Interview

Irakische Kurden wollen über ihr Schicksal entscheiden

Auf dem Weg in die Unabhängigkeit? Kurdische Kämpfer im Nordirak.

Foto: imago stock&people

Auf dem Weg in die Unabhängigkeit? Kurdische Kämpfer im Nordirak. Foto: imago stock&people

Essen.  Am 25. September stimmen die irakischen Kurden über ihre Unabhängigkeit ab. Der Irak sei ein gescheiterter Staat, sagt der Gouverneur von Dohuk.

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Einen Tag nach der Bundestagswahl wird die Bevölkerung in der kurdischen Autonomieregion im Nordirak am 25. September über die Unabhängigkeit abstimmen. International wird das Referendum kritisch gesehen, lediglich Israel hat bislang signalisiert, dass es ein unabhängiges Kurdistan anerkennen werde.

Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) hatte kurz nach Bekanntgabe des Abstimmungstermins vor einer weiteren Destabilisierung der Region gewarnt, die Amerikaner als engste Verbündete der Kurden reagierten zwiespältig. Die Anrainerstaaten Türkei und Iran mit ihren großen kurdischen Bevölkerungsanteilen kritisierten die geplante Abstimmung heftig. Die NRZ sprach mit Farhad Atrushi über das Referendum. Er ist der Gouverneur der Provinz Dohuk in der irakischen Kurdenregion, die seit 1991 weitgehende Autonomierechte hat.

Die Region ist in etwa so groß wie Nordrhein-Westfalen. Dort leben rund fünf Millionen Menschen, dazu kommen derzeit rund 2,3 Millionen syrische Bürgerkriegsflüchtlinge und irakische Binnenvertriebene.

Gouverneur Atrushi, welche Bedeutung hat die Abstimmung am 25. September?

Farhad Atrushi: Für Kurdistan ist das ein historisches Ereignis. Es ist das erste Mal in der Geschichte des kurdisches Volkes, dass es in einer demokratischen Weise über sein Schicksal entscheiden kann. Es ist die Gelegenheit für die Kurden zu zeigen, dass sie im Irak keine Zukunft mehr sehen.

Was ist so verkehrt am Irak?

Der Irak ist ein Land, das vor 100 Jahren von den früheren Kolonialmächten Frankreich und Großbritannien künstlich geschaffen wurde. Sie zwangen damals die Kurden mit den Arabern zusammenzuleben, um eine Balance zwischen Sunniten und Schiiten zu schaffen. Dieser künstliche Staat hat nicht funktioniert.


Wie hat sich das konkret für die Kurden ausgewirkt?

Die Kurden haben ein Jahrhundert lang gelitten. Es gab viele Tragödien wie den Giftgasangriff auf Halabdscha im Jahr 1988, bei dem 5000 Menschen innerhalb weniger Minuten starben. Tausende kurdische Dörfer wurden in den achtziger und neunziger Jahren zerstört.

Wie sind Ihre Erwartungen an den Ausgang des Referendums?

Ich glaube, dass die überwältigende Mehrheit der Kurden und der Minderheiten in Kurdistan – dort leben ja auch Christen, Jesiden, Turkmenen, Araber, Schabak und Kakai – für ein unabhängiges Kurdistan stimmen werden. Die Minderheiten sind enthusiastischer als die Kurden selbst. Denn die Kurden garantieren die Rechte dieser Minderheiten.

Falls tatsächlich eine Mehrheit für die Unabhängigkeit stimmt – wird sie dann sofort erklärt?

Nein. Der erste Schritt nach der Abstimmung wird die Aufnahme von Verhandlungen mit der irakischen Regierung sein, um gemeinsam Mechanismen für die Unabhängigkeit zu entwickeln. Es gibt sehr viele Punkte, über die verhandelt werden muss. Es wird aber natürlich nicht unendliche Verhandlungen geben, bevor wir unsere Unabhängigkeit erklären.

Die Geschichte der Region ist von Gewalt geprägt. Kann ein solcher Prozess dort überhaupt friedlich verlaufen?

Wir haben gesagt, dass wir keine Gewalt anwenden wollen. Wir wollen einen friedlichen Weg in die Unabhängigkeit und die Probleme zivilisiert lösen. Wie das funktionieren kann, hat man in Europa gesehen. Auch die Tschechen und Slowaken haben einen friedlichen Weg gefunden, sich voneinander zu trennen. Natürlich ist der Nahe Osten nicht Europa. Aber ich gehe trotzdem davon aus, dass wir eine gewaltfreie Lösung finden.

Deutschland und andere Staaten sehen die kurdische Unabhängigkeitsbestrebungen kritisch. Sind Sie von den bisherigen Reaktionen der Internationalen Gemeinschaft enttäuscht?

Wir können die Bedenken der internationalen Gemeinschaft nachvollziehen. Außenpolitik ist interessengeleitet und legt immer Wert auf Stabilität. Aber die Tragödien und die Massaker im Irak sind für uns nicht mehr akzeptabel. Es ist unser Recht, als Kurden über unser Schicksal zu entscheiden. Es ist eine moralische Frage für ganz Europa und die internationale Gemeinschaft, ob sie die Kurden im Stich lassen, so dass sie weiterhin unterdrückt und getötet werden. Wir garantieren, dass Kurdistan ein guter Nachbar des Irak, aber auch der Türkei und des Iran sein wird. Wir haben unsere Region jetzt für 26 Jahre stabil gehalten, und wir werden auch weiterhin ein Stabilitätsanker im Nahen Osten sein.

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