Campingplatz-Ermittlungen

Missbrauchsfall Lügde: Die sieben bitteren Neuigkeiten

Teile des Campingplatzes „Eichwald“ in Lügde konnten erst mit mehrwöchiger Verzögerung durchsucht werden, weil zunächst die Ermittlungsakten schlampig geführt wurden.

Teile des Campingplatzes „Eichwald“ in Lügde konnten erst mit mehrwöchiger Verzögerung durchsucht werden, weil zunächst die Ermittlungsakten schlampig geführt wurden.

Foto: Guido Kirchner

Düsseldorf   Der Abgrund von Lügde: Noch mehr Kinder sind betroffen. Neue Hinweise auf Polizei-Schlampereien. Und nicht zum ersten Mal verschwanden Beweise.

Der Skandal um den massenhaften Kindesmissbrauch auf einem Campingplatz im ostwestfälischen Lügde nimmt immer größere Dimensionen an. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) musste am Donnerstag im Innenausschuss des Landtags steigende Opferzahlen, weitere Schlampereien bei den Ermittlungen und Abgründe aus dem Polizei-Innenleben berichten. Die Neuigkeiten im Einzelnen:

1. Opferzahl steigt weiter

Die Zahl der Opfer des jahrelangen Kindesmissbrauchs hat sich noch einmal erhöht. 34 Kinder konnten bislang sicher identifiziert werden. Zudem gibt es weitere 14 Verdachtsfälle. Insgesamt sind 34 Mädchen und 14 Jungen betroffen. Nach bisherigen Erkenntnissen sollen auf dem Campingplatz in Lügde die Kinder über Jahre in mehr als 1000 Fällen sexuell missbraucht worden sein. Zum ersten Kindesmissbrauch soll es bereits vor mehr als 17 Jahren gekommen sein.

2. Drei Hauptbeschuldigte und vier Komplizen

Die Polizei ermittelt gegen sieben Beschuldigte. Der Hauptverdächtige Andreas V. (56) und zwei Komplizen sitzen in Untersuchungshaft. Zudem gibt es weitere vier Personen, die Kinder zugeführt, Kinderpornografie weiterverbreitet oder den jahrelangen Missbrauch möglich gemacht haben sollen. Darüber hinaus wird gegen zwei Polizisten wegen Strafverteilung im Amt sowie gegen zwölf Mitarbeiter von Jugendämtern und Sozialdiensten ermittelt, die Hinweisen auf Missbrauch nicht konsequent genug nachgegangen sein sollen.

3. Nicht zum ersten Mal verschwanden Asservate in Lippe

Ende Februar hatte Innenminister Reul öffentlich gemacht, dass aus einem Auswerteraum der Kreispolizei Lippe ein Alukoffer und eine Mappe (Asservate) mit 155 DVDs und CDs verschwunden waren. Die Asservate vom Campingplatz waren weder ordnungsgemäß registriert noch entsprechend gesichert. Ein Polizei-Schüler musste die Filme und Fotos sichten. Jetzt kommt heraus: Sein Tutor, der zeitweilige Leiter der Ermittlungskommission Lüdge, war schon mehrfach in den Verdacht der Strafvereitelung im Amt geraten, weil Asservate nicht mehr auffindbar waren. Darunter befand sich auch der Fall einer erwachsenen Frau, die möglicherweise Opfer einer Sexualstraftat geworden ist. Innenminister Reul hat den Beamten des Kriminalkommissariats Bad Salzuflen am Mittwoch vorläufig des Dienstes enthoben.

Wegen der verschwundenen 155 CDs und DVDs hat die Staatsanwaltschaft Detmold inzwischen ein Strafverfahren wegen Diebstahls eröffnet. Sprich: Man geht nicht mehr davon aus, dass der Alukoffer und die Mappe aus dem Auswerteraum der Kreispolizei Lippe „nur“ verbummelt wurden, sondern gezielt weggeschafft.

4. Mehrere Campingplatz-Parzellen im Fokus

Die Ermittlungen konzentrieren sich mittlerweile auf mehrere Parzellen des Campingplatz „Eichwald“ in Lügde. Der Hauptbeschuldigte Andreas V. bewohnte mit seiner Pflegetochter einen laut Polizei „überfüllten und vermüllten Wohnwagen“. Zudem war auf seinen Namen ein ausrangierter Wohnwagen in einem abgetrennten Bereich des Campingplatzes angemeldet. Überdies ist die Parzelle eines Mittäters in den Fokus geraten. Desweiteren prüfen die Ermittler Hinweise „auf eine weitere tatrelevante Parzelle“.

5. Mittlerweile 3,3 Millionen Bilder und 86.000 Videos

Die Polizei muss sich durch eine ungeheure Datenmenge arbeiten. Aktuell durchleuchtet die Ermittlungskommission „Eichwald“ fast 3,3 Millionen Bilder und über 86.000 Videos. Die Sorge von Innenminister Reul: „Die Zahl der Opfer steigt mit hoher Wahrscheinlichkeit an.“

6. Schlampige Akten verzögern Durchsuchungen

Seit 31. Januar hat Innenminister Reul der Kreispolizeibehörde Lippe die Ermittlungen entzogen und die Verantwortung einer Besonderen Aufbau-Organisation (BAO) beim Polizeipräsidium Bielefeld übertragen. Mögliche Tatorte konnten jedoch erst Anfang März durchsucht werden, weil die Kreispolizei eine völlig unstrukturierte, 3000 Seiten starke Ermittlungsakte weitergereicht hatte. Das Urteil von Innenminister Reul über die Arbeit seiner Detmolder Beamten: „Sie ist mangelhaft.“ Den Vorwurf der Opposition, Reul habe Ermittlungen dieses Ausmaßes viel zu lange einer Provinzbehörde überlassen, konterte der CDU-Politiker am Donnerstag: „Man kann erst helfen, wenn jemand bereit ist, Hilfe anzunehmen.“

7. Noch mehr Polizisten mit Kinderporno-Vergangenheit

Das Innenministerium hat landesweit untersuchen lassen, ob gegen Polizisten straf- oder disziplinarrechtliche Ermittlungen wegen Kindesmissbrauch oder Kinderpornografie geführt werden. Inzwischen wurden 17 Fälle bekannt, die jedoch nichts direkt mit Lügde zu tun haben. 16 Beamte sind nicht mehr im Dienst, einer durfte nach seiner Verurteilung in der Lipper Behörde als Streifenpolizist weiter arbeiten. Reul kündigte an, beamtenrechtliche Vorgaben zu hinterfragen, um Polizisten bei Delikten wie Kindesmissbrauch oder Kinderpornografie leichter aus dem Dienst entfernen zu können. „Ich habe da eine klare Meinung“, so Reul.

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