Obdachlosen-Projekt

Projekt „Bier für Alkoholiker“ aus Amsterdam könnte zum Vorbild im Revier werden

Obdachlose im Revier könnten bald in Putzkolonnen ihre Umgebung sauber halten. (Archivbild)

Obdachlose im Revier könnten bald in Putzkolonnen ihre Umgebung sauber halten. (Archivbild)

Foto: Knut Vahlensieck / WAZ Fotopool

Amsterdam.   Die Stadt Essen denkt darüber nach, Obdachlose für Aufräum-Arbeiten mit Bier zu bezahlen. Das Modell „Bier für Alkoholiker“ stammt aus Amsterdam. Dort säubert eine Putzkolonne aus 20 Obdachlosen einen Park und erhält dafür Tabak, Bier, ein warmes Mittagessen und Geld. Teilnehmer Fred will so vom Alkohol loskommen.

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Fred beginnt seine Arbeit um neun Uhr morgens. Dann bekommt er einen gelben Plastiksack, eine orange-farbene Weste und zwei Bier in die Hand gedrückt. Bevor er mit seiner Arbeit beginnt, leert der Mann erst einmal die beiden Bierdosen. „Das brauch’ ich“, sagt er, „sonst kann ich nicht funktionieren.“

Nachdem der Trinker seinen Alkoholpegel aufgestockt hat, beginnt er zusammen mit 19 weiteren Obdachlosen, die an der Flasche hängen, seinen Job. Die Amsterdamer Putzkolonne der Alkoholiker säubert den Oosterpark in Amsterdam – jenen Park, in dem sie früher tagsüber nur rumhingen, sich betranken und regelmäßig Passanten belästigten. Jetzt machen sie den Park sauber. Und nicht nur den, sondern auch die Gehsteige im Amsterdamer Stadtteil „Oost“, einem der vielen Problemviertel der niederländischen Hauptstadt.

Bier, Mittagessen, Tabak und Geld als Lohn

Als Gegenleistung für das Säubern des Parks und der Gehsteige erhalten Fred und seine 19 weiteren Alkoholkumpel folgenden Lohn: Zwei Bier zum Frühstück. Zwei Bier zum warmen Mittagessen. Ein Bier nach Feierabend, zehn Euro Bargeld und für die Raucher unter den Alkoholikern gibt es noch ein Päckchen Tabak zum Selbstdrehen der Zigaretten.

„Früher habe ich drei Liter Genever am Tag getrunken, ohne umzufallen. Jetzt geht’s mir viel besser. Ich habe etwas zu tun, bekomme ein warmes Mittagessen und mein Bier. Den Genever lass’ ich jetzt stehen“, behauptet Fred, der sich nun zum Ziel gesetzt hat, ganz mit dem Trinken aufzuhören. „Dann kann ich wieder ein normales Leben führen“, hofft er.

Projekt könnte ausgeweitet werden

Das Projekt „Bier für Alkoholiker“ in Amsterdam, das zum Modell für Essen und andere Revierstädte werden könnte, gilt in den Niederlanden als Erfolg. Es soll sogar ausgeweitet werden. Zunächst in den Stadtteil Amsterdam-Nord, aber auch andere niederländische Städte haben bereits Interesse bekundet, um ähnliche Projekte zu starten. Denn früher haben die alkoholisierten Obdachlosen die Passanten im Oosterpark angepöbelt, und sie haben selbst zur Verschmutzung des Parks und des Stadtteils beigetragen, jetzt machen sie das Stadtviertel sauber. Sie haben einen geregelten Tagesablauf und bekommen dafür ihr Gratis-Bier.

„Normalerweise hatten diese Kerle schon vor dem Mittag so viel Alkohol getrunken, dass sie oft bewegungslos im Park herumlagen und nur noch lallen konnten“, sagt Gerrie Holterman, Projektkoordinatorin der „Stiftung Regenbogen“, die das Projekt „alkoholische Putzkolonne“ begleitet. Sie findet: „Man muss das pragmatisch betrachten. So wie wir Heroinabhängigen Methadon geben, so geben wir diesen Alkoholikern Bier – und Arbeit.“

Kritiker für Entzug statt Bier

Es gibt aber auch Kritik. Manche Suchtexperten meinen, man sollte die Alkoholiker besser auf Entzug schicken, statt ihnen Bier zu geben. Manche Niederländer finden es nicht in Ordnung, dass das Bier für die Putzkolonne auch aus Steuergeldern bezahlt wird.

Denn die Stiftung Regenbogen erhält staatliche Subventionen von der Stadt Amsterdam und sogar aus EU-Töpfen, aber auch viele private Spenden.

Insgesamt scheint das unorthodoxe Projekt ganz gut zu funktionieren. Fred hat wieder Arbeit, ein warmes Mittagessen, sein tägliches Bier. Und: Sein Gesundheitszustand hat sich gebessert. Fred hat wieder Hoffnung. Er will vom Alkohol loskommen. Das Projekt „Bier für Alkoholiker“ bietet ihm die Perspektive, behauptet er. Ob er es schafft, wieder clean zu werden, das muss die Zukunft zeigen.

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