Hochschule

NRW ist weiter Schlusslicht bei der Uni-Betreuung

Viele Studenten – wenige Professoren. In NRW ist die „Betreuungsrelation“ im Ländervergleich besonders schlecht.

Viele Studenten – wenige Professoren. In NRW ist die „Betreuungsrelation“ im Ländervergleich besonders schlecht.

Foto: Uwe Anspach / dpa

Essen.  90 Studenten pro Hochschullehrer – in keinem Bundesland ist die Betreuungsquote schlechter als in NRW. Unis kritisieren die „immense Belastung“.

Nirgendwo in Deutschland muss ein Universitäts-Professor mehr Studierende betreuen als in Nordrhein-Westfalen. Seit Jahren weist NRW unter allen Bundesländern die mit Abstand schlechteste Betreuungsquote auf. Dies ergab die jüngste Erhebung der Fachzeitschrift „Forschung & Lehre“, die auf Zahlen des Statistischen Bundesamtes beruht. Laut „Uni-Barometer“ betreute in NRW ein Uni-Professor 2018 im Schnitt 90 Studierende. Damit blieb das Land in etwa auf dem schlechten Niveau der Vorjahre, 2017 waren es 91 Studierende, 2016 im Durchschnitt aller Fächer 90,7.

„Die Zahlen belegen nochmals, was den Alltag an den meisten NRW-Universitäten schon lange ausmacht“, sagt Lambert Koch. Der Professor ist Rektor der Uni Wuppertal und Vorsitzender der Landesrektorenkonferenz (LRK) und somit gewählter Sprecher aller Uni-Rektoren in NRW. „Die schlechte Betreuungsquote ist inakzeptabel. Die Belastung für unsere Lehrenden und Prüfenden ist immens“, so Koch weiter. Experten sehen darin zudem eine Ursache für übervolle Hörsäle und Seminare, lange Studienzeiten und eine hohe Zahl von Studienabbrechern.

NRW trägt seit Jahren die rote Laterne

Bundesweit hat sich laut „Uni-Barometer“ das Betreuungsverhältnis 2018 mit 65 Studierenden pro Hochschullehrer gegenüber dem Vorjahr leicht verbessert. 2017 waren es 66 Studierende, 2010 allerdings 60. Das beste Betreuungsverhältnis hat wie in den Vorjahren Thüringen, wo ein Hochschullehrer 44 Studierende betreut. Es folgen Bremen und Mecklenburg-Vorpommern (jeweils 1 : 49). Bayern liegt mit 64 Studierenden knapp unter dem Bundesdurchschnitt.

Die NRW-Landesregierung verwies bislang stets darauf, dass durch die Einbeziehung der Fern-Uni Hagen die Statistik verfälscht werde. Da dies keine Präsenz-Uni mit Veranstaltungen vor Ort ist, sei die Betreuungsrelation in NRW insgesamt besser als es die Zahlen darstellten. Dieses Argument weist der Deutsche Hochschulverband (DHV) allerdings zurück: „Auch ohne die Fern-Uni bleibt NRW klar Schlusslicht unter den Ländern“, betont DHV-Sprecher Matthias Jaroch.

GEW: Landesregierung hat Versprechen nicht gehalten

In einer aktuellen Stellungnahme räumt das NRW-Wissenschaftsministerium jetzt die Misere ein: „NRW schneidet bereits seit vielen Jahren bei der Berechnung der Betreuungsrelation im Bundesvergleich unterdurchschnittlich ab. Es ist das erklärte Ziel der Landesregierung, dies zu ändern.“ Schon in ihrem Koalitionsvertrag hatte sich die schwarz-gelben Landesregierung eine „bessere Betreuungsrelation“ vorgenommen.

Nach Ansicht der Bildungsgewerkschaft GEW hat das Land dieses Versprechen nicht gehalten. „NRW trägt nach wie vor die rote Laterne im Ländervergleich“, sagt Maike Finnern, GEW Landesvorsitzende. Die Studienplätze seien noch immer nicht ausfinanziert, „mit fatalen Konsequenzen für die Betreuungsrelation“. Eine dringend nötige Verbesserung der Beschäftigungsverhältnisse an den Hochschulen sowie mehr Stellen für Professoren und wissenschaftliches Personal sei nicht erkennbar, kritisiert Finnern.

Land: Förderung für Hochschulen wird erhöht

Die Hoffnungen der Universitäten richten sich nun auf den „Zukunftsvertrag Studium und Lehre stärken“, der Mitte 2019 zwischen Bund und Ländern verabredet wurde. Ab 2021 sollen rund vier Milliarden Euro zur Förderung von Studium und Lehre an die Hochschulen fließen. Bund und Länder teilen sich die Kosten.

Im Zuge dieser Regelung werde NRW ab dem kommenden Jahr die sogenannten „Qualitätsverbesserungsmittel“ für die Hochschulen um 51 Millionen auf dann 300 Millionen Euro pro Jahr erhöhen, teilt das Wissenschaftsministerium mit. „Damit können die Hochschulen langfristig planen und zusätzliches Lehrpersonal einstellen.“ Zudem könne die Zahl der befristeten Arbeitsverhältnisse gesenkt werden. „Dieses zusätzliche Geld soll maßgeblich dazu beitragen, das Betreuungsverhältnis von Lehrenden und Studierenden zu verbessern“, so das Ministerium.

Unis hoffen auf den „Zukunftsvertrag“

Die Unis begrüßen den Zukunftsvertrag, „die beschlossenen Investitionen gehen in die richtige Richtung“, sagt Lambert Koch. Die GEW pocht darauf, dass die Mittel zeitnah fließen. „Jetzt ist zu klären, wie die künftig dauerhaft zur Verfügung gestellten Finanzmittel genutzt werden, um verstetigte Arbeitsverträge und gute Arbeitsbedingungen für das Hochschulpersonal zu realisieren“, sagt Maike Finnern. Die GEW erwarte mit Blick auf den Lehrermangel insbesondere spürbare Verbesserungen für die Lehramtsstudiengänge.

Schuld an der schlechten Betreuungsquote haben nach Ansicht des LRK-Vorsitzenden Koch nicht einzelne Politiker oder Parteien. Bund und Länder hätten zu spät auf den Studentenanstieg reagiert, dadurch hätten sich „die Probleme über Jahre aufgetürmt“. NRW habe dennoch in der Vergangenheit viel für die Hochschulen geleistet. „Dass die Betreuungsquote hier schlechter ist als in anderen Ländern, hat nicht nur, aber auch mit der besonderen Beliebtheit unserer Universitäten zu tun“, glaubt Unirektor Koch.

>>>> Der Zukunftsvertrag

Am 6. Juni 2019 haben die Regierungschefs von Bund und Ländern den „Zukunftsvertrag Studium und Lehre stärken“ beschlossen. Er löst ab 2021 den befristeten „Hochschulpakt“ ab. „Der Vertrag stellt dauerhaft einen jährlichen Milliardenbetrag zusätzlich zur Grundfinanzierung der Hochschulen zur Verfügung“, teilt das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit. Das erlaube den Hochschulen, „mehr unbefristetes Personal in Studium und Lehre einzustellen“.

Empfänger der Bundesmittel sind die jeweiligen Länder. Sie geben die Mittel samt dem jeweiligen Eigenanteil an die Hochschulen „nach eigenem Ermessen“ weiter.

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