Bildung

“Privatschulboom“: Gewerkschaft warnt vor sozialer Spaltung

Privatschulen erhitzen seit Langem die Gemüter. Und: Es gibt immer mehr Schulen in privater Trägerschaft.

Privatschulen erhitzen seit Langem die Gemüter. Und: Es gibt immer mehr Schulen in privater Trägerschaft.

Foto: Nicolas Armer / dpa

Essen.  Immer mehr Schüler besuchen eine Privatschule. In NRW ist es fast jeder zwölfte. Die Gewerkschaft GEW spricht bereits von „sozialer Selektion“.

Sie sind angeblich teuer, elitär und nur für Gutbetuchte da: Privatschulen erhitzen seit Langem die Gemüter. Vor allem: Es gibt immer mehr Schulen in privater Trägerschaft – in Deutschland und in NRW. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) spricht längst von einem „Privatschulboom“ und fordert die Politik auf, der Entwicklung entgegenzuwirken. Das Argument der größten deutschen Bildungsgewerkschaft: Privatschulen verschärfen die ohnehin zunehmende soziale Spaltung im Land. Was ist dran an den Vorwürfen? Ein Überblick.

Wie sind die Fakten?

Die Zahl der Privatschüler in NRW hat in den vergangenen Jahren kontinuierlich zugenommen und sich teilweise stärker entwickelt als an den öffentlichen Schulen. Nach Angaben des GEW-Landesverbandes besucht mittlerweile fast jeder zwölfte Schüler eine Privatschule. Im Schuljahr 1990/1991 war es noch jeder Sechzehnte. Besonders hoch ist ihr Anteil mit 16,8 Prozent an Gymnasien. Auch die Zahl der Privatschulen nahm insgesamt zu. In den vergangenen 25 Jahren hat sich die Zahl der Schulen in privater Trägerschaft bundesweit von rund 3200 auf knapp 5850 nahezu verdoppelt. Der starke Anstieg geht allerdings fast vollständig auf die neuen Bundesländer zurück, wo es vor der Wende praktisch keine Privatschulen gab. In NRW gibt es derzeit etwa 540 Privatschulen, darunter 114 Gymnasien und 57 Waldorfschulen. Auffällig: Die Zahl privater Grundschulen an Rhein und Ruhr hat sich seit der Jahrtausendwende auf 65 mehr als verdreifacht.

Woran entzündet sich die Kritik?

Die Gewerkschaft GEW kritisiert Privatschulen nicht pauschal. Das jeweilige pädagogische Profil - etwa bei kirchlichen oder bei Waldorfschulen - könne durchaus ein nachvollziehbarer Entscheidungsgrund bei der Auswahl der Schule durch die Eltern sein, sagt Maike Finnern. Die GEW-Landesvorsitzende hält den Trend zu immer mehr Privatschulen aber vor allem bildungspolitisch für problematisch. „Die Existenz privater Schulen wirkt sozial selektiv“, so Finnern. Eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung aus dem Jahr 2018 gibt Finnern Recht. Von privaten Schulen angesprochen fühlten sich oft Eltern „aus gehobenen Milieus und der bürgerlichen Mitte“, weil sie für ihre Kinder auf Milieunähe, Abgrenzung und Statussicherung“ bedacht seien, heißt es dort. Die Studienautoren um den Essener Schulforscher Klaus Klemm sehen in Privatschulen allerdings auch eine „Bereicherung des Schulwesens“. Die GEW fürchtet wiederum mögliche kommunale Verdrängungseffekte. Gerade kleinere Kommunen könnten versucht sein, sich mit Hilfe von Privatschulen aus der Finanzierung öffentlicher Schulen zurückzuziehen.

Was kosten Privatschulen eigentlich?

Entgegen weit verbreiteter Meinung dürfen Privatschulen kein Schulgeld erheben. Das Grundgesetz schreibt vor, dass auch Privatschulen für alle Kinder allgemein zugänglich sind. Zur so genannten „Sonderung“ der Schüler nach den Besitz- oder Einkommensverhältnissen der Eltern darf es demnach nicht kommen. Dennoch kommt man nur selten kostenlos in den Genuss eines Privatschulbesuchs. Die Mitfinanzierung der Schule durch die Eltern werde an Privatschulen häufig über Fördervereinsbeiträge geregelt, erläutert GEW-Landesgeschäftsführer Michael Schulte. Je nach Schule fallen Beträge in Höhe mehrerer Hundert Euro pro Monat bis hin zu fünfstelligen Jahresbeiträgen an.

Wie privat sind Privatschulen wirklich?

Sie sind es nur bedingt. Privatschulen haben einen grundsätzlichen Anspruch auf Subventionierung durch den Steuerzahler, der von den Ländern erfüllt wird. Nach Angaben der GEW fließen rund 8,5 Prozent des gesamten NRW-Schuletats an die rund 540 Privatschulen im Land, jährlich rund 1,6 Milliarden Euro. Auch sind Privatschulen finanziell nicht per se auf Rosen gebettet. Beim vor zehn Jahren durch eine Elterninitiative gegründeten Privatgymnasium Dortmund konnte wenige Jahre nach dem Start das finanzielle Aus nur knapp abgewendet werden.

Wie reagiert die Schulministerin?

NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) sieht keinen Handlungsbedarf in Sachen Privatschulen. „Das Grundgesetz und die Landesverfassung garantieren die Privatschulfreiheit und gewähren das Recht zur Errichtung privater Schulen“, betonte Gebauer. „Eine gute und erfolgreiche Bildungsbiografie ist in Nordrhein-Westfalen an allen Schulformen möglich.“ Schulen in privater Trägerschaft ergänzten das öffentliche Schulwesen und böten Eltern bei der Suche nach der passenden Schule für ihr Kind weitere Auswahlmöglichkeiten, so die Ministerin.

Was sagt der Privatschulverband?

Knapp eine Million Schüler bundesweit lernen laut Verband Deutscher Privatschulverbände (VDP) inzwischen an einer Einrichtung in privater Trägerschaft. „Wir sehen ein kontinuierliches Wachstum und eine steigende Beliebtheit“, sagt VDP-Sprecherin Beate Bahr. Das Schulgeld werde gestaffelt nach Elterneinkommen erhoben. Die Schülerschaft sei heterogen. „Privatschüler sind keine selektive, elitäre Gruppe“, so Bahr. Privatschulen sollten nicht für soziale Spaltung verantwortlich gemacht werden. Tendenziell nutzten „Familien mit Bildungsinteresse“ das Angebot stärker. (mit dpa)

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