merkel bietet Markus Söder eine große Bühne.

Die Kanzlerin neben ihm in der Kutsche, vor dem prunkvollen Schloss. Noch vor einem halben Jahr hätte sich der bayerische Ministerpräsident und CSU-Chef Markus Söder solche Bilder wohl kaum ausmalen können. Angela Merkel zu Besuch auf Schloss Herrenchiemsee in Bayern – beide Unionspolitiker wissen sehr genau, dass aufgrund der schönen Bilder Spekulationen über den Besuch beim „Kronprinzen“ folgen werden. Dass ein Kanzler das bayerische Kabinett besucht, ist ungewöhnlich, Merkel hat es bisher noch nie getan. Sie galt auch nie als große Verfechterin der Freundschaft zwischen CDU und CSU.

Wer die nüchterne Kanzlerin und ihr stetes Abwägen kennt, kommt zu dem Schluss: Es geht um mehr. Merkel hat ein schweres Jahr hinter sich. Unzählige Male wurde über das Ende der Koalition aus Union und SPD spekuliert und damit über ihr frühzeitiges politisches Aus. Es schien nicht ganz klar, ob sie die EU-Ratspräsidentschaft noch als deutsche Regierungschefin in der zweiten Jahreshälfte dieses Jahres erreichen wird.

Dann kam Corona und Merkels Stunde. Sie steuerte das Land souverän durch die erste Phase der Krise, ihre Zustimmungswerte und auch die ihrer Partei stiegen wöchentlich. Ihre vorsichtige Art im Umgang mit der Pandemie bewahrte das Land vor Schlimmerem, die Bevölkerung trug ihren Kurs überwiegend mit. Unabhängig allen politischen Kalküls traf sie damit in Söder auf einen Verwandten im Geiste. Auch der bayerische Landeschef entschied sich sofort für einen restriktiven Kurs. Des Warnens vor einer zweiten Welle wird Söder nicht müde. Sein Krisenmanagement kommt nicht nur in Bayern, sondern in weiten Teilen der Republik sehr gut an.

Der Mann, der früher von Freund und Feind gleichermaßen als charakterlich mindestens schwierig eingeschätzt wurde, stolperte in der Vergangenheit meistens über seinen Ehrgeiz. Diese Zeiten scheinen vorbei: Söder punktet bei vielen Menschen, wirkt nicht mehr arrogant, sondern zugewandt. Merkel beobachtet ihn sehr genau, sie macht sich über Söders Ambitionen und sein persönliches Kalkül keine Illusionen.

Aber sie schätzt seine Fähigkeit, Sachverhalte und Situationen sekundenschnell zu erfassen. Und ihr hat die Wende zum „grünen“ Gesicht der Union imponiert – ebenso die Beruhigung der Gemüter der Schwesterparteien, an deren Aufgeregtheit sie gemeinsam mit dem früheren CSU-Chef Horst Seehofer großen Anteil hatte. Seehofer hatte sie 2015 öffentlich gedemütigt, als er sie und ihre Flüchtlingspolitik beim CSU-Parteitag auf offener Bühne abkanzelte. Stehend musste sie eine Strafpredigt über sich ergehen lassen. Sie hat es ihm nie verziehen. Mit Söder gibt es solche öffentlichen Traumata nicht. Dass er ihre Flüchtlingspolitik nicht schätzte, die AfD eine Zeit lang gern rechts überholt hätte – Merkel weiß das. Aber sie sieht auch, dass er diese Taktik mittlerweile als Fehler betrachtet, jüngst sogar eine Art Entschuldigung vom CSU-Generalsekretär zu hören war. Im Sommer vor zwei Jahren, als sich CDU und CSU intern zerlegten, schien auch das unmöglich.

Die Zeiten haben sich also geändert. Für Merkel wäre die Übergabe der Macht 2021 an einen Unionskanzler ein Glücksfall. Es gelingt in der Politik eigentlich nie, dass sich ein Kanzler selbstbestimmt zurückzieht und die Macht in der gleichen Partei bleibt. Eine solche Übergabe wäre die Vollendung ihrer politischen Karriere. Und so kann man den Besuch durchaus als Fingerzeig der Kanzlerin werten, die sich die Machtverteilung in der Union und die Aufstellung fürs Wahljahr sehr genau anschaut. Eines tut sie mit ihrem Besuch auf jeden Fall: Sie wertet Söder auf, bietet ihm eine große Bühne. Ganz bewusst.

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