Syrien

Jin War, das Dorf der freien Frauen

Im Dorf Jin War im Norden Syriens sollen Frauen ein selbstbestimmtes Leben führen können

Im Dorf Jin War im Norden Syriens sollen Frauen ein selbstbestimmtes Leben führen können

Foto: Jan Jessen

Jin War.   In Jin War, einem Dorf im Norden Syriens können Frauen ein selbstbestimmtes Leben führen. Das Projekt ist bedroht durch türkische Angriffspläne.

Die Sonne geht auf und taucht das Dorf und die Äcker in der Umgebung mit ihren tief braunen, fruchtbaren Böden in rötlich-goldenes Licht. Vögel zwitschern, ein Hund bellt. Eine Gruppe junger Frauen kommt ein wenig außer Atem und schwitzend an dem Tor an, auf dem in den kurdischen Farben Rot, Grün und Gelb der Name des Dorfes steht: „Jin War“. Im Norden Syriens, nahe der türkischen Grenze, ist in den vergangenen zwei Jahren ein Projekt entstanden, das in dieser Region seinesgleichen sucht, ein Dorf, in dem Frauen selbstbestimmt und frei leben können. Ob es eine Zukunft hat, ist ungewiss.

Nudschin ist eine der jungen Frauen, die gerade ihren Frühsport beendet haben. Nudschin steht für „neues Leben“, es ist nicht der richtige Name der 27-Jährigen. Sie hat ihn angenommen, als sie vor zwei Jahren aus dem Ruhrgebiet in die syrische Kurdenregion reiste, auf der Suche nach einem anderen Leben. Anders als andere junge Deutsche, die auf Seiten kurdischer Milizionäre gegen den sogenannten „Islamischen Staat“ kämpften, hat Nudschin nie eine Waffe in die Hand genommen. Sie hat geholfen, Jin War aufzubauen.

An diesem warmen Oktobermorgen bereitet Nudschin mit den anderen Frauen nach dem Frühsport in der Gemeinschaftsküche das Frühstück zu. Einige sind Ausländerinnen, aus Spanien, der Schweiz. Sieben stammen aus der Region, ihre Männer sind im Kampf gegen den IS gefallen, früh an Krankheiten gestorben oder haben sie in Frauenhäuser geprügelt. Für diese Frauen wurde Jin War gebaut. Die junge Deutsche spricht kurdisch mit ihnen, begrüßt lachend die Kinder, die noch schlaftrunken aus den Häusern kommen. Es gibt Brot, Schafskäse, Tomaten, Honig und süßen schwarzen Tee.

Jin War, das sind 30 Häuser, eine Krankenstation, eine Schule, eine Akademie, ein kleines Ladenlokal, ein Gemeinschaftszentrum mit einer Küche, die meisten Gebäude sind in traditioneller Bauweise errichtet, mit Ziegeln aus Lehm und Stroh. Finanziert wurde das Projekt unter anderem durch Spenden aus aller Welt. Das Dorf ist Ausdruck der umwälzenden Veränderungen, die Rojava, der mehrheitlich von Kurden bewohnte Norden Syriens seit dem Ausbruch des Krieges im Jahr 2011 erlebt hat.

Aus dem Aufstand gegen den syrischen Diktator Assad haben sich die Kurden weitgehend herausgehalten. Als enge Verbündete der Internationalen Allianz gegen den sogenannten „Islamischen Staat“ kämpften ihre Milizen YPG und YPJ gemeinsam mit arabischen und christlich-assyrischen Verbündeten erfolgreich gegen das Terrorkalifat. Zugleich versuchen sie, eine neue Gesellschaftsordnung zu etablieren, nach den Lehren des seit vielen Jahren inhaftierten Gründers der kurdischen Arbeiterpartei PKK, Abdullah Öcalan, dessen Porträt in den Städten und Dörfern im Norden omnipräsent ist. Frauen spielen dabei eine wesentliche Rolle.

„Das ist ein inspirierendes Projekt“

An einer Wand des Gemeinschaftszentrums in Jin War ist ein Bild von Istar gemalt, der babylonischen Göttin, die zu einer Ikone des Feminismus geworden ist. „Das ist ein super spannendes, ein sehr inspirierendes Projekt, weil Frauen hier nicht passiv bleiben, sondern selbst eine kommunale Ökonomie aufbauen“, referiert Nudschin. Sie sprechen sich mit Hevala und Heval an. Freundin, Freund. Und sie leben hier ein einfaches Leben.

Strom gibt es nur selten, mit Hilfe eines Generators pumpen sie Wasser aus einem Brunnen. Auf den Feldern um das Dorf wachsen Tomaten, Gurken, Linsen, die Bäume tragen Oliven, Aprikosen und Pfirsiche, sie halten Schafe, Ziegen und Hühner. In einem Steinofen backen sie Brot. „Wir wollen uns möglichst selbst versorgen, aber wir wollen unsere Produkte auch in die umliegenden Dörfer verkaufen“, sagt Nudschin.

Aus den Dörfern in der Nachbarschaft kommen immer wieder Menschen, um sich das Projekt anzuschauen, erzählt Nudschin. Heute ist eine Delegation kurdischer Journalistinnen da. Sie machen Bilder, diskutieren, tragen die Idee von Jin War in die Region. „Vielleicht werden wir ja ein Pilotprojekt“, hofft Nudschin.

Zainab ist eine der Frauen, die in dem Dorf eine neue Heimat gefunden haben. Sie lebt seit einigen Wochen mit ihrem Sohn Ciya in Jin War. Sie sieht älter aus als die 26 Jahre, die sie ist. Hinter ihr liegt ein hartes Leben. Verheiratet mit 14, verlor sie ihren Mann ein Jahr nach der Hochzeit, da war Ciya gerade geboren.

Eigentlich stammt sie aus der Türkei, aber sie floh nach dem Tod des Mannes in den Nordirak, lebte dort in einem Flüchtlingscamp, das von der PKK kontrolliert wird. „Mir haben die Leute gesagt, dass ich wieder heiraten soll. Ich will aber nie wieder heiraten“, erzählt sie in ihrem Wohnzimmer, wo sie auf einer Matratze sitzt. „Frauen sollten auf ihren eigenen Beinen stehen“, sagt sie und lächelt. Ihr Sohn schmiegt sich an sie.

Im Dorf ist Zainab jetzt für einen kleinen Laden verantwortlich, in dem sie Kleider und Lebensmittel verkauft. „Ich will mich und meinen Sohn versorgen können.“ Sie selbst kann nicht lesen und schreiben. Ciya soll es lernen. „Ich hoffe, dass er eine gute Bildung bekommt und Lehrer wird, oder vielleicht Arzt.“

Die Kinder im Dorf werden von Lehrerinnen aus der Nachbarschaft unterrichtet. Die Schule wird im Oktober noch gebaut. Von Männern, die von der Frauengemeinschaft für die Bauarbeiten bezahlt werden. Nach dem gemeinsamen Mittagessen überlassen die Männer den Frauen den Abwasch. „Bis sich die Dinge weiter entwickeln, braucht es viel Zeit“, sagt Nudschin lakonisch.

Ob Jin War diese Zeit hat, ist offen. In der Türkei gelten die kurdischen Milizen YPG und YPJ wegen ihrer ideologischen Nähe zur PKK als Terrororganisationen. Ein von ihnen kontrolliertes semiautonomes Gebiet direkt an der türkischen Grenze will Ankara nicht zulassen. Anfang des Jahres ließ der türkische Präsident Erdogan bereits den kurdischen Kanton Afrin im Nordwesten Syriens überfallen. Aktuell lässt er Panzer auffahren, um auch den Rest Rojavas anzugreifen, Seite an Seite mit islamistischen Milizen, die der Befreiung der Frau gar nichts abgewinnen können. „Es kann sein, dass es uns bald nicht mehr gibt“, sagt Nudschin. „Aber hier gibt es unglaublich viel Hoffnung.“

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Jin War ist kurdisch und heißt soviel wie „Ort der Frauen“.

Die NRZ hat Jin War Mitte Oktober diesen Jahres besucht.

Am 25. November, am „Internationalen Tag zur Beseitigung der Gewalt gegen Frauen“, wurde das Dorf offiziell eingeweiht.

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