Erfindungen

Deutschlands neuer Chef-Innovator kommt aus Olpe

Sucht neue Daniel Düsentriebs in Deutschland: der Olper Unternehmer Rafael Laguna.

Sucht neue Daniel Düsentriebs in Deutschland: der Olper Unternehmer Rafael Laguna.

Foto: Sinan Muslu / Handout

Olpe.  Er soll neue Daniel Düsentriebs aufspüren und unterstützen: Rafael Laguna aus Olpe ist Direktor der neuen Bundesagentur für Sprunginnovationen.

Rafael Laguna ist Deutschlands neuer Chef-Innovator. Der 55-jährige Unternehmer aus dem sauerländischen Olpe leitet die von der Bundesregierung gegründete Agentur für Sprunginnovationen (SprinD) und soll mit seinem Team bahnbrechende Erfindungen aufspüren. Voraussetzung: Sie müssen aus Deutschland kommen – und auch hier bleiben.

Eine Milliarde Euro für die ersten zehn Jahre

Sie sind seit kurzem Gründungsdirektor. Wie sprintet SprinD nun los?

Unsere Aufgabe ist es, interessante Menschen und Projekte zu identifizieren und ihnen zu helfen, Innovationen in erfolgreiche Unternehmen zu überführen. Das Finanzministerium hat die Mittel bewilligt. In den ersten drei Jahren stehen uns 150 Millionen Euro zur Verfügung, auf zehn Jahre wird insgesamt eine Milliarde eingestellt. Jetzt legen wir los. Wir werden als nächstes die Agentur gründen und entscheiden dann, wo der Hauptsitz sein soll.

Welche Standorte kommen in Frage?

Wir sprechen von einer Metropolregion mit guter verkehrstechnischer Anbindung und Nähe zu Hochschulen. Eine Entscheidung ist noch nicht gefallen. Beworben haben sich bisher die Metropolregion Berlin, die Stadt Potsdam, die Stadt Leipzig und das Land Sachsen. Ich höre, dass auch die Städte Karlsruhe und Dortmund ihren Hut in den Ring werfen. Im August wollen wir uns alle Bewerber anschauen, im September wollen wir entscheiden. Ich rufe alle Metropolregionen auf, ihre Unterlagen einzureichen, aber sie müssen sich beeilen. Wir sollten die Standortfrage jedoch nicht überhöhen. SprinD wird eine GmbH mit 35 bis 50 Mitarbeitern sein, die sich aller Voraussicht nach über das ganze Land verteilen.

Ländlicher Raum als Standort chancenlos - leider

Aber diese Menschen könnten sich mit ihren neuen Firmen dann im Umfeld von SprinD niederlassen, oder?

Das hängt tatsächlich von den Ideengebern ab. Einerseits haben sie ihre eigenen Netzwerke, andererseits könnten sie aber auch an einer Nähe zu uns interessiert sein, weil wir sie schließlich unterstützen.

Also kommt der ländliche Raum als Standort nicht infrage?

Leider nein. Ich bin ein Fan des Sauerlandes, und meine Heimatstadt Olpe wäre natürlich cool. Aber wer schon mal von Berlin, München oder London nach Olpe zu gereist ist, der weiß, dass die Lage nicht optimal ist. Wir bringen Menschen aus unterschiedlichen Orten zusammen, und da hat das Land leider Nachteile.

Kommen die Innovatoren auf Sie zu oder spürt Ihre Agentur sie auf?

Beides. Wir wollen eine sehr sichtbare Agentur sein. Deshalb werden wir intensiv mit Universitäten und wissenschaftlichen Einrichtungen zusammenarbeiten, weil dort die Ideen entwickelt werden. Wir werden Wettbewerbe zu bestimmten Themen ausschreiben und in den sozialen Medien sehr aktiv sein. Aber auch uns selbst werden Ideen für Sprunginnovationen einfallen. Mit denen gehen wir dann auf die passenden Leute, Firmen und Forschungsstätten zu. Meine Aufforderung an die Wirtschaft: Liebe Unternehmer, schaut doch mal nach, ob bei euch nicht ein paar Dinge schlummern, die das Zeug zu einer Sprunginnovation haben und die ihr bisher aus irgendwelchen Gründen noch nicht verfolgt habt.

Es geht um die Souveränität unseres Landes

Brauchen wir Klima-Innovationen am dringendsten?

Ja, auf jeden Fall. Da gibt es viel zu tun. Zudem passt dieses Thema gut zu uns: Deutschland hat sich stark im Bereich Erneuerbare Energien engagiert, was global dazu geführt hat, dass die Preise von Solarpanels und Solarstrom stark gefallen sind. Wir haben also etwas Gutes getan, aber leider nicht für unsere Wirtschaft. Die Solarpanels bauen ja nicht wir, sondern China. Das haben wir vergeigt. Wir brauchen solche Innovationen, müssen dann aber auch dafür sorgen, dass der wirtschaftliche Nutzen bei uns entsteht. Ebenfalls wichtig: die digitale Souveränität unseres Landes. Alles wird digitalisiert, aber die Kernindustrien der Digitalisierung liegen leider nicht in Deutschland und noch nicht einmal in Europa. Wir brauchen eine europäische Lösung, sonst verlieren wir die Kontrolle über unsere Daten und unsere Privatheit, ja sogar unsere Souveränität. Es kann nicht sein, dass wir unser Schicksal in die Hände von Firmen legen, die außerhalb unseres Einflussbereiches sind.

Das hat ja mit dem MP3, also dem Format zur Kompression von Musik- und Audiodateien, angefangen.

Genau. Das wurde in Deutschland erfunden und war als wissenschaftliches Projekt sehr erfolgreich. Mit Hilfe dieser Innovation sind Geschäftsmodelle entstanden, die die gesamte Musikindustrie auf den Kopf gestellt haben. Profitiert haben davon nicht Unternehmer, Mitarbeiter und Steuerzahler in Deutschland, sondern Apple und Co. Selbstverständlich kann niemand verhindern, dass aus guten Ideen im Ausland eine profitable Geschäftsidee gemacht wird. Wir brauchen jedoch ein Klima, in dem die wirtschaftliche Umsetzung auch im eigenen Land eine Chance hat. Dazu wollen wir beitragen.

Innovationen nicht an den Meistbietenden verkaufen

Wie genau?

Heute werden innovative Start-Ups häufig aufgekauft – von Firmen, die meistens aus den USA oder China kommen. In Deutschland ist es deutlich schwieriger, an Wagniskapital zu kommen als anderswo. Insbesondere wenn Unternehmen eine gewisse Größe haben und dreistellige Millionenbeträge in weiteres Wachstum oder künftige Technologien investieren müssten, so steht hierzulande eine Anschlussfinanzierung oft nicht zur Verfügung. Und am Ende wird die Firma an den Meistbietenden verkauft, und das ist meistens nicht der, den man sich gesamtwirtschaftlich wünscht. Hier kann unsere Agentur anders agieren. Wir wollen dafür sorgen, dass der, der die Firma groß macht, auch hier im Lande bleibt. Wir helfen, die Anschlussfinanzierung zu finden und stellen Bedingungen.

Die Gretchenfrage: Wie finden Sie eine Innovation?

Uns mangelt es in Deutschland nicht an Ideen und Top-Innovatoren. Die Agentur hat den Zugang zu einem fantastischen Netzwerk von echt schlauen Leuten, die sich im Dunstkreis der deutschen Forschung und Wirtschaft bewegen. Wir haben zudem fantastische Unternehmer, die wir einbinden können. In den Firmen sitzen hervorragende Leute, die uns helfen, sehr gute von weniger guten Ideen zu unterscheiden.

Wie helfen Sie den Ideengebern konkret?

Wir stellen ein Gremium aus Experten für den jeweiligen Themenbereich zusammen. Sie beteiligen sich an der Weiterentwicklung des Projekts, knüpfen ein Netzwerk, ermitteln den Finanzbedarf. Dann legen sie die Art der Umsetzung fest: Soll eine Firma gegründet werden oder ist ein Forschungsprojekt sinnvoller? Zudem wird die Agentur Dienstleistungen zur Verfügung stellen, zum Beispiel die Buchhaltung und die Personalverwaltung, damit die Firma sich auf das Wesentliche konzentrieren kann, nämlich die Innovation möglichst schnell in die Tat umzusetzen.

Killerroboter kommen nicht infrage

Ist Ihnen die Art der Innovation egal? Mit Killerrobotern könnte man gute Geschäfte machen.

Nein. Wir handeln nach den humanistischen Werten und Prinzipien, die das Fundament unseres Zusammenlebens in Europa sind und die uns bald 75 Jahre Freiheit, Frieden und Wohlstand beschert haben. Killerroboter und andere Waffen stehen auf der schwarzen Liste. Das gleiche gilt etwa auch für Datenausbeutungsprogramme.

Eine Milliarde Euro klingt nach viel. Reicht ihnen das?

In Relation zu den USA und China ist das natürlich wenig. Die vergleichbare Einrichtung in den USA hat drei Milliarden Dollar zur Verfügung – pro Jahr. Aber ich sehe da kein Problem: Wir stehen erst am Anfang, sind im Aufbau. Wenn wir erfolgreich sind und in ein paar Jahren tolle Projekte vorzeigen können, dann wird es sicher einfacher, an mehr Geld zu kommen, weil jeder sieht, dass es sinnvoll investiert ist.

Wie sieht es mit eigenen Einnahmen aus?

Wenn wir eine tolle Innovation gebaut haben und diese in die freie Wirtschaft entlassen, kann damit natürlich auch Geld eingenommen werden. Aber das ist nicht unsere Priorität. Wir werden nach wirtschaftlichen Prinzipien agieren. Natürlich sollen auch die Erfinder an den Einnahmen ihrer Innovation beteiligt werden und gerne damit reich werden. Voraussetzung: Der wirtschaftliche Nutzen muss in unserem Land stattfinden.

Und wenn Sie nach drei Jahren noch keine Innovation auf den Weg gebracht haben?

Dann sind wir gescheitert. Der Erwartungsdruck ist sehr hoch. Klar, am Ende ist wichtig, was wir abliefern. Ich bin aber sehr zuversichtlich.

Ich baue auf die Stärke des Mittelstands

Sind Sprunginnovationen nur ein Thema für die großen Konzerne?

Nein, oft kommen die richtig guten Ideen eher von den kleinen und mittelständischen Unternehmen. Denen fehlen die Mittel für eine Umsetzung natürlich mehr als den Großen. Ich baue auf die Stärke des Mittelstands. Deutsche Firmen sind Weltmarktführer in vielen Bereichen, wir sind auch gut in der Grundlagenforschung. Aber wenn man schaut, wann zuletzt global bahnbrechende Erfindungen hierzulande gemacht wurden, dann bewegen wir uns vor allem zwischen den Jahren 1880 und 1920. Wir müssen den Drive aus dieser Zeit zurückgewinnen. Im Bereich Mikrocomputer haben wir eine ganze Industrie mit Sprunginnovationen verpennt. Und das liegt nicht daran, dass wir keine guten Ingenieure hätten. Wir brauchen eine Umgebung, in der sich die Innovationen entwickeln können. In den USA ist es das Silicon Valley, da können Start-Ups auch mal ein paar Milliarden einsammeln. Das ist hier nicht möglich. Selbst wenn hier eine Idee entsteht, kaufen die Großkonzerne meistens den Laden weg. Da setzen wir an. Das kann unsere Agentur natürlich nicht alleine schaffen.

Turbokapitalismus, Monopolbildung, Datenausbeutung

Fordern Sie also ein deutsches Silicon Valley?

Auf keinen Fall. Diese Art des Turbokapitalismus führt immer zu einer Monopolbildung, das entspricht nicht unseren Werten. Der Mensch wird dabei zum Treibstoff für diese Monopolmaschine. Das führt zum Beispiel zu Datenausbeutung und einer ganzen Kette von furchtbaren Dingen.

Wie ist Südwestfalen aus Ihrer Sicht aufgestellt?

Wir haben Orte, die noch ganz schön weit hinterherhinken. Aber es gibt auch viele positive Beispiele, da passiert sehr viel. Wir haben tolle Universitäten und Fachhochschulen im Umfeld. Und das Schöne ist ja, dass der Sauerländer auch gerne wieder zurückkommt, wenn er fertig studiert hat. Familienunternehmen sind das Rückgrat unserer Wirtschaft, sie sind sehr langfristig orientiert. Das ist ihre Stärke. Und sie bringen großartige Unternehmerpersönlichkeiten hervor. Unsere große Chance: Die Bedeutung des geografischen Standortes sinkt mit der Digitalisierung.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben