Nahverkehr

VRR kündigt Eurobahn: DB betreibt S1 und S4 vorerst weiter

Eigentlich hätte die Eurobahn ab Dezember 2019 mit ihren Zügen die S1 und der S4 betreiben sollen. Daraus wird nichts: Der VRR hat den Vertrag gekündigt.

Eigentlich hätte die Eurobahn ab Dezember 2019 mit ihren Zügen die S1 und der S4 betreiben sollen. Daraus wird nichts: Der VRR hat den Vertrag gekündigt.

Foto: Keolis / C. Köster

Essen.  Eigentlich sollte die Eurobahn ab Dezember die S1 und S4 betreiben. Der VRR hat jetzt jedoch den Vertrag vorzeitig gekündigt. Das hat Folgen.

Paukenschlag im Nahverkehr der Rhein-Ruhr-Region: Der Verkehrsverbund Rhein Ruhr (VRR) hat den Vertrag mit der Eurobahn-Keolis für den Betrieb der zentralen S-Bahn-Linie S1 und der Linie S4 überraschend aufgekündigt.

Wie unsere Redaktion aus VRR-Kreisen erfuhr, erfolgte der Schritt, weil die Deutschland-Tochter des französischen Staatskonzerns SNCF offenbar nur 30 Prozent der benötigten Zugführer bereitstellen konnte. Keolis sollte den Betrieb der zentralen Linie im größten deutschen Ballungsraum sowie die Linie S4 ab dem 15. Dezember übernehmen.

VRR sieht bei Eurobahn keine Garantie für reibungslosen S-Bahn-Betrieb

„Fehlende Triebfahrzeugführer sind in der Branche ein bekanntes Problem, das dringend über Ausbildungsprogramme behoben werden muss“, sagt VRR-Vorstandssprecher Ronald F. Lünser am Mittwoch. Man habe seit Anfang dieses Jahres mit Keolis/Eurobahn „regelmäßig den Stand der Dinge bei der Personalgewinnung abgefragt“, erklärte Lünser.

Dabei sei deutlich geworden, „dass Keolis keinen für den Fahrgast zuverlässigen Betrieb der beiden S-Bahn-Linien garantieren kann“, sagte Lünser. Es sei aus VRR-Sicht auch nicht zu erwarten, dass die laut VRR noch fehlenden 60 bis 80 Mitarbeiter bei Keolis in den kommenden drei Monaten noch rekrutiert und qualifiziert werden könnten.

Den Zuschlag zum Betrieb der Linien S1 und S4 hatte das Unternehmen Eurobahn/Keolis im Juli 2016 erhalten. Erst ein Jahr danach, am 29. Juni 2017, gab das Unternehmen bekannt, mit einer eigens erstellten Website die Suche nach Lokführern zu intensivieren.

Eurobahn/Keolis kritisiert: VRR verbreitet Fehlinformation

Bei Keolis hat die Kündigung des VRR-Vertrags zum Betrieb der S-Bahnlinien S1 und S4 am Mittwoch helle Aufregung ausgelöst. „Wir sind zutiefst schockiert. Damit haben wir nicht gerechnet“, sagte Keolis-Sprecherin Nicole Pizzuti. Verärgert sei man auch, weil man die Nachricht aus den Medien erfahren hätte: Gegen Mittag habe man über die Online-Ausgabe dieser Zeitung davon erfahren. „Die Pressemitteilung des VRR kam um 14.04 Uhr bei uns an. Erst knapp fünf Minuten später haben wir dann vom VRR deren Mitteilung erhalten“, sagt Pizzuti.

Noch am Montagmittag habe man beim VRR in Gelsenkirchen ein „Status-Meeting“ gehabt und dabei unter anderem den Stand beim Personal präsentiert. Die Behauptung, Keolis habe erst ein Drittel der Mitarbeiter für den Betrieb der neuen Linien zusammen „ist falsch“, kritisierte Pizzuti: „Wir haben deutlich mehr Personal schon eingestellt“. Insgesamt seien für das S-Bahnnetz Rhein-Ruhr bei Keolis 121 Triebfahrzeugführer vorgesehen und etwa 140 Mitarbeiter als Kundenbetreuer, erklärte Pizzuti.

Deutsche Bahn sieht VRR-Entscheidung als „große Herausforderung“

Zum weiteren Vorgehen wollte man bei Keolis am Mittwoch keine Aussagen machen, sagte Pizzuti. Sie kündigte für Ende der Woche eine Pressekonferenz an. Informationen, bei Keolis habe man geplant, zur Übernahme des S-Bahn-Betriebs Mitte Dezember vorerst ersatzweise Busse einzusetzen, mochte Pizzuti am Mittwoch nicht näher kommentieren.

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Bei der DB Regio NRW zeigte man sich am Mittwoch überrascht von der Entwicklung um die beiden S-Bahnlinien S1 und S4. Die Entscheidung des VRR stelle die Deutsche Bahn „vor eine große Herausforderung“, sagte ein Sprecher auf Nachfrage: „So waren insbesondere freiwerdende Lokführer bereits für andere Einsatzbereiche verplant“. Die Deutsche Bahn werde nun „alles daransetzen, die für den Weiterbetrieb erforderlichen Personale zu mobilisieren und alle Kräfte zu bündeln“, gab das Unternehmen bekannt.

VRR will S-Bahnlinien erneut europaweit ausschreiben

Der VRR kündigte unterdessen an, dass die beiden S-Bahn-Linien „parallel zur Notvergabe im Rahmen eines europaweiten wettbewerblichen Vergabeverfahrens neu ausgeschrieben werden“ sollen. Auch dafür habe der VRR einen Beschluss und Auftrag aus dem zuständigen politischen Vergabegremium bekommen, sagte Vorstandssprecher Lünser: „Sämtliche Beschlüsse und Maßnahmen sind mit dem am Verfahren beteiligten Zweckverband Nahverkehr Westfalen-Lippe (NWL) abgestimmt.“

Das Unternehmen Eurobahn/Keolis betreibt in NRW aktuell 16 Regionalzug-Linien und hat etwa 880 Mitarbeiter, davon 670 im Fahrpersonal. Die europaweite Ausschreibung für die knapp fünf Millionen Zugkilometer der S-Bahn-Linien S1 und S4 hatte Keolis vor drei Jahren gewonnen. 2017 berichtete das Unternehmen, damit werde das Leistungsvolumen in einem Zeitraum von nur knapp über zwei Jahren verdoppelt.

Pro Bahn-Sprecher: „Der VRR geht ein hohes Risiko ein“

Fachleute halten die jetzige Kündigung für einen bundesweit einmaligen Vorgang. „Hut ab, der VRR geht ein hohes Risiko ein“, sagt Lothar Ebbers, Sprecher der Verbandes Pro Bahn in NRW. Dass der VRR die „Notbremse“ ziehe, sei für Fahrgäste und für das System Schienen-Nahverkehr „richtig und gut“, meint Ebbers: „Juristisch aber ist das noch nicht bestelltes Terrain“.

„Wir gehen fest davon aus, dass die Kündigung des Vertrages mit Keolis/Eurobahn einen längeren Rechtsstreit mit sich bringen wird“, glaubt Ebbers. Wer am Ende Recht bekommen wird, sei derzeit nicht absehbar, weil es bundesweit noch keinen vergleichbaren Streitfall gebe. Rechtlich sicherer wäre es laut Ebbers gewesen, wenn man den Betriebsübergang der beiden S-Bahnlinien S1 und S4 Mitte Dezember abgewartet hätte: Hätten sich die Personalprobleme dann bestätigt und den S-Bahn-Betrieb erheblich gestört, „wäre eine Vertragskündigung nach ein paar Tagen rechtlich wohl einfacher gewesen“, glaubt der Verkehrsexperte. „Das aber ist keine Option mit Blick auf die Bahn-Kunden“, sagt Ebbers.

Auch preislich wird die Notvergabe an die Deutsche Bahn den VRR teurer kommen, sagt Ebbers. Positiv aber sei, dass die DB für den Notbetrieb kein Fahrpersonal neu schulen muss: „Es werden ja auch nach dem 15. Dezember die gleichen S-Bahnen vom Typ ET422 auf den Linien im Einsatz sein, die dort schon jetzt fahren“. Für die Wartung der Züge ist weiterhin die DB verantwortlich. Keolis hatte den Zuschlag nur für den Betrieb der Linien.

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