Erderwärmung

Online-Surfen als Klimakiller? So schädlich ist das Internet

80 Prozent des weltweiten Datenverkehrs entfallen auf die Übertragung von Videos.

80 Prozent des weltweiten Datenverkehrs entfallen auf die Übertragung von Videos.

Foto: Igor Korchak / iStock

Berlin.  Der Anteil des Internets an den umweltschädlichen Emissionen wächst stetig. Womit man Internet besonders viel Schaden anrichten kann.

Sieben Minuten im Internet, davon die Hälfte auf Youtube? Macht 0,244 Kilowattstunden verbrauchter Strom. Umgerechnet in Treibhausgasemissionen entspricht das etwa dem CO2-Ausstoß, der bei einem halben Kilometer Autofahrt anfällt – oder dem von 15 aufgeladenen Smartphones. Drei Minuten online, davon 70 Prozent auf der Videoplattform? Wären immerhin noch zehn Smartphones.

Die Rechenbeispiele dafür, was das eigene Surfverhalten für das Klima bedeutet, liefert Carbonalyser, ein Zusatzprogramm für einen Internetbrowser, den der französische Thinktank „The Shift Project“ entwickelt hat. Das Ziel: Bewusstsein schaffen.

Klimawandel: Der Anteil des Internets an den globalen Emissionen wächst

Denn während bei Flugreisen und Kleidung vielen Verbrauchern die schlechte Klimabilanz bekannt ist, ist der Beitrag der weltweiten Online-Services zum Ausstoß von Treibhausgasen nur selten Thema.

Dabei wächst der Anteil, den das Internet an globalen Emissionen hat, beständig. Die Serverzentren, die viele Online-Services möglich machen, brauchen Strom, müssen aufwendig gekühlt werden. Digitale Technologien insgesamt, rechnete The Shift Project vor, machen bereits jetzt vier Prozent des weltweiten Ausstoßes an Treibhausgasen aus.

Damit liege der Bereich zwar hinter Industrie und Landwirtschaft, verbrauche aber immerhin mehr CO2-Budget als der zivile Luftverkehr, so der Bericht. Die Tendenz ist steigend.

Diese Dinge kann jeder fürs Klima tun
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Videostreams sind das größte Problem

Für den allergrößten Teil des Stromverbrauchs und damit der Emissionen sind dabei Videostreams verantwortlich, für die große Mengen an Daten übertragen werden müssen: 80 Prozent des weltweiten Datenverkehrs entfallen laut dem Report mittlerweile auf die Übertragung von Videos, vor allem bei Diensten wie Netflix und Amazon Prime, Youtube und Pornografieseiten.

Der deutsche Stromkonzern Eon schätzt, dass global schon jetzt 200 Milliarden Kilowattstunden Strom im Jahr für Streams anfallen. Der kommt nur selten aus erneuerbaren Quellen: Die zunehmende Umstellung auf Cloud-Angebote, warnt Greenpeace, könnte die Nachfrage nach Kohle und anderen fossilen Energieträgern deutlich erhöhen.

Amazon will bis 2030 vollständig auf erneuerbare Energien setzen

Und das trotz wachsender Energieeffizienz und Versprechen von Internet­giganten wie Amazon, bis 2030 vollständig auf erneuerbare Energien zu setzen.

Die Digitalisierung sei eine „Herausforderung“ für die Klimapolitik, sagt deshalb Margrethe Vestager, Vizepräsidentin der EU-Kommission. Mit dem Green Deal, den die Kommission im Dezember beschlossen hat, müssten Technologien entwickelt werden, um den Energieverbrauch zu minimieren und die Energie­effizienz zu verbessern.

Die Regierung arbeitet an einer „umweltpolitischen Digitalagenda“

Gleichzeitig betonte Vestager das Potenzial für Klimaschutz, das viele internetbasierte Anwendungen bieten: Ohne digitale Lösungen „werden wir den Kampf gegen den Klimawandel nicht gewinnen“, so die Dänin.

Auch in der deutschen Politik ist die Frage nach dem CO2-Fußabdruck des Internets inzwischen angekommen. Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) hatte im Sommer Eckpunkte vorgestellt für eine „umweltpolitische Digitalagenda“.

Die Grünen fordern eine Green-IT-Strategie

Die konkrete Ausgestaltung lässt allerdings auf sich warten. Jetzt machen die Grünen Druck und fordern Bewegung von der Koalition. Im ersten Halbjahr 2020 müsse die Bundesregierung eine Green-IT-Strategie vorlegen, hieß es in einem Antrag der Partei aus dem Dezember.

Außerdem müssten die diversen Umsetzungsstrategien der Regierung – für Digitalisierung allgemein, für künstliche Intelligenz – mit Blick auf Klimaschutz und Nachhaltigkeit überarbeitet und um feste Ziele für weniger Stromverbrauch ergänzt werden.

Auch die Linke will erneuerbare Energien stärker fördern

Rechenzentren, die in Deutschland neu entstehen, sollen nach dem Vorschlag der Grünen verpflichtet werden, die Abwärme der Computer zu nutzen. Bislang wird diese häufig ungenutzt in die Umwelt abgeleitet.

Auch die Linke sieht politischen Handlungsbedarf: Im Vordergrund stehen müsse dabei der schnellere Umstieg auf erneuerbare Energien, sagte Anke Domscheit-Berg, netzpolitische Sprecherin der Fraktion, unserer Redaktion. „Denn wenn Streaming-Anbieter ihre Server mit Ökostrom betreiben, sinkt auch ihr CO2-Ausstoß.“

Wissen die Verbraucher um ihren Stromverbrauch?

Zudem müsse die Energieeffizienz verbessert werden. „Hier sind vor allem die Hersteller selbst gefragt, aber auch eine staatliche Förderung von Innovationen zur Energieeffizienz ist notwendig“, so Domscheit-Berg.

Und schließlich will die Linke über Aufklärung auch auf Verbraucherseite ansetzen. Viele Nutzer unterschätzten den Stromverbrauch, sagte Domscheit-Berg, „und würden bei mehr Informationen vielleicht zu einem energie­effizienteren Streamingdienst wechseln.“

Auch The Shift Project betont, dass neben politischen Maßnahmen Nutzer dazu beitragen können, Emissionen durch Streams zu verringern: Indem sie nicht jedes Video in der allerhöchsten Auflösung anschauen, zum Beispiel, oder „selektiver“ sind in ihrem Konsum – Netflix also auch einfach mal auslassen.

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