Straßenverkehr

NRW-Polizei warnt: Viele Laster haben Mängel

Ein schwerer Unfall von vielen: Im Sommer fuhr ein Laster auf ein Stauende auf der A 42 bei Duisburg-Baerl auf. Der Fahrer wurde lebensgefährlich verletzt.

Foto: Stephan Eickershoff

Ein schwerer Unfall von vielen: Im Sommer fuhr ein Laster auf ein Stauende auf der A 42 bei Duisburg-Baerl auf. Der Fahrer wurde lebensgefährlich verletzt. Foto: Stephan Eickershoff

An Rhein und Ruhr.   An jedem sechsten tödlichen Unfall in NRW war ein Lkw beteiligt. Kontrolleure fehlen – eine qualifizierte Überprüfung dauert bis zu zwei Stunden.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) drängt auf mehr Personal und modernes technisches Gerät für Lkw-Kontrollen in Nordrhein-Westfalen. „Wir müssen einen echten Kontrolldruck spürbar machen“, forderte Landeschef Adi Plickert gestern auf einem Expertenforum in Düsseldorf. Im Jahr 2016 waren Lkw-Fahrer für jeden sechsten tödlichen Unfall in NRW verantwortlich. Anders ausgedrückt: 67 Menschen kamen ums Leben, weil sich Lasterfahrer nicht an Regeln hielten.

Die Zahlen für 2017 dürften kaum besser ausfallen. Gerade in den vergangenen Wochen gab es wieder mehrere tödliche Unfälle mit Lastwagen – beispielsweise im Rhein-Erft-Kreis, in Soest oder vor einigen Wochen in Krefeld.

50 bis 90% mit Mängeln.

Bei Schwerlastkontrollen hat die Polizei alle Hände voll zu tun. Zwischen 50 und 90% der angehaltenen Laster weisen Mängel auf. Ganz oben auf der Liste: abgefahrene Reifen, marode Bremsen und schlecht gesicherte Ladung. Zudem gibt es extrem häufig Verstöße bei Lenk- und Ruhezeiten – mitunter saßen Fahrer 25 Stunden und mehr am Steuer.

Das Problem: Eine Rund-um-Kontrolle dauert bis zu zwei Stunden – und die dafür nötigen Spezialisten sind bei der Polizei rar, während der Lkw-Verkehr immer weiter zunimmt. NRW-weit wird ihre Zahl auf wenige Dutzend geschätzt, ein Beamter sprach gestern von 30 bis 50. Beim Polizeipräsidium Köln etwa kümmert sich eine 15-köpfige Schwerlastgruppe um die Kontrollen, während auf den 850 Kilometer Autobahnen im Zuständigkeitsbezirk werktags rund 550 000 Lkw unterwegs sind. „Wir könnten das Zehnfache des Personals gebrauchen“, sagte Thomas Bölke von der Schwerlastgruppe am Rande des Forums.

Abseits der Autobahnen

Im Innenministerium ist das Problem erkannt. Laut Rüdiger Wollgramm, Referatsleiter Verkehr, forciert man bei Polizei bereits die Fortbildung weiterer Spezialisten für den Schwerlastverkehr. Zudem erprobe man aktuell hochmoderne Auslesegeräte für digitale Fahrtenschreiber, die Kontrollen beschleunigen sollen. Künftig soll zudem wieder verstärkt auch der Güterlastverkehr abseits der Autobahnen durch die Polizei kontrolliert werden. Bisher waren die Kompetenzen für Schwerlastkontrollen fast ausschließlich bei Behörden mit Autobahnpolizei konzentriert.

Sie hat bestimmt meine Frau geschickt“ – mit diesem unschuldigen Satz

hat ein Lkw-Fahrer Thomas Bölke und seine Kollegen von der Polizei in Köln begrüßt. Gut möglich, dass die Gattin ihren Gemahl bereits vermisst hat, zumindest hatte sie ihn länger nicht gesehen. Wie sich bei der anschließenden Kontrolle herausstellte, saß der Mann bereits 27 Stunden hinterm Steuer, wie Bölke gestern am Rande des GdP-Verkehrsforums in Düsseldorf berichtete. Kein Einzelfall: Schwerlast-Experte Bölke konnte ebenso von einem mazedonischen Busfahrer erzählen, der verbotenerweise 34 Stunden im Bus zugebracht hatte – wenngleich der Mann nicht fortwährend gefahren war.

Einen „mörderischen Konkurrenzdruck“ im Transportgewerbe beklagt GdP-Landeschef Adi Plickert. Für ihn ist klar: Die Sanktionen müssen geändert werden – und zwar so, dass die Speditionen diese spüren: „Die Fahrer sind meist nur das schwächste Glied in der Kette.“ Zugleich, so der Gewerkschafter, müssen mehr Kontrollen her. „Bei allem Respekt für die engagierte Arbeit aller Beteiligten: Am Ende haben wir es doch eher mit Stichproben als mit Kontrolldruck zu tun“, meinte Plickert.

Lernen vom Nachbarland Belgien

Praktiker Bölke von der Kölner Polizei beklagte den veralteten Bußgeld-Katalog. Dieser ende bei 30% Überladung, mache darüber keinen Unterschied mehr. „Meine Kollegen und ich haben es bei Kontrollen immer wieder mit Fahrzeugen zu tun, die sind 50, 80 oder gar 130% überladen.“ 465 Euro Bußgeld sind da das höchste der Gefühle – jedenfalls hierzulande.

Möglicherweise hilft ein Blick zu den Nachbarn in Belgien. Klaus Willems, der als Sachverständiger Behörden und Firmen berät, berichtete von Bußgeldern in Höhe von 50 000 oder 75 000 Euro, die dort gegen Speditionen verhängt werden, die hartnäckig Leben und Gesundheit anderer Verkehrsteilnehmer gefährden.

Marcus Hover errmunterte Polizei, aber auch das Bundesamt für Güterverkehr (BAG) ausdrücklich zu mehr Kontrollen: „Anarchie auf unseren Straßen darf nicht sein.“ Mit den Kontrollen gelte es, „die schwarzen Schafe“ herauszufiltern. Hover ist stellvertretender Geschäftsführer des Verbandes Verkehrswirtschaft und Logistik (2200 Mitglieder in NRW). Er wollte ausdrücklich nicht „als Lobbyist für die dunkle Seite der Macht“ gelten: „Ich spreche für die Firmen, die es richtig machen wollen.“

Den enormen Druck im Gewerbe wollte Hover nicht in Abrede stellen. Gegen 1,42 Euro Mindestlohn in Bulgarien ist schwer anzufahren (Deutschland: 8,84 Euro): „Wir verlieren immer mehr Marktanteile“, so der Verbandsvertreter. Auf hiesigen Straßen hätten mittlerweile 40% der Lkw ein ausländisches Kennzeichen.

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