Islamstudie

Warum Jugendliche ein negatives Bild vom Islam entwickeln

Muslime demonstrierten in Köln vor einem Jahr gegen den Terror. Dennoch schlagen ihnen viele pauschale Vorurteile entgegen.

Muslime demonstrierten in Köln vor einem Jahr gegen den Terror. Dennoch schlagen ihnen viele pauschale Vorurteile entgegen.

Foto: Kai Kitschenberg

Essen.   Jugendliche lehnen den Islam abstrakt ab - obwohl sie persönlich positive Erfahrungen mit Muslimen haben. Studien sollen Widerspruch erklären.

Der Islam ist eine Bedrohung, er passt nicht in die westliche Welt. So denkt die Mehrheit der Deutschen. Jeder Vierte will Muslimen sogar die Zuwanderung nach Deutschland verwehren - die jüngsten Studien und Umfragen zu dem Thema ergeben eine euindeutige Tendenz.

Aber filt das auch für die Jugend? Ist unter ihnen die Abwehr ebenso groß? Viele junge Menschen, gerade in den Ballungsräumen wie dem Ruhrgebiet, sind mit Muslimen aufgewachsen, teilen mit ihnen die Schulbank, den Wohnblock, die Straße, den Sportverein. Ein von Migration gekennzeichnetes Umfeld ist für viele selbstverständlich. Dennoch ist das Islambild vieler Jugendlicher in NRW von Abwehr und Vorurteilen geprägt, ergab eine von der Stiftung Mercator geförderte Studie von Lamya Kaddor, Islamwissenschaftlerin an der Uni Duisburg-Essen, und der Migrationsforscherin Nicolle Pfaff. „Islamfeindlichkeit ist ein Phänomen, das um sich greift und vor allem bei Jugendlichen noch kaum erforscht ist“, sagte Kaddor dieser Zeitung.

Nur wenige haben ein differenziertes Bild der Religion

Für einen ersten qualitativen Teil der nun vorgelegten Studie mit dem Titel „Islamfeindlichkeit im Jugendalter“ haben die Wissenschaftlerinnen 20 Schülerinnen und Schüler von Gymnasien und Berufskollegs im Alter zwischen 16 und 26 Jahren nach ihrer Meinung zum Islam, zu Integration und Migration intensiv befragt. Diese Befragung ist die Basis für weitere, grundlegendere Untersuchungen. Die Forscherinnen suchten Antworten auf die Frage, welche islamfeindlichen Haltungen junge Menschen trotz ihres Wissens um die Normalität der Einwanderungsgesellschaft und ihren persönlichen Erfahrungen entwickeln

.

In den über 800 ausgewerteten Antworten kehrten einige Erzählungen immer wieder: über die Bedrohung der eigenen Identität, die Unterdrückung der Frau, die Gefahr des Islamismus sowie die Bildung von Parallelgesellschaften. Nur ein kleiner Teil der Antworten habe ein differenziertes Bild der Religion gezeichnet.

Widerspruch fiel Jugendlichen kaum auf

„Wir haben die Studie bewusst in NRW durchgeführt, wo die Zahl der Muslime hoch ist und es viele Kontakte zwischen den Jugendlichen gibt“, berichtet Kaddor. „Und dennoch waren die Vorbehalte groß.“ Dabei zeigte sich häufig ein Widerspruch zwischen der persönlichen Ebene und der allgemeinen Einschätzung (Sachebene) des Islam. So hält man auf der Sachebene an einem abwertenden und feindlichen Islambild fest, während auf der persönlichen Ebene auch von positiven Erfahrungen berichtet wird. Nach dem Motto: Muslime sind kriminell, aber mein Kumpel ist okay. So habe es Aussagen gegeben wie: „Das Kopftuch unterdrückt die muslimische Frau. Aber meine Freundin trägt es freiwillig“, erzählt Kaddor. Dieser Widerspruch sei den Jugendlichen selbst kaum aufgefallen.

Eine Ursache für diese Schere im Kopf sieht die Islamwissenschaftlerin in dem dominierenden öffentlichen Diskurs über den Islam, der vor allem von Problemen, Gewalt, Fremdheit und Ablehnung geprägt sei. Kaddor: „Wer rund um den 11. September 2001 geboren wurde, dem verheerenden Anschlag in den USA, hat in seinem Leben nur die wachsende Konfrontation zwischen ,dem Westen’ und dem Islam erlebt. Das prägt.“ Terror, Bedrohung, Krieg, Flucht und Integrationsprobleme würden seither mit dem Islam verknüpft. „Dem können sich Jugendliche nicht entziehen“, ist Kaddor überzeugt.

Schere im Kopf

Was sie bei den Befragungen erstaunt habe: Auch Jugendliche, die eine weniger negative Einstellung zum Islam haben, sprachen stets von „wir“ und „die“. Sie zogen stets eine Trennlinie zu den Muslimen. „Alle hatten diese Schere im Kopf. Dass wir heute in einer modernen Einwanderungsgesellschaft leben, ist offenbar noch nicht angekommen.“ Oft seien sich die Jugendlichen gar nicht klar darüber, dass ihre Aussagen islamfeindlich waren. „Wieso? Das ist einfach so. Das sagen doch alle“, sei die Antwort gewesen, wenn man sie darauf aufmerksam machte.

Genau hier liegt der Punkt, an dem die pädagogische Arbeit mit Jugendlichen ansetzen könne, sagt Kaddor. Differenzierte Sichtweisen befördern, sein Gegenüber als anderen erkennen und anerkennen, dies müsse das Ziel von Jugendarbeit und Unterricht sein. Daher sollen die Untersuchungsergebnisse der Forscherinnen Grundlage für Informationen und Unterrichtsmaterialien für Jugendarbeit und Schulen werden, um islamfeindliche Einstellungen frühzeitig zu erkennen und ihnen zu begegnen. Denn: „Ansichten, die man sich in frühen Jahren zu eigen macht, prägen häufig ein Leben lang“, sagt Lamya Kaddor.

Mehr zum Thema
Leserkommentare (61) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik