Mordprozess

Fritz von Weizsäcker erstochen: War es Mord aus Hass?

Der 57 Jahre alte Angeklagte Gregor S. sitzt am Dienstag hinter Panzerglas im Berliner Landgericht.

Der 57 Jahre alte Angeklagte Gregor S. sitzt am Dienstag hinter Panzerglas im Berliner Landgericht.

Foto: Carsten Koall / dpa

Berlin.  Gregor S. soll vor einem halben Jahr den Mediziner Fritz von Weizsäcker erstochen haben. Seit Dienstag steht er in Berlin vor Gericht.

Reglos saß Gregor S. hinter dickem Panzerglas in Saal 700 des Berliner Landgerichts. Als die Staatsanwaltschaft am Dienstagmittag verlas, was ihm vorgeworfen wird, verzog der 57-Jährige keine Miene. Auf den Tag genau vor einem halben Jahr soll S. den Mediziner Fritz von Weizsäcker unvermittelt mit einem Messerstich in den Hals getötet haben. Der Vorwurf: heimtückischer Mord. Das Motiv: Hass auf die Familie des Getöteten – insbesondere auf den Vater, den früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker (1920-2015).

Auch Beatrice von Weizsäcker, die ältere Schwester des Getöteten, war zu Prozessbeginn anwesend. Sie tritt wie zwei seiner Kinder als Nebenklägerin auf. Auch die langjährige Lebensgefährtin von Weizsäckers war beim Prozessauftakt vor Ort. Die Bluttat hatte im November vergangenen Jahres bundesweit für Entsetzen gesorgt.

Der erste Verhandlungstag ging bereits nach sieben Minuten zu Ende. Lediglich die Anklage wurde verlesen. Die Anwälte des Beschuldigten gaben an, er werde sich im Laufe des Prozesses äußern und Fragen beantworten. Dass der Angeklagte sich am ersten Tag nicht einlassen konnte, begründete das Gericht damit, dass ein geladener psychologischer Sachverständiger verhindert gewesen sei.

„Und der soll die Einlassungen hören“, sagte Sprecherin Lisa Jani. Denn im Prozess müsse auch geklärt werden, ob Gregor S., der seit der Tat in der Psychiatrie untergebracht ist, überhaupt dafür verantwortlich gemacht werden kann. Die Staatsanwaltschaft geht in ihrer Anklage davon aus, dass seine Schuldfähigkeit aufgrund einer psychischen Erkrankung „zumindest erheblich vermindert gewesen“ sei.

Gregor S. soll unvermittelt auf Fritz von Weizsäcker zugestochen haben

Gregor S. war zuletzt in Rheinland-Pfalz als Packer in einem Amazon-Logistikzentrum beschäftigt. Er lebt nicht in Berlin, sondern reiste am 19. November 2019 aus seiner Heimat Andernach (Kreis Mayen-Koblenz) an. Dort hat er laut Anklage auch eine Rückfahrkarte und das Messer gekauft, mit dem er später zugestochen haben soll. Der tödliche Angriff passierte am Abend dieses Tages in der Schlosspark-Klinik in Charlottenburg. Der Internist Fritz von Weizsäcker arbeitete seit 2005 in dem privaten Krankenhaus und war dort zuletzt Chefarzt der Abteilung für Innere Medizin.

Die Attacke kam plötzlich. Von Weizsäcker hatte gerade einen Vortrag zum Thema „Fettleber“ beendet. Laut einer Augenzeugin hatten einige der 20 bis 30 Zuhörer den Raum bereits verlassen, als Gregor. S. aufsprang, auf den Arzt zustürmte und ihm gezielt das Klappmesser in den Hals rammte. Der 59 Jahre alte von Weizsäcker starb noch am Tatort.

Polizist versuchte, Gregor S. zu stoppen

Ferrid Brahmi, ein zufällig anwesender Polizist, versuchte Gregor S. vergeblich zu stoppen. Beim Kampf stach S. mehrfach auf den 33-jährigen Polizisten ein. Trotz seiner schweren Verletzungen gelang es Brahmi, den Attentäter zu überwältigen, sodass der kurz darauf festgenommen werden konnte. Wegen des Angriffs auf Brahmi, der bis heute dienstunfähig ist, muss sich Gregor S. auch wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung verantworten. Der Polizist tritt im Prozess ebenfalls als Nebenkläger auf.

Der Tod des Mediziners hatte bundesweit für Erschütterung gesorgt. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ließ einen Tag nach der Tat über ihren Sprecher mitteilen: „Es ist ein entsetzlicher Schlag für die Familie von Weizsäcker, und die Anteilnahme der Bundeskanzlerin, sicher auch der Mitglieder der Bundesregierung insgesamt, gehen an die Witwe, an die ganze Familie.“ Ganz anders Gregor S. Er soll sich bereits direkt bei seiner Festnahme zufrieden mit dem Ablauf seiner Tat gezeigt haben. In seiner folgenden Vernehmung legte er dann ein umfassendes Geständnis ab und offenbarte auch die Gründe für seine Tat.

Angeklagter gibt Familie eine kollektive Schuld

Alles deutet demnach darauf hin, dass Fritz von Weizsäcker seine Herkunft zum Verhängnis wurde. Denn Gregor S. gibt laut Anklage dessen Vater Richard von Weizsäcker eine Mitschuld am Tod von Millionen Menschen während des Vietnamkriegs in den 1960er-Jahren. Bevor der CDU-Mann politische Karriere machte und Regierender Bürgermeister Berlins (1981-1984) und schließlich Bundespräsidenten (1984-1994) wurde, arbeitete er unter anderem für den Chemiekonzern Boehringer in Ingelheim am Rhein (Rheinland-Pfalz).

Dort war der Jurist zwischen 1962 und 1966 Mitglied der Geschäftsführung. Später wurde bekannt, das Boehringer 1967, ein Jahr nach von Weizsäckers Ausscheiden, in großen Mengen Chemikalien an die US-Firma Dow Chemical geliefert haben soll. Die wiederum stellte das hochgiftigen Entlaubungsmittel „Agent Orange“ her, das die US-Armee über Vietnams Wälder versprühte, wodurch viele Menschen starben.

S. soll in den Vernehmungen weiter angegeben haben, dass er sich seit 30 Jahren intensiv mit Richard von Weizsäcker und dessen Angehörigen beschäftige. Gegenüber den Ermittlern soll der Angeklagte der Familie stets eine Kollektivschuld gegeben haben. Nachdem der Alt-Bundespräsident 2015 starb, soll er sich auf dessen Kinder fokussiert haben. Seine Wahl sei schließlich auf den jüngsten Sohn gefallen, der während des Vietnamkriegs noch ein Kind war. Im Prozess sind fünf weitere Verhandlungstage angesetzt. Er soll am kommenden Dienstag fortgesetzt werden. Eine Entscheidung könnte noch Ende Juni fallen.

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