Studie

Angela Merkel ist bei Deutschtürken beliebter als Erdogan

Deutschtürken stehen in der Regel politischer eher links. Die klare Mehrheit hätte laut einer Studie ein Bündnis aus SPD, Grünen und der Linkspartei gewählt. Foto:Getty Images

Deutschtürken stehen in der Regel politischer eher links. Die klare Mehrheit hätte laut einer Studie ein Bündnis aus SPD, Grünen und der Linkspartei gewählt. Foto:Getty Images

Essen.   Erdogan wirbt nur allzu gerne um die Stimmen der in Deutschland lebenden Türken. Eine Studie zeigt nun, dass er nicht so beliebt ist.

Ginge es nach den Deutschtürken, hätten wir längst eine neue Bundesregierung – und es wäre keine große Koalition. Die klare Mehrheit hätte ein Bündnis aus SPD, Grünen und der Linkspartei. „Das Bild, das die Öffentlichkeit von der politischen Einstellung der deutschen Staatsbürger mit türkischem Migrationshintergrund hat, ist völlig falsch“, sagt Achim Goerres, Politikwissenschaftler an der Universität Duisburg-Essen.

Sie stehen politisch eher links von der Mitte und der türkische Staatspräsident Erdogan ist unter ihnen eher unbeliebt. Die Szenen mit einem roten Fahnenmeer, die stets bei Erdoganbesuchen oder großen Demos gezeigt würden, verfälschten das wahre Bild, meint Goerres.

Für welche Partei entscheiden sich Einwanderer und ihre Nachkommen aus der Türkei oder der ehemaligen Sowjetunion mit einem deutschen Pass bei der Bundestagswahl? Dieser Frage gingen Politikforscher der Unis Duisburg-Essen und Köln in einer Studie nach, die erstmals fundierte und repräsentative Daten zum Wahlverhalten dieser Einwanderergruppen vorlegt.

Deutlich geringere Wahlbeteiligung

Die Untersuchung ist nach eigenen Angaben die erste Wahlstudie, die aufgrund hochwertiger Analysen aus der Bundestagswahl 2017 präzise Angaben zum Wahlverhalten von Deutschen mit Migrationshintergrund macht. Dafür haben die Forscher je 500 Deutsche befragt, die selbst oder deren Eltern aus der Türkei oder aus Nachfolgestaaten der Sowjetunion nach Deutschland kamen.

„Ich war sehr überrascht, dass die Wahlbeteiligung bei beiden Gruppen so viel geringer war als bei deutschen Wählern ohne Migrationshintergrund“, sagte Goerres dieser Zeitung. Während die allgemeine Wahlbeteiligung bei der letzten Bundestagswahl bei 76,2 Prozent lag, betrug die Quote bei den Deutschtürken lediglich 64 Prozent, bei den Russlanddeutschen sogar nur 58 Prozent. „Der Unterschied von 18 Prozent ist schon sehr extrem“, findet Goerres.

Russlanddeutsche rechts der Mitte

Beide Gruppen sind politisch auch ganz anders eingestellt als die Deutschen ohne Migrationshintergrund, ergab die Studie. Russlanddeutsche positionieren sich im politischen Spektrum eher rechts der Mitte, Deutschtürken verorten sich links der Mitte. Doch auch die vor der Wahl vermutete Nähe der Russlanddeutschen zur AfD lasse sich nicht belegen. Zwar gaben 15 Prozent der Russlanddeutschen dieser Partei ihre Stimme, damit schneidet die rechtspopulistische Partei unter ihnen etwas stärker ab als im Bundesdurchschnitt (12,6 Prozent), rangiert aber nach Union und Linkspartei dennoch erst an dritter Stelle.

„Die große Aufregung darüber, dass angeblich die meisten Russlanddeutschen zur AfD tendieren, ging an der Realität vorbei“, fasst Goerres zusammen. Die Union liegt auch bei den Russlanddeutschen mit 27 Prozent klar vorne, gefolgt von den Linken (21 Prozent), die SPD wäre mit der FDP nur vierte Kraft (12 Prozent).

Deutschtürken gegen Erdogan

Überrascht zeigten sich die Forscher auch darüber, dass die SPD bei Deutschtürken lediglich 35 Prozent erzielte. „Ich hätte einen deutlich höheren Wert erwartet“, erklärt Goerres. Immerhin 12 Prozent wählten die Partei „Allianz Deutscher Demokraten“, die der türkischen Regierungspartei AKP von Staatspräsident Erdogan nahesteht und nur in NRW antrat.

Daraus auf große Sympathien für Erdogan unter Deutschtürken zu schließen, wäre allerdings falsch. Goerres: „Die Deutschen türkische Abstammung sind klar gegen Erdogan.“ Auf einer Skala von -5 bis +5 bewerteten die Befragten den türkischen Staatspräsidenten nur mit der Note -2,5.

Vielfältige Gemeinschaft

„Wenn sie überhaupt am türkischen Referendum teilgenommen haben, stimmten sie deutlich dagegen.“ Nur 21 Prozent der Türken mit doppelter Staatsbürgerschaft war für die Verfassungsreform, durch die Erdogan seine Befugnisse als Präsident deutlich ausweitete. Rund 66 Prozent der Deutschtürken sprachen sich überdies gegen eine EU-Mitgliedschaft der Türkei aus.

Achim Goerres macht darauf aufmerksam, dass die türkische Gemeinschaft in Deutschland politisch vielfältiger ist, als gemeinhin angenommen. Aleviten, Kurden und andere Türkeistämmige unterschieden sich in ihrer politischen Einstellung und auch in ihrem Engagement sehr. Die Politik müsse dies stärker zur Kenntnis nehmen und sich darauf einstellen.

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