Religion

Die Christen im Nordirak und ihr schwieriges Weihnachten

In der Kirche in Karakosch zünden Gläubige an Weihnachten Kerzen an.

Foto: Chris McGrath / Getty Images

In der Kirche in Karakosch zünden Gläubige an Weihnachten Kerzen an. Foto: Chris McGrath / Getty Images

Mossul  Weihnachten bei Christen im Nordirak: In der Stadt Karakosch, in der die Islamisten besiegt wurden, hofft man auf einen Neuanfang.

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Der Geruch des Weihrauchs mischt sich mit dem der kalten Asche. Die Priester und der Bischof singen laut in die Kälte hinein. Auf den Bänken im rußgeschwärzten Kirchenschiff sitzen der Bürgermeister, Militärs, Polizisten, wenige Einwohner. Schwer bewaffnete Milizionäre bewachen die Eingänge der Kirche. Weihnachtsgottesdienst in der Al-Tahera-Kathedrale, einer der größten Kirchen im Nahen Osten. Das Äußere steht noch, das Innere ist ausgebrannt. Nichts beschreibt die Situation der Christen im Irak besser als diese Szene am zweiten Weihnachtstag in Karakosch.

Die Stadt in der Nineveh-Ebene zwischen Mossul und der autonomen Kurdenregion war früher die größte christliche Stadt im Irak. 45.000 Menschen lebten hier. Dann kam der verhängnisvolle Sommer 2014, als Dschihadisten der Terrormiliz IS die Gegend überrannten. Sie nahmen die christlichen Dörfer und Städte in der Region handstreichartig, auch Karakosch fiel. Die Bewohner retteten sich in die nahe Kurdenregion, die meisten ließen ihr Hab und Gut zurück. Tausende leben heute in Flüchtlingscamps oder Wohnungen in der Kurdenhauptstadt Erbil, andere haben den Irak verlassen, viele haben Zuflucht auch in Deutschland gefunden.

Die Dschihadisten steckten Häuser und Kirchen in Brand

„Unser Schmerz ist sehr groß und unsere Herzen weinen, aber auch unsere Hoffnung ist sehr groß“, sagt Petros Moshe. „Unsere Gebete sind unsere Waffen.“ Moshe ist Erzbischof der syrisch-katholischen Kirche, seine Heimatdiözese ist Mossul. Von dort floh er vor Islamisten nach Karakosch und weiter nach Erbil. Als Karakosch vor zwei Monaten von der irakischen Armee befreit wurde, kehrte Moshe zurück – und war entsetzt. Die Dschihadisten hatten Häuser und Kirchen in der Stadt in Brand gesetzt. Der Bischof wirkt müde.

An Heiligabend war er im Nishtiman-Basar in der Altstadt von Erbil. Dort, am Fuß der jahrtausendealten Zitadelle, leben 350 christliche Familien. „Wer baut unsere Häuser wieder auf?“, haben sie ihn gefragt. „Wer sorgt für unsere Sicherheit?“ So groß die Freude der Menschen über die Befreiung ist, so groß ist die Angst vor einer ungewissen Zukunft.

Die Menschen sind nach den Angriffen misstrauisch geworden

„Ich will meinem Volk eine frohe Botschaft überbringen, ihm Kraft geben“, sagt Petros Moshe. Aber er kann keine Antworten liefern, die die Menschen zufriedenstellen. Sie sind misstrauisch, verunsichert. Manche sind nach der Befreiung nach Karakosch gegangen und waren von der Zerstörung so erschüttert, dass sie den Irak verlassen haben. Von ehemals 53.000 Mitgliedern seiner Gemeinde sind heute nur noch 26.000 im Land.

Früher, zu Zeiten des Diktators Saddam Hussein lebten über zwei Millionen Christen im Irak. Heute sind es vielleicht noch 300.000. Es ist ein Exodus aus einem Land, in dem es die ersten christlichen Gemeinden schon vor 1900 Jahren gab und in dem Gottesdienste auf Aramäisch abgehalten werden, der Sprache Jesu Christi. „Wir brauchen Hilfe von der Welt“, sagt Petros Moshe.

Ziel ist eine eigene christliche Armee

Die von geplünderten Geschäften und ausgebrannten Häusern gesäumten Straßen in Karakosch sind nahezu menschenleer, es sind fast nur Soldaten zu sehen, darunter auch Milizionäre der „Schutzeinheiten der Nineveh-Ebene“. Die NPU ist eine christliche Miliz, ausgebildet von den Amerikanern, 500 Mann stark. Ihr Befehlshaber ist General Bahnem, ein früherer Oberst der irakischen Armee. „Wir wollen selbst für unsere Sicherheit sorgen, sind aber viel zu wenige“, sagt er. Seine Einheit wird offiziell von der irakischen Regierung finanziert, 2500 andere Christen dienen unter kurdischem Oberkommando. „Das Beste wäre, wenn wir zusammen für unsere Leute da sein könnten“, sagt er.

Vergebung für das, was ihnen angetan wurde, sei wichtig. „Aber Vertrauen ist das andere. Wir haben kein Vertrauen mehr.“ Eine eigene christliche Armee, mehr Autonomie für die Nineveh-Ebene und das Recht, Gesetze aus Bagdad ablehnen zu dürfen, das wollen sie hier: der General, der Priester, der Erzbischof. „Wir müssen für uns selbst entscheiden dürfen“, sagt auch der Bürgermeister von Karakosch, Nissan Karwmi, „sonst gibt es keine Zukunft für die Christen. Die Weltgemeinschaft muss helfen.“

Noch ist der Krieg nicht vorbei. Die Offensive auf Mossul stockt. Auch an diesem Weihnachtstag sind dumpfe Geräusche der Luftschläge zu hören. Rauch steigt in der Ferne auf. Der Frieden ist noch weit entfernt an diesem Weihnachtsfest.

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