Forschung

Europäische Corona-App soll Ende der Osterferien kommen

Heinsberg Protokoll will den Corona-Ausbruch rekonstruieren

Wie wurde Heinsberg zum deutschen Hotspot des Coronavirus? Virologe Hendrik Streeck und Hygiene-Expertin Ricarda Schmithausen führen eine Studie durch. Ihre Ergebnisse teilen sie live als #heinsbergprotokoll.

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Berlin.  Europäische Forscher haben eine Plattform entwickelt, um Handys zur Seuchenbekämpfung zu nutzen – und ohne die Privatsphäre zu opfern.

Die in Europa entwickelte Smartphone-Technologie zur Eindämmung der Covid-19-Epidemie steht voraussichtlich bald nach Ostern als konkrete Corona-Warn-App zur Verfügung. Das kündigte Chris Boos, einer der führenden Forscher des Projektes PEPP-PT in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur an. „Ich gehe davon aus, dass wir zwischen 15. und 19. April die erste App tatsächlich live haben“, sagte der IT-Unternehmer, der im Digitalrat der Bundesregierung sitzt.

Zusammen mit 130 Wissenschaftlern aus acht Staaten (Deutschland, Österreich, Schweiz, Frankreich, Belgien, Spanien, Italien, Dänemark) hatte der Mann aus Berlin in den vergangenen Wochen zunächst eine Rahmentechnologie entwickelt. Soldaten der Bundeswehr testeten das Konzept.

Die App soll Menschen rasch und anonym informieren, wenn sie Kontakt zu anderen hatten, die positiv auf das Coronavirus getestet wurden. Bisher läuft die Information über die Gesundheitsämter. Diese bemühen sich, aufwendig alle Kontaktpersonen zu erreichen, an die sich der Infizierte erinnert.

Leichter ginge das digital: eben mit einer App für das Smartphone. Sie ist der letzte Schrei im Kampf gegen Sars-CoV-2. Bringt uns eine Corona-App die Freiheit zurück? Das ist die Hoffnung von Boos. „Wir möchten gern wieder nach draußen“, sagte er unserer Redaktion.

Das sind die drei Ziele der Corona-Tracking-App

Boos betonte, bislang gebe es noch keine fertige Tracking-App, sondern ein offenes technisches Konzept, das drei Ziele verfolge. Zum einen müsse das System eine saubere Messung ermöglichen. „Wir wollen nicht Äpfel mit Birnen vergleichen.“

Das zweite Ziel sei die Sicherung der Privatsphäre. „Wir verwenden keinerlei Ortungsdaten und auch keine Daten, die einen Menschen identifizieren können.“ Dabei setze man auf eine komplette Anonymisierung und reine Freiwilligkeit.

Der dritte Punkt sei die Interoperabilität zwischen den Ländern. „Wir haben dann eine Art Roaming, damit man auch wieder wirklich die Grenzen öffnen kann und trotzdem informiert Infektionsketten nachverfolgen kann.“

RKI hat bereits andere Corona-App veröffentlicht

Wer die Anwendung nun konkret in die App-Stores bringe, sei eine politische Entscheidung, betonte Boos. Er persönlich sehe das Robert Koch-Institut (RKI) als „natürliche Quelle für eine App in Deutschland“. Das RKI hatte bereits am Dienstag eine erste Corona-App veröffentlicht, mit der Bürger Gesundheitsdaten aus Fitnesstrackern und Smartwatches spenden können, mit denen Wissenschaftler Rückschlüsse auf die Verbreitung des Virus ziehen wollen. Das RKI sei auch bei dem PEPP-PT-Projekt von Anfang mit dabei gewesen. So funktioniert die Datenspende-App des RKI.

Als Betatester für die PEPP-PT-Plattform habe man aber auch der Start-up-Community Zugriff gewährt, sagte Boos. „Wir wissen von vielen, die schon an Apps bauen, auch für unterschiedliche Länder.“

Das kann die Coronavirus-App des Robert Koch-Instituts
Das kann die Coronavirus-App des Robert Koch-Instituts

Die Idee, Infizierte per Handy zu orten, zu tracken, ist nicht neu und wurde in Südkorea oder Singapur millionenfach erprobt. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) wollte denn auch bei einer Epidemie von nationaler Tragweite in Deutschland Funkzellendaten für Ortungsdienste nutzen. Er wurde gestoppt und stellte seine Initiative zurück. Eines hat er indes erreicht: in der Gesellschaft eine Diskussion angestoßen und die Leute von PEPP-PT in ihren Plänen bestärkt.

Neue App soll anonymisierte Daten erfassen und freiwillig sein

Einen Lebensretter wollen alle, ein potenzielles Überwachungstool die wenigsten. Als Kanzlerin Angela Merkel in der vergangenen Woche eine Videorunde mit den Ministerpräsidenten eröffnete, kannte sie schon die Lösung – eine App, die so freiwillig wie massentauglich ist und den Schutz der Privatsphäre bewahrt: Keine Ortsdaten, keine identifizierenden Merkmale. Es ist eine datensparsame, epidemiologisch vorzugswürdige und politisch koschere Alternative zu Spahns erstem Vorschlag.

Es gibt ein Risiko, sich bei fremden Menschen im Supermarkt, in der Apotheke oder in der Bahn anzustecken; und sei es binnen weniger Minuten. Smartphones können helfen, solche Kontakte zurückzuverfolgen. Der Ausgangspunkt sind anonymisierte Daten, die Smartphones mit Bluetooth-Sensorik erfassen und untereinander austauschen. Sie bemerken, ob sich andere Telefone über mehrere Minuten in der direkten Umgebung befinden.

Mit dem Wissen ist es möglich, andere zu warnen, wenn sie Kontakt zu Personen hatten, bei denen später das Virus nachgewiesen wird. Im Idealfall wird man es mit der „Einladung“ verbinden, sich testen zu lassen und in Quarantäne zu gehen. Der springende Punkt: Alles ist freiwillig. Niemand wird gezwungen, sich die App herunterzuladen. Und jeder hätte die Daten (wen er getroffen hat) zunächst nur auf seinem Handy und könnte sie im Fall einer Infektion teilen.

Technologie nicht geeignet, um Fallzahlen zu senken

Boos versichert, das System sei mit dem Datenschutzgesetz vereinbar. Die Apps selbst können in jedem Land anders entwickelt und angeboten werden. In Deutschland arbeiten Unternehmen wie Vodafone und wissenschaftliche Institutionen wie das Robert-Koch-Institut und das Heinrich-Hertz-Institut daran. Letzteres hat es mithilfe der Bundeswehr bereits in Berlin getestet, wie Institutsleiter Professor Thomas Wiegand erläuterte.

Etwa 50 Soldaten hatten in einer Feldstudie die Kontaktsituationen simuliert. Jetzt, wo sie kalibriert ist, dürfte die Technologie auch umgehend installiert werden. Die Apps können darauf aufbauen, dem Vernehmen nach frühestens in der zweiten Aprilwoche.

Ausgangsbeschränkungen gelten mindestens bis 19. April
Ausgangsbeschränkungen gelten mindestens bis 19. April

Man könnte dann innerhalb Europas reisen – und trotzdem wären die Infektionsketten verfolgbar. Und zwar „sehr schnell“, wie der Schweizer Professor Marcel Salathé, ein Experte in der digitalen Epidemiologie, betonte. Die Leute von PEPP-PT sagen, das Virus sei schnell und kenne keine Grenzen. „Um es unter Kontrolle zu bringen, muss man auf die gleiche Art agieren, schnell und in internationaler Kooperation.“

Man dürfe freilich nicht glauben, dass die Technologie geeignet sei, aktuell die Fallzahlen zu senken, erläuterte Salathé. Das Ziel sei ihr möglichst breiter Einsatz, wenn das normale Leben wieder in Gang komme und neue Infektionsketten drohten.

Kanzleramt hält den Ansatz für „sehr vielversprechend“

Die Voraussetzung ist, dass möglichst viele Menschen mitmachen. Man schätzt, dass fast 70 Prozent der Deutschen ein Smartphone haben, der Rest hat entweder nur ein Handy oder gar kein Mobiltelefon. Das trifft zum Beispiel auf kleine Kinder und vor allem auf viele ältere Leute zu. Ideal wäre es, wenn mehr als 60 Prozent der Bevölkerung eine PEPP-PT-App installieren würden.

Spahn ließ erklären, die Nachverfolgung von Kontaktpersonen von Corona-Infizierten sei „digital einfacher als wenn jemand im Gesundheitsamt anfängt zu telefonieren“. Es passt zu seinem politischen Timing, dass er vergangenen Woche einen Gesetzentwurf durch das Kabinett brachte, der elektronische Rezepte und Patientenakten ermöglichen soll. Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) hält den Ansatz der Wissenschaftler für „sehr vielversprechend“.

Vom Datenschutzbeauftragten Ulrich Kelber gibt es grünes Licht für eine freiwillige Lösung. Viele Politiker sind überzeugt, dass die Bürger mitmachen werden. In der digitalen Gemeinde lösten die Meldungen Begeisterung aus. Achim Berg, Präsident vom Branchenverband Bitkom, versprach, „ich werde diese App sofort installieren“.

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