Extremismus

Türkische Nationalisten bedrohen Essener Uni-Professor

Burak Çopur, Politikwissenschaftler und Türkei-Experte.

Burak Çopur, Politikwissenschaftler und Türkei-Experte.

Foto: Olaf Ziegler / FUNKE Foto Services

Essen.  Kritiker des Erdogan-Regimes werden auch in Deutschland unter Druck gesetzt. Diese Erfahrung macht jetzt der Türkei-Experte Burak Copur.

Der Inhalt der Mail an die Leitung der Uni Duisburg-Essen ist im Wortlaut vergleichsweise moderat, endet aber mit einer glasklaren Forderung: „Deshalb bitten wir zu prüfen, ob er seinen Lehrauftrag fortsetzen darf“. Er, damit ist Prof. Burak Copur gemeint, renommierter Türkei-Experte und Wissenschaftler an der Uni, der am Institut für Turkistik lehrt und einmal mehr in den Fokus türkischer Nationalisten und Kemalisten geraten ist.

Copur bezeichnet es als „besorgniserregende Entwicklung für Forschung und Lehre, dass der lange Arm Erdogans jetzt schon bis in die Hörsäle reicht und das türkische Regime versucht, nun auch an Unis kritische Wissenschaftler zum Schweigen zu bringen“.

Druck auf Erdogan-Kritiker wächst

In den vergangenen Jahren hat der Druck auf Kritiker des Erdogan-Regimes deutlich zugenommen. Sowohl im türkischen Inland, wie auch im Ausland. Zuletzt machte der Fall des Deutsch-Kurden Ismet Kilic aus Duisburg Schlagzeilen, der auf Ersuchen der türkischen Strafverfolgungsbehörden in Slowenien festgehalten und erst nach 80-tägiger Haft wieder entlassen wurde.

Wer sich in Deutschland kritisch zu Erdogan und seiner AKP-Regierung äußert, aktuell etwa zum völkerrechtswidrigen türkischen Angriffskrieg gegen Nordsyrien, muss mit harschen Reaktionen aus deutsch-türkischen Kreisen rechnen.

Burak Copur kennt diese Anfeindungen zur Genüge. Bereits in den vergangenen Jahren wurde er immer wieder bedroht und beschimpft, weil er sich als Kritiker der türkischen Regierung einen Namen gemacht hatte. Für eine Zeitlang hatte er sich deswegen öffentlich nicht mehr zu Wort gemeldet. Jetzt wird er erneut mit einer Welle Beschimpfungen türkischer Wutbürger konfrontiert.

Anmerkungen zum Dersim-Massaker

Anlass: Er hatte zuvor auf seinem Facebook-Profil historische Einschätzungen zu einer Sendung des ARD-Magazins „Titel, Thesen, Temperamente“ veröffentlicht, die das Massaker der türkischen Armee an Angehörigen der alevitischen Minderheit in den Jahren 1937/38 zum Thema hatte. Ähnlich wie der Völkermord an den Armeniern in den Jahren 1915 und 1916 ist die Niederschlagung des sogenannten Dersim-Aufstands ein dunkles Kapitel in der Geschichte, das türkische Nationalisten und Kemalisten in den Mantel des Schweigens hüllen wollen.

Diesmal beschränkt sich die Hetze gegen ihn allerdings nicht auf die Sphären des Internet. Bei der Uni Duisburg-Essen sind Mails eingegangen, in denen die Uni-Leitung dazu aufgefordert wird, Copur den Lehrauftrag zu entziehen. Ihm fehle es an „wissenschaftlicher Distanz“, heißt es in einer der NRZ vorliegenden Mail. ihm wird zudem eine Nähe zur kurdischen Arbeiterpartei PKK vorgeworfen.

Neu sind solche Angriffe auf Wissenschaftler an der Uni Duisburg-Essen nicht. Bereits 2015 wurde die Leiterin des Turkistik-Instituts latent von türkischen Nationalisten bedroht, im Internet wurde Prof. Kader Konuk wüst von Menschen beschimpft, denen die Ausrichtung des Instituts nicht passte.

Universität stellt sich hinter ihren Professor

Die Universität stellt sich hinter ihren angegriffenen Professor. „Wir verurteilen jedweden Angriff auf die grundgesetzlich verbürgte Freiheit der Wissenschaft“, teilte die Pressestelle gestern auf Anfrage mit. „Dazu gehören auch Versuche, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich innerhalb der Grenzen unserer Verfassung bewegen, unter Druck zu setzen.“

Auch Burak Copur will nicht klein bei geben. „Wir leben in Deutschland in einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Ich wehre mich deswegen dagegen, dass Hetzer versuchen, Menschen mit einer kritischen Meinung mundtot zu machen.“ Es wäre fatal „für unsere Gesellschaft, wenn man sich nicht mehr akademisch mit Autoritarismus, Rechtsextremismus und menschenfeindlichen Ideologien, die es auch unter Migranten gibt, auseinandersetzen könnte“, so Copur weiter.

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