FSJ und BFD

Das Interesse am Freiwilligendienst in NRW geht zurück

Ein guter Dienst: Carolin Rodemann macht ihren Freiwilligendienst im Vinzenzheim in Gladbeck und beschäftigt mit Bewohnerin Ursula Paschke. 

Ein guter Dienst: Carolin Rodemann macht ihren Freiwilligendienst im Vinzenzheim in Gladbeck und beschäftigt mit Bewohnerin Ursula Paschke. 

Foto: Lutz von Staegmann / FUNKE Foto Services

Düsseldorf  Die Anbieter von Freiwilligendiensten beklagen eine sinkende Bewerberzahl. Sie fordern Gratis-Tickets für den Nahverkehr für die Ehrenamtlichen.

Angesichts sinkender Bewerberzahlen für das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) und den Bundesfreiwilligendienst (BFD) in Nordrhein-Westfalen fordern die Anbieter dieser Dienste mehr Vergünstigungen für die meist jungen Teilnehmer, zum Beispiel freie Fahrt im Nahverkehr.„Freiwilligendienste müssen in der Öffentlichkeit mehr Aufmerksamkeit bekommen“, sagte Elly Bijloos vom Arbeitskreis der Freiwilligendienste in NRW und Vize-Chefin der Internationalen Jugendgemeinschaftsdienste (ijgd), dieser Redaktion. „Gebetsmühlenartig“ werde diese Forderung an die Politik herangetragen. Leider ohne Erfolg.

Die im Vergleich zu früheren Jahren recht günstige Lage auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt schlägt auf die Freiwilligendienste durch. Immer mehr junge Menschen seien nicht mehr darauf angewiesen, ein Jahr zu „überbrücken“, um ins Berufsleben oder ins Studium zu starten. „Wir haben weniger Bewerber, außerdem nimmt die Zahl der kurzfristigen Absagen auf schon vergebene Stellen und die Zahl der vorzeitigen Abbrüche zu“, erklärte Frank Danscher, Chef der Gesellschaft Freiwerk, die für das Deutsche Rote Kreuz (DRK) den Freiwilligendienst in NRW organisiert. Im Jahr 2015 zählte Freiwerk im Bezirk Nordrhein noch 3375 Bewerber für 1092 Stellen (FSJ und BFD), im Jahr 2018 waren es 2814 Bewerber für 1021 Stellen.

"Drei Bewerber auf eine Stelle sollten es sein"

Die Träger sagen, sie benötigten im Schnitt drei Bewerber auf eine Stelle, um, die Angebote mit geeigneten Interessenten besetzen zu können. Im Moment sei die Situation noch nicht bedrohlich, aber der Trend gebe Anlass zur Sorge. Der Landesarbeitskreis der Freiwilligendienste rechnet damit, dass ab September rund 16.000 Freiwillige ihren Dienst in NRW antreten werden.

Besonders eindringlich fordern die Träger der Freiwilligendienste die kostenfreien, zumindest aber die stark vergünstigte Fahrt der Freiwilligen im Nahverkehr. Das neue Azubi-Ticket in NRW schließt zwar auch die FSJ- und BFD'ler mit ein, kostet aber bis zu 82 Euro. Das sei deutlich zu viel für junge Menschen, die in diesem Dienst nur eine Aufwandsentschädigung von bis zu 350 Euro erhalten und damit deutlich weniger Geld bekommen als Lehrlinge.

Der Landesarbeitskreis macht noch weitere Vorschläge, um den Freiwilligendienst attraktiver zu machen: Die Wiedereinführung der Befreiung von Rundfunkbeiträgen, mehr Gewichtung des Freiwilligendienstes bei der Studienplatzvergabe sowie verbindliche Ermäßigungen in öffentlichen und kulturellen Einrichtungen mit den bundesweiten Freiwilligendienst-Ausweisen.

„Freiwillige sind Weltverbesserer“

Anzeigen wie diese des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) sind in diesen Wochen häufig zu sehen: „Wer Interesse an Umwelt und Natur hat und mit anpacken möchte, kann in Biologischen Stationen, Botanischen Gärten, Grünflächenämtern oder Umweltbildungseinrichtungen tätig werden“. Der Verband sucht wieder Bewerber für ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ).


Freiwilligendienste können auch „sozial“ sein oder auf Kultur und Bildung zielen. 16.000 Freiwillige dürften in diesem Jahr in NRW den Dienst antreten, melden die Internationalen Jugendgemeinschaftsdienste (ijgd), die mit ihren Partnern in NRW viele Einsatzstellen ermöglichen. Zum Vergleich: Vor der Einführung des Bundesfreiwilligendienstes im Jahr 2011 wurden in NRW nur rund 6600 Freiwillige gezählt.

Fridays-Bewegung weckt Interesse am ökologischen Jahr

Mareile Kalscheuer, zuständig für die Jugendförderung beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) lobt die jungen Menschen, die sich für ein Freiwilliges Ökologisches Jahr entscheiden. „Das sind Weltverbesserer“, sagt sie. Die „Fridays for future“-Bewegung motiviere Heranwachsende zusätzlich, sich für ein FÖJ zu entscheiden. Aber auch der LWL zählte schon mehr Bewerber. Etwa 450 Interessierte für 150 FÖJ-Stellen in Westfalen sind es in diesem Jahr. Früher waren es bis zu 600. „Noch haben wir keine Probleme mit der Stellenbesetzung“, versichert Kalscheuer. Der LWL muss und möchte allerdings eine Quote erfüllen: Nur jede zweite Stelle darf an einen Bewerber mit Abitur gehen. Die Zahl der Bewerber mit Abi ist aber dreimal höher als die ohne.

Beim LWL, LVR und vielen anderen Anbietern von Freiwilligendiensten wird daher der Ruf nach Vergünstigungen immer lauter. „Die hohen Fahrtkosten sind immer ein Thema. Wir reden hier über ein Ehrenamt, das Taschengeld im FÖJ liegt bei etwa 300 Euro im Monat“, erklärt Kalscheuer.

Freiwilligendienst jetzt auch in Teilzeit

Im 2011 gestarteten Bundesfreiwilligendienst (aktuell rund 7900 Teilnehmer in NRW) können sich Frauen und Männer jedes Alters engagieren. Das Freiwillige Soziale Jahr, häufig angeboten von Wohlfahrtsverbänden, richtet sich an Jugendliche und junge Erwachsene bis 26 Jahre. Hier ist auch ein Auslandsaufenthalt möglich.

Seit Mai 2019 gilt ein Freiwilligendienste-Teilzeit-Gesetz. Junge Menschen unter 27 Jahren, die aus persönlichen Gründen keinen Vollzeit-Dienst ableisten können, dürfen einen Jugendfreiwilligendienst in Teilzeit (FSJ/FÖJ) mit mindestens 20 Wochenstunden machen. Zu diesen Gründen zählen zum Beispiel eine Schwerbehinderung, die Betreuung eines Angehörigen oder die Teilnahme an einem Bildungsangebot.

Der Bund will den Freiwilligendienst zu einem "Jugendfreiwilligenjahr" weiter entwickeln.

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