Terrorismus

Islamismus-Expertin: Tschetschenen sind für IS sehr wertvoll

Islamismus-Expertin Claudia Dantschke im Mai 2017 in Berlin.

Islamismus-Expertin Claudia Dantschke im Mai 2017 in Berlin.

Foto: M. Popow / imago/Metodi Popow

Berlin   Junge Tschetschenen ziehen von Deutschland aus in den Dschihad. Expertin Claudia Dantschke über ein schwer zu durchschauendes Milieu.

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Wer mit Kriminalbeamten spricht, hört häufig die Sorge vor der Gewaltbereitschaft einiger junger Tschetschenen in Deutschland. Mehrere Zehntausend Menschen sind in den vergangenen Jahren aus dem Kaukasus hierher geflohen - einige von ihnen zählen zur Gruppe der radikalen Salafisten. Clanstrukturen innerhalb der Familien und eine fehlende Perspektive in Deutschland würden die Isolation befördern, sagt Islamismus-Expertin Claudia Dantschke von der Berliner Beratungsstelle Hayat.

Sie befassen sich seit vielen Jahren mit Radikalisierung. Wodurch sind Ihnen junge Tschetschenen in der Szene aufgefallen?

Claudia Dantschke: Es hat sich in den vergangenen Jahren gezeigt, dass Tschetschenen in Deutschland eine sehr geschlossene Gruppe sind. Sie bleiben unter sich, öffnen sich nur schwer Deutschen oder anderen Migranten in ihrer Nachbarschaft, etwa vergleichbar mit der somalischen Gemeinde in den USA oder teilweise den Jesiden in Deutschland. Zugleich ist ihre Gesellschaft in Tschetschenien sehr patriarchalisch geordnet, sehr auf die Familie und die Zugehörigkeit zum Clan fokussiert. Das befördert Isolation.

Wie viele Tschetschenen zählen zu islamistischen Gruppen?

Dantschke: Wie viele Tschetschenen genau in Deutschland leben, lässt sich nicht sagen, da sie ja unter Flüchtlinge mit russischer Staatsbürgerschaft fallen. Oft werden sie auch unter der Rubrik Kaukasus zusammengefasst. In Berlin sollen es etwa 300 sein. Allein im Jahr 2015 waren von den damals insgesamt 60 Ausreisen aus Berlin in Richtung Dschihad-Gebiet Syrien/Irak etwa 15 Tschetschenen. Das ist gemessen an der Gesamtzahl der Tschetschenenin Berlin sehr hoch.

Deutsche Islamisten schwärmen vom „Kampfgeist“ der Tschetschenen in Syrien. Was ist da dran?

Dantschke: Die Brigaden der Tschetschenen gehörten zu den ersten Kämpfern des IS. Und ihre Erfahrung im Umgang mit Krieg und Waffen ist groß, da viele von ihnen in den Tschetschenien-Kriegen gegen die russische Armee gekämpft haben. Sowohl für den IS als auch für al-Qaida gehören Tschetschenen zu den wertvollsten Rekruten. Und die tschetschenischen Islamisten sehen im Kampf gegen Syriens Diktator Assad eine Fortsetzung ihres Kampfes gegen dessen Verbündeten Wladimir Putin und die russische Armee.

Was müssen wir wissen, um die Radikalisierung von jungen Menschen aus dem Kaukasus in Deutschland zu verstehen?

Dantschke: Die allermeisten Tschetschenen sind nicht eingewandert, wie andere Migranten aus Russland. Sie sind vor Krieg und Gewalt geflohen, doch ihr Asylstatus ist vage. Einige sind sicher traumatisiert. Sie finden schwer Zugang zur Mehrheitsgesellschaft mit entsprechenden Lebensperspektiven. Diese Erfahrungen sind Nährboden für eine Radikalisierung. Um gegen Extremismus in der Szene vorzugehen, braucht es Türöffner. Die Familien trauen sich oft nicht, Hilfe von Fremden anzunehmen – oft aus Scham, andere haben schlechte Erfahrungen mit Polizei und Behörden gemacht.

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Die ersten Dschihadisten aus Deutschland zog es nicht in Richtung Syrien – sondern in den Kaukasus.

Dantschke: Richtig. Vor allem für die türkisch-deutsche Islamisten-Szene waren die Tschetschenien-Kriege ein Erweckungserlebnis. Die ersten dschihadistischen Kämpfer aus Deutschland zogen aus Ulm in Richtung Kaukasus. In Großbritannien hatte sich zu dieser Zeit längst eine starke pakistanisch geprägte Islamisten-Szene etabliert, in Frankreich eine arabischstämmige Szene. Wir stellten damals fest, dass sich junge Türken aufgrund der Tschetschenien-Kriege erstmals für den Dschihad interessierten. Der Kaukasus hat für viele Türken eine besondere Bedeutung aufgrund der gemeinsamen osmanischen Vergangenheit. Vor allem in Österreich leben viele Tschetschenen, und viele haben sich radikalisiert. Die Experten aus Österreich warnen davor, dass deutsche Behörden das Radikalisierungspotenzial der Tschetschenen in Deutschland unterschätzen.

Worauf müssen Programme zur Deradikalisierung speziell bei jungen Menschen aus dem Kaukasus achten?

Dantschke: Diese Programme müssen mit Tschetschenen zusammenarbeiten, um Zugang zu den sich radikalisierenden Jugendlichen zu bekommen. Und in der Arbeit geht es neben der Biografiearbeit auch um Aufarbeitung des speziellen tschetschenischen Narrative. Dazu gehört vor allem der Konflikt mit Russland.

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