Kohleausstieg

Dorfbewohner wollen nach Kohlevereinbarung weiter kämpfen

Der Schock sitzt tief bei denen, die sich in der Initiative „Alle Dörfer bleiben“ engagieren. Sie wollen aber kämpfen. (Archivbild)

Der Schock sitzt tief bei denen, die sich in der Initiative „Alle Dörfer bleiben“ engagieren. Sie wollen aber kämpfen. (Archivbild)

Foto: André Hirtz / André Hirtz / Funke Foto Services

Keyenberg/Kuckum.  Der Tagebau Garzweiler soll komplett ausgebaggert werden dürfen. Das würde das Ende für einige Dörfer bedeuten. Die Bewohner sind schockiert.

Es war nur ein vage Hoffnung, aber die hatten sie in Keyenberg, Kuckum und den anderen Dörfern bei Erkelenz nicht aufgegeben: Dass mit dem Kohleausstieg ihre Heimat verschont bleiben würde. Mit den in der Nacht zu Donnerstag ausgehandelten Vereinbarungen ist klar: Die Dörfer sollen den Baggern weichen. Der Schock sitzt tief bei denen, die sich in der Initiative „Alle Dörfer bleiben“ engagieren. Sie wollen aber kämpfen.

Laut dem zwischen Bund und Ländern ausgehandelten Fahrplan soll der Tagebau Hambach verkleinert werden. Der Hambacher Forst, der zum Symbol des Kampfes gegen die Kohle geworden ist, bleibt erhalten. Dafür soll der Tagebau Garzweiler komplett ausgebaggert werden. Etliche Dörfer, in denen noch Hunderte Menschen leben, müssten dann verschwinden.

Bewohnerin: Das ist illegale Zwangsenteignung

Barbara Ziemann-Oberherr lebt in Keyenberg. Zwei Drittel der ehemals 900 Einwohner haben das Dorf bereits verlassen. Die verbliebenen Dörfler können den gigantischen Bagger schon sehen, der am Rand des gewaltigen Tagebaus Garzweiler vielleicht 500 Meter vor dem Dorf thront.

Ziemann-Oberherr ist wütend. „Ich hatte auf mehr Verstand gehofft. Die Konzerne, nicht die Politiker regieren unser Land.“ Sie hat Angst um ihren Besitz. Die 59-Jährige wohnt in einem 1904 gebauten Bauernhof, umgeben von einem großen Grundstück. Den müsste sie verlassen, wenn die Bagger im Jahr 2023 kommen. „Das wäre eine illegale Zwangsenteignung“, schimpft sie.

Eine Wiese könnte die Zukunft bestimmen

Der Energiekonzern RWE, davon ist sie überzeugt, wolle Fakten schaffen. Im Januar habe das Unternehmen Pumpen errichten lassen, direkt hinter den Gärten. Mit ihnen soll das Grundwasser abgesaugt werden, damit die Bagger nicht absaufen.

Zwischen der Grube und Keyenberg aber liegt eine Wiese. Das Schicksal dieses kleinen, gerade einmal 300 Quadratmeter großen Grundstücks, könnte über die Zukunft der Dörfer entscheiden. Es gehört einer kleinen Gemeinschaft von neun Eigentümern, darunter Barbara Ziemann-Oberherr, aber auch Familien aus Kuckum, Berverath und anderen Flecken.

Die Wiese muss weg, bevor die Bagger dort auskohlen können, wo heute Keyenberg steht. RWE müsste die Besitzer enteignen. Bereits im vergangenen Jahr hatte die Solidargemeinschaft angekündigt, gegebenenfalls gegen eine drohende Enteignung zu klagen. Sie setzen darauf, dass sie vor Gericht geltend machen können, dass RWE die Kohle gar nicht mehr braucht, die unter ihren Dörfern liegt.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat ausgerechnet, dass in den Tagebauen Garzweiler II und Hambach aktuell verfügbar rund 810 Millionen Tonnen Braunkohle liegen. Um den Bedarf bis 2038 zu decken, müsste der Energiekonzern RWE noch 672 Millionen Tonnen aus der Erde kratzen. Keyenberg, Kuckum, Berverath, Oberwestrich und Unterwestrich müssten demnach gar nicht verschwinden.

Anwalt will nötigenfalls vor das Verfassungsgericht

Der Anwalt der Solidargemeinschaft will nötigenfalls bis vor das Bundesverfassungsgericht ziehen. Seine Mandanten, sagt er, seien enttäuscht und fassungslos. Der Rechtsstreit um die kleine Wiese könnte zu einem Präzedenzfall werden.

Unter den Besitzern der Wiese ist auch die Mutter von David Dresen, einem weiteren Aktivisten der Initiative „Alle Dörfer bleiben“. Sie bewohnt in Keyenberg ein Haus aus dem 17. Jahrhundert.

Aktivist: Das ist ein krasser Schock

Die Vereinbarung zum Kohleausstieg sei ein „krasser Schock“ gewesen, sagt Dresen. Er habe niemals damit gerechnet, dass das Schicksal der Dörfer in dieser Vereinbarung auf Bundesebene besiegelt werden könnte. „Es wurde uns immer gesagt, es ginge dabei nur um die Frage, welche Kraftwerke wann abgeschaltet werden müssen.“

Er fühlt sich getäuscht von der Politik. Und auch er ist wütend. „Enttäuscht wäre viel zu milde ausgedrückt.“Jetzt müsste das weitere Vorgehen abgesprochen werden, sagt Dresen. „Wir müssen das mit der Dorfgemeinschaft besprechen.“

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