Revier-Hochschulen

Im Ruhrgebiet sind die Hürden beim Studium besonders hoch

Nicht immer ein Vergnügen: Studieren im Ruhrgebiet.

Nicht immer ein Vergnügen: Studieren im Ruhrgebiet.

Foto: Franz Luthe / WAZ FotoPool / WAZ FotoPool

Düsseldorf.   Im Ruhrgebiet sind laut dem DGB viele junge Menschen mit dem Studieren unzufrieden. Besonders im Nachteil: Studenten mit Migrationshintergrund.

Studenten im Ruhrgebiet sind unzufriedener mit ihrer Studiensituation als insgesamt Studierende in Nordrhein-Westfalen und in Deutschland. Während bundesweit 70,2 Prozent der Studenten von guten Erfahrungen berichten, sind es im Revier nur 64,6 und in NRW 66,9 Prozent. Besonders unzufrieden sind tendenziell Studenten aus bildungsfernen Familien und aus Familien mit Migrationshintergrund. Dies geht aus einer statistischen Sonderauswertung hervor, die der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) am Montag im Landtag vorstellte.

Viele der Befragten hatten zum Beispiel große Schwierigkeiten, ihr Studium mit Nebenjobs zu finanzieren. Die DGB-Landesvorsitzende Anja Weber forderte die Politik im Land auf, sich mehr um die Studenten an der Ruhr zu kümmern und auf ihre besonderen Bedürfnisse und Probleme einzugehen. „Leider ist von der aktuellen Landesregierung wenig Engagement in diese Richtung zu erkennen“, sagte Weber.

Von der beeindruckenden Größe und Dichte der Hochschullandschaft im Ruhrgebiet ist oft die Rede. Vom Neben- und Miteinander von Unis, Fachhochschulen und Forschungsinstituten. Aber aus der Sicht vieler Studenten scheint das Studieren an der Ruhr nicht so beeindruckend zu sein. Auffallend viele sind eher unzufrieden mit ihren Studienbedingungen. Der DGB in NRW möchte dies herausgefunden haben, mit seinem ersten Studierendenreport speziell zum Ruhrgebiet.

Ulf Banscherus, Bildungsforscher an der Technischen Universität Berlin und Autor des Studierendenreports, zieht eine ernüchternde Bilanz: „Die Hürden, das Studium erfolgreich zu meistern, liegen für die Studierenden im Ruhrgebiet höher als in NRW und bundesweit“, sagte er am Montag. Nur rund 65 Prozent der Studenten im Ruhrgebiet bewerteten ihre Studiensituation positiv. „Unzufrieden sind besonders Studenten mit Migrationshintergrund und/oder niedriger Bildungsherkunft“, so Banscherus. Von ihnen ist nur gut jeder Zweite mit der Studiensituation zufrieden.

Die Probleme

Die Frage „Wie finanziere ich mein Studium?“ treibt im Revier mehr Studenten um als anderswo. Laut dem Report des DGB werden Studenten im Ruhrgebiet seltener von ihren Eltern unterstützt als in NRW oder bundesweit. Folge: Sie müssen häufiger jobben und haben weniger Zeit fürs Studium. 15 Stunden arbeiten sie durchschnittlich jede Woche. Bundesweit liegt der Schnitt bei 13,6 Stunden.

Ein Problem im Ruhrgebiet ist auch die Betreuungsrelation, wie Studien in der Vergangenheit immer wieder ergeben haben. Nirgendwo in Deutschland muss ein Professor mehr Studenten betreuen als in NRW, und in NRW ist das Ruhrgebiet das Schlusslicht. Hier betreut im Schnitt ein Professor 108 Studenten. Bundesweit liegt die Relation bei etwa 1:70.

Die Besonderheiten

m Ruhrgebiet haben 17,2 Prozent der Studenten eine „niedrige Bildungsherkunft“. Das heißt, maximal ein Elternteil hat eine Berufsausbildung abgeschlossen. In NRW liegt dieser Wert bei 14,6 und in Deutschland bei nur zwölf Prozent. Im Ruhrgebiet hat außerdem jeder vierte Student einen Migrationshintergrund, deutschlandweit ist es jeder Fünfte. „Eine gute Nachricht“, findet DGB-Landeschefin Anja Weber. „Aber aus dieser Chance müssen wir mehr machen.“ Denn die Studenten aus diesen Elternhäusern werden oft finanziell nicht so unterstützt, wie Kinder aus Akademikerfamilien. Sie müssen nebenbei Geld verdienen, und das drückt die Studienzufriedenheit. Ihre soziale Lage sei „besonders prekär“, unterstreicht der DGB.

Studenten im Ruhrgebiet sind überdurchschnittlich stark in der Region verwurzelt. Für sie ist die Nähe zum Heimatort sowie zu Eltern und Freunden besonders wichtig bei der Wahl der Hochschule. Sie wohnen häufiger nicht direkt am Studienort und öfter noch bei ihren Eltern. Folge: Viele Studenten im Revier nehmen längere Wege zur Uni in Kauf.

Die Kritik der Gewerkschaften

„Kümmert euch mehr um die Studenten an der Ruhr“, fordert der DGB von der Landesregierung. Die setze – auch bei der Ruhrkonferenz – viel zu sehr auf Leuchtturmprojekte und Exzellenzförderung in der Wissenschaft. Statt besonders in die Bildung derjenigen zu investieren, die von Hause aus schlechtere Startchancen haben als andere, schaue die Politik lieber auf Forschungs-Rankings und Spitzenwissenschaftler.

Laut DGB dürften sich die Studienbedingungen für junge Menschen mit Zuwanderungsgeschichte und mit niedriger Bildungsherkunft weiter verschärfen. Die Landesregierung müsste darauf achten, dass Studenten Lernen und Arbeit besser kombinieren können. Stattdessen setze sie mit dem neuen Hochschulgesetz auf „starre Anwesenheitspflichten“ und andere „Zwangsinstrumente“.

NRW soll sich im Bund für eine große BAföG-Reform einsetzen, sagen die Gewerkschaften des DGB. Die Altersgrenze beim BAföG müsse weg, der Höchstsatz von heute 735 auf 885 Euro angehoben werden. Schließlich müssten soziale Kriterien viel mehr berücksichtigt werden, wenn es um die Frage gehe, wie viel Geld die Hochschulen vom Land NRW und vom Bund bekommen.

Der Studierendenreport

Für den ersten Studierendenreport des DGB in NRW wurden Angaben von 13.000 Studenten aus NRW (darunter 3300 aus dem Ruhrgebiet) ausgewertet. Basis ist die 21. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerkes. Die Daten stammen aus dem Jahr 2016. „Aktuellere gibt es nicht“, sagt Ulf Banscherus. Der DGB hat die Ruhrgebiets-Auswertung mit Hilfe des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung durchgeführt. Der Report bezieht sich auf Unis und Fachhochschulen (ohne die Fernuni Hagen) im Gebiet des Regionalverbandes Ruhr (RVR).

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