Interview

Warum uns Fleischverzicht schwer fällt und was daraus folgt

Rund eine Million Gänse werden jährlich in Deutschland gezüchtet und geschlachtet. Gerade an Festtagen gehört der Gänsebraten für viele Familien dazu.

Rund eine Million Gänse werden jährlich in Deutschland gezüchtet und geschlachtet. Gerade an Festtagen gehört der Gänsebraten für viele Familien dazu.

Foto: dpa

Witten/Herdecke.   Die einen verhätschelt der Mensch, die anderen schlachtet er: Das Verhältnis zum Tier beschreibt der Ethiker Jan Ehlers als schizophren.

Knapp 60 Kilogramm Fleisch verzehrt jeder Deutsche pro Jahr. Besonders an den zurückliegenden Feiertagen gehört in vielen Familien ein Festtagsbraten auf den Tisch. Ganz oben auf der Speisekarte stand auch in diesem Jahr: der Gänsebraten. Rund eine Million Gänse werden jährlich in Deutschland gezüchtet und geschlachtet. Für Prof. Jan Ehlers, Tiermediziner und Professor für Didaktik im Gesundheitswesen an der Uni Witten/Herdecke, sind solche Zahlen ein Graus. Warum er unser Verhältnis zum Tier schizophren findet, erklärt Ehlers im Gespräch mit Christopher Onkelbach.

Herr Professor Ehlers, haben Sie etwas gegen einen guten Festtagsbraten?

Ehlers: Nein, gar nicht. Man muss das nicht so militant sehen. Wer nicht darauf verzichten will, soll seine Gans essen. Aber man kann zeigen, dass es Alternativen gibt mit ähnlich guten Geschmackserlebnissen, ohne dass ein Tier dafür sterben muss.

Essen Sie noch Fleisch?

Ich lebe seit etwa acht Jahren vegan und vermisse heute Fleisch nicht mehr. Ich habe mir vorher lange versucht einzureden, dass ich das Recht dazu habe, Tiere zu töten für mein Essen. Doch irgendwann hatte ich dafür keine überzeugenden Argumente mehr. Denn es gibt kein gutes Argument für den Fleischkonsum – außer der Gewohnheit.

Ein großer Fleischproduzent in NRW schlachtet 30.000 Schweine – pro Tag. Nehmen wir durch die industrielle Produktion Nutztiere noch als Lebewesen wahr?

Nein, schon lange nicht mehr. Es ist paradox: Auf der einen Seite verhätscheln und vermenschlichen wir Tiere ganz extrem. Komm zu Mami, komm zu Papi, sagen wir zu Hund oder Katze. Unsere Haustiere betrachten wir als Familienmitglieder. Zugleich wollen wir aber nicht sehen, wie im Schlachthof täglich Tausende Tiere am Fließband getötet werden. Wir haben es geschafft, das moralisch sauber zu trennen. Wenn aber eine junge Giraffe im Zoo an Löwen verfüttert wird, ist die Empörung riesig. Wir haben völlig das Maß verloren.

Wir genießen unser Schnitzel, wollen aber nicht wissen, wie es auf den Teller kommt?

Ja, wir haben uns daran gewöhnt. Das Tier hinter dem Produkt ist nicht mehr sichtbar. Trotzdem finden wir es eklig, wenn in anderen Kulturen Hunde, Pferde oder Katzen gegessen werden. Unser Verhältnis zum Tier ist schizophren.

Wieso ist es so schwer, auf Fleisch zu verzichten?

Es gehört zu unserer Kultur und wir sind daran gewöhnt. Dabei blenden wir die negative Seite aus, etwa, dass Schweine zuweilen noch lebend in die Brühbecken getaucht werden. Zudem haben wir für spezielle Erzeugnisse hochgezüchtete Tiere. Zum Beispiel Milchkuhrassen, da können wir mit den Bullen nichts anfangen. Bei Fleischrassen ist es umgekehrt. Und man darf Ferkel weiterhin ohne Betäubung kastrieren. Millionen männliche Küken werden geschreddert, weil wir sie nicht verwerten können. Das ist eine perverse Hochleistungswirtschaft. Auf den Verpackungen sehen wir aber immer nur glückliche Kühe auf grünen Wiesen. Wir machen uns etwas vor und sind froh darüber, angelogen zu werden.

Welche Folgen hat der wachsende Fleischkonsum?

Viele. Das Grundwasser wird durch Dünger und Gülle belastet. Die Fleischproduktion erfordert einen hohen Flächen- und Wasserverbrauch. Regenwälder werden gerodet, riesige Monokulturen für Kraftfutter sowie der Einsatz von Pestiziden befördern das Artensterben. Durch die Tiermast entstehen Unmengen von Treibhausgasen. Und der Antibiotikaeinsatz in der Fleischproduktion führt zur Bildung von multiresistenten Keimen, die auch für Menschen gefährlich sind. Zudem wird Getreide an Tiere verfüttert, statt es Menschen zu geben, die Hunger leiden.

Welche Gegenbewegungen sehen Sie?

Die Zahl der Menschen, die sich vegetarisch ernähren, wächst zwar. Aber noch immer ernähren sich nur 2,5 Prozent der Männer und sechs Prozent der Frauen in Deutschland fleischlos. In wohlhabenden Ländern wie Deutschland sinkt zwar langsam der Fleischkonsum und vegane Ernährung liegt im Trend. Aber weltweit essen immer mehr Menschen Fleisch. Denn je besser es einem Land geht, desto stärker wächst der Fleischkonsum, wie etwa in China.

Ist vegane Ernährung nicht nur ein kurzfristiger Modetrend?

Ich setze darauf, dass Veganismus nicht nur eine kurzlebige Erscheinung ist. Immer mehr Menschen erkennen, welche Auswirkungen ihr Handeln für sie und die Umwelt hat. Sie wollen sich ohne Produkte ernähren, die von einem Lebewesen stammen. Aber jeder muss das für sich selbst entscheiden. Ich wünsche mir nur, dass die Menschen offener sind für Alternativen. Das muss nicht mit Einschränkungen oder Anstrengung verbunden sein. Es gibt gute Kochbücher zum Thema: Vegan kochen für Faule.

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