Gerichtsprozess

Hat ein Dinslakener Menschen in Syrien zu Tode gefoltert?

Nils D. (r), IS-Terrorist, kommt in den Gerichtssaal im Hochsicherheitstrakt des Oberlandesgerichts.

Nils D. (r), IS-Terrorist, kommt in den Gerichtssaal im Hochsicherheitstrakt des Oberlandesgerichts.

Foto: Rolf Vennenbernd / dpa

Düsseldorf.  Nils D. ist bereits als Mitglied der Terrororganisation IS verurteilt worden. Nun droht ihm lebenslange Haft. Er soll Folterknecht gewesen sein.

Er sei nicht in der Lage, einem Huhn den Kopf abzuschneiden, selbst wenn er Hunger habe. Das sagte Nils D. im Januar 2016, als er sich das erste Mal vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht für seine Mitgliedschaft in der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) verantworten musste. Möglicherweise war der 29-Jährige zu weit Schlimmeren fähig.

Er soll in der nordsyrischen Stadt Manbidsch drei Menschen zu Tode gefoltert haben. Deswegen steht er jetzt wieder in Düsseldorf vor Gericht. Ihm werden Mord und Kriegsverbrechen vorgeworfen.

Kurze Haare, glatt rasiert, Brille, deutlich schlanker als bei dem Prozess vor dreieinhalb Jahren. Nils D. grüßt freundlich ins Publikum, es sind einige Angehörige anwesend. Aus der Szene ist nur Bernhard Falk da, ein früherer Linksterrorist, der konvertiert ist und jetzt islamistische Gefangene betreut. Falk ist nicht als Freund gekommen. D. hatte 2016 auch deshalb mit viereinhalb Jahren eine vergleichsweise niedrige Strafe bekommen, weil er umfangreich zu den Strukturen des IS und gegen Mitstreiter ausgesagt hat. „Wer sich als Kronzeuge zur Verfügung stellt, hat sich selbst aus dem Islam katapultiert“, sagt Falk.

Bundesanwaltschaft glaubt, dass er Blut an den Händen hat

Vor drei Jahren war Nils D. wegen der Mitgliedschaft im IS verurteilt worden. Weil er sich als Kronzeuge angedient hatte, kam er mit einer vergleichsweise milden Strafe davon, Mordtaten konnten ihm nicht nachgewiesen werden. Die Aussage eines Zeugen legt nach Ansicht der Bundesanwaltschaft aber glaubhaft nahe, dass er sehr wohl Blut an den Händen hat.

Wie der Dinslakener Nils D. zum Salafisten wurde Beim Prozessauftakt in Düsseldorf skizziert der Vorsitzende Richter Jan van Lessen zunächst anhand der Urteilsbegründung aus dem März 2016 den Weg des Dinslakeners in den Dschihad. Wie der Ausbildungsabbrecher, Kiffer, Drogenhändler und vorbestrafte Kleinkriminelle von seinem Cousin Philip B. in die salafistische Szene im Stadtteil Lohberg gezogen wurde, wie er im Oktober 2013 den schon vorher ausgereisten anderen Mitgliedern der Lohberger Brigade über die Türkei nach Syrien folgte; wie Nils D. sich in dem Terrorkalifat einrichtete und in Manbidsch schließlich Teil eines Sturmtrupps wurde, der im Auftrag des IS Razzien durchführte und Menschen verhaftete; wie er Hinrichtungen beiwohnte und mit einem Sprengstoffgürtel durch die Stadt flanierte.

Wie sein Cousin Philip schwer verletzt wurde und 20 kurdische Soldaten ermordete, als er sich an im August 2014 an einem Checkpoint nahe der nordirakischen Stadt Mossul in die Luft jagte. Und wie D. schließlich im November 2014 nach Dinslaken zurückkehrte, zurück zu seiner Mutter und seiner Tochter, die er mit 15 Jahren gezeugt hatte.

Folterungen in einem Gefängnis in Syrien

All das ist hinreichend bekannt. Nils D. hatte sich 2016 umfassend zu seiner Zeit geäußert und tiefe Einblicke in die Organisationsstruktur des IS, die Hierarchien und die Schleuseraktivitäten gegeben. Nach seinen damaligen Aussagen wurden Haftbefehlen gegen sechs mutmaßliche Mitglieder des IS erlassen. Nach Ansicht der Bundesanwaltschaft hat D. allerdings einiges ausgelassen. Konkret: seine Beteiligung an Folterungen in einem Gefängnis in Manbidsch.

Terror-Organisation IS- Darum geht es dem Islamischen Staat

Balango. Das ist ein Wort, das Menschen in Syrien erschaudern lässt. Balango wird eine grausame Foltertechnik genannt, bei der Gefangenen an den hinter dem Rücken zusammengebundenen Armen an die Decke hochgezogen werden. Schon das ist unfassbar schmerzhaft. Zugleich prügeln die Peiniger auf ihre Opfer ein. Genau das soll Nils D. zwischen Juli und November 2014 nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft in einem Foltergefängnis des IS getan haben.

Opfer schrien vor Schmerzen und vor Verzweiflung

Dort sollen Gefangene in kleine Einzelzellen in einem Verhörraum gebracht worden sein, wo sie die Folterungen anderer Leidensgenossen miterleben mussten, ehe sie selbst gepeinigt wurden. Die Folterungen sollen D. und sieben bis acht weitere Folterknechte durchgeführt haben. Die Menschen seien aufgehängt und mit Holzknüppeln auf alle Teile des Körpers geschlagen worden. „Sie schrien vor Schmerzen und Verzweiflung“, so Bundesanwältin Claudia Polz. Bei drei Opfern soll Nils D. gemeinsam mit zwei anderen Folterschergen so lange zugeschlagen haben, bis sie tot waren.

Die Folteropfer seien zwischen 13 und 80 Jahre gewesen, Mitglieder der Freien Syrischen Armee und Zivilisten. Ihren Tod soll Nils D. billigend in Kauf genommen haben. Die Bundesanwaltschaft beruft sich auf die Aussage eines Zeugen, der sich derzeit in der Türkei aufhält. Er soll an vier Verhandlungstagen vor dem Oberlandesgericht aussagen.

In einem Brief beteuert er seine Unschuld

Zum Prozessauftakt schweigt der 29-jährige Angeklagte. In einem Brief an den Vorsitzenden Richter beteuert er aber seine Unschuld. Er habe im Gefängnis „impulsiv reagiert“, wenn ihn Mitgefangene auf seine vermeintlichen Gewalttaten angesprochen hätten. „Ich will das nicht auf mir sitzen lassen, wenn ich als Henker und Folterknecht bezeichnet werde.“ Seine Familie und das Aussteigerprogramm, in dem er sich befindet, seien die einzigen, die ihm geholfen hätten, beklagt sich D. in dem Brief, den van Lessen vorliest. „Ich will einfach nach Hause zu meiner Familie.“

Seine Strafhaft endet am 29. September. Allerdings hat ein Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof einen Haftbefehl erlassen. Bleibt es dabei, wird D. auch nach September im Gefängnis in Untersuchungshaft bleiben. Ihm droht im Fall einer Verurteilung eine lebenslange Haftstrafe.

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