Straßenbahnen

Land will Spurbreiten-Chaos im Ruhrgebiet beenden

Verschiedene Spurweiten bei den Straßenbahnen zwischen Gelsenkirchen und Duisburg. An manchen Stellen zwischen Mülheim und Duisburg laufen sogenannte Parallelschienen.

Verschiedene Spurweiten bei den Straßenbahnen zwischen Gelsenkirchen und Duisburg. An manchen Stellen zwischen Mülheim und Duisburg laufen sogenannte Parallelschienen.

Foto: Ralf Rottmann

Essen.  Das Nebeneinander verschiedener Gleisweiten ist ein Ärgernis. Der Aufwand, das Chaos zu beenden, ist offenbar geringer als angenommen.

Das Wirrwarr unterschiedlicher Spurbreiten von Stadt- und Straßenbahnen im Ruhrgebiet könnte schon bald der Vergangenheit angehören. Im NRW-Verkehrsministerium gibt es offenbar Überlegungen, die Infrastruktur kommunaler Schienennetze zu standardisieren.

Pendler im Ruhrgebiet sollen nicht mehr allein deshalb umsteigen müssen, weil die Stadt- und Straßenbahnen unterschiedliche Spurweiten haben, heißt es aus dem Ministerium. Dort, wo solche verkehrsrelevanten Systembrüche bestehen, werde man deren Beseitigung fördern, teilte eine Sprecherin auf Anfrage dieser Redaktion mit.

Nur vier Systembruchstellen

Ins Rollen gebracht wurde der Vorstoß des Ministeriums durch ein Gutachten über den Sanierungsbedarf der insgesamt 15 Stadt-, U-Bahn und Straßenbahnsysteme in NRW-Kommunen. Das so genannte Spiekermann-Gutachten bezifferte dabei allein für die Instandhaltung und Erneuerung von Tunnelanlagen, Gleisen, Signaltechnik, Rolltreppen und Oberleitungen einen Investitionsbedarf von insgesamt mehr als 2,6 Milliarden Euro bis zum Jahr 2031 – eine Summe, die von den betroffenen Kommunen kaum zu stemmen sein dürfte.

Denn nach Berechnungen des Verbandes deutscher Verkehrsbetriebe können die Städte im besten Fall gerade einmal ein Viertel der Sanierungskosten für ihre Bahnen selber tragen. NRW-Verkehrsminister Hendrik Wüst (CDU) beeilte sich daher unlängst auf der Mobilitätskonferenz des Regionalverbandes Ruhr (RVR) in Dortmund, den Städten ein Entgegenkommen des Landes zu signalisieren. „Das Land wird die Kommunen mit dieser Herausforderung nicht allein lassen. Wir werden jetzt das Gespräch mit den Verkehrsunternehmen und Verkehrsbetrieben über die Fördermodalitäten führen“, sagte Wüst.

In einer zweiten Expertise berechneten die Gutachter, welcher Aufwand betrieben werden müsste, um das meist historisch gewachsene Nebeneinander verschiedener Gleisbreiten der Stadtbahnen zu beenden. Die Überraschung: Der Investitionsbedarf liegt deutlich unter den Erwartungen. Mit nur rund 45 Millionen Euro ließe sich laut Expertenmeinung ein einheitliches Spursystem der Stadtbahnen herstellen – jedenfalls dort, wo es sinnvoll erscheint. Denn die unterschiedlichen Spurbreiten der städtischen Bahnen behindern den Nahverkehr offenbar längst nicht so stark wie angenommen.

Bundesweite Kuriosität

Insgesamt wurden in NRW nur vier durch unterschiedliche Spurweiten ausgelöste „Systembruchstellen“ ausgemacht: in Krefeld, Gelsenkirchen, Mülheim und Essen. Krefeld wird dabei nicht einmal als relevant eingeschätzt, weil kein eingeschränktes Angebot für die Fahrgäste festgestellt werden konnte.

Im Ruhrgebiet dagegen sind die verschiedenen Spurbreiten der Bahnen immer wieder Diskussionsgegenstand, besonders wenn es um die angebliche Kleinstaaterei des Nahverkehrs in der Region geht. Denn Stadt- und Straßenbahnen fahren als bundesweite Kuriosität hierzulande sogar innerhalb einer Stadt auf verschiedenen Gleisbreiten: die Straßenbahnen in der Regel auf der Meterspur (Essen, Bochum, Witten, Mülheim, Gelsenkirchen), die U- und Stadtbahnen etwa in Bochum und Essen dagegen auf der rund 1,40 Meter breiten Normalspur. In Bochum und Essen gibt es innerhalb des Stadtgebiets somit zwei unterschiedliche Systeme. Dortmund und Duisburg hatten nach dem Zweiten Weltkrieg dagegen ihr komplettes Schienennetz auf Normalspur umgebaut.

Normalspur einst Vorrecht der Reichsbahn

Die Spurvielfalt ist dabei überwiegend historisch bedingt: Ende des 19. Jahrhunderts war die Meterspur schlicht Standard bei Straßenbahnen. Bei der Gründung der Bogestra im Jahr 1896 war die 1435 Millimeter breite Normalspur sogar ein exklusives Vorrecht der Deutschen Reichsbahn. Im schon damals dicht besiedelten Ruhrgebiet hatte die schmalere Meterspur der Tram außerdem verkehrstechnische Vorteile. Ihr kleinerer Kurvenradius und die geringe Breite der Fahrzeuge begünstigten die Trassenführung durch enge Straßen.

Der in den 1960er-Jahren gestartete Stadtbahnbau Rhein-Ruhr setzte dagegen auf die inzwischen weit verbreitete Normalspur. Die heutigen Stadt- und U-Bahnstrecken in den Revierstädten sind Überbleibsel dieses Projekts, das aus Kostengründen um die Jahrtausendwende begraben wurde.

Keine Dortmunder Bahn zum städtischen Flughafen

Städteübergreifende Straßenbahnlinien gibt es im Ruhrgebiet schon. Aber auch hier ist vieles gewachsene Struktur, ein nach heutigen Maßstäben logischer Gesamtplan ist indes nicht zu erkennen. Die Bogestra verbindet Bochum mit Witten und Gelsenkirchen. Nach Gelsenkirchen fährt aber auch die Ruhrbahn aus Essen, die ebenfalls Mülheim ansteuert, nicht jedoch Oberhausen. Die U 79 verbindet Duisburg mit Düsseldorf bereits seit über 100 Jahren, die Bahn zuckelt dabei an 49 Haltestellen vorbei.

Die Dortmunder Stadtbahn bringt Fahrgäste bis Lünen, aber nicht zum städtischen Flughafen. Keine einzige Stadt- und Straßenbahnlinie verbindet dagegen die vier großen Reviermetropolen Dortmund, Bochum, Essen und Duisburg. Auf der zentralen Ruhrgebietsachse sind Pendler demnach allein auf das Angebot der S- und Regionalbahnen angewiesen.

Info >>>>> Weitere Millionen für den Fuhrpark

Nicht eingerechnet in die Kalkulation für die Stadtbahn-Sanierung sind die Kosten für die Erneuerung des Fahrzeugparks. Allein die Dortmunder Stadtwerke brauchen für die Runderneuerung ihrer 64 Stadtbahnwagen und den Ankauf von 24 neuen Fahrzeugen in den kommenden Jahren rund 200 Millionen Euro. Die Duisburger Verkehrsgesellschaft DVG will 18 neue Stadtbahnwagen auf der U-Bahn-Linie 79 aufs Gleis setzen. Kostenpunkt: 61 Millionen Euro.

Leserkommentare (15) Kommentar schreiben