Interview

Psychologe: Gesundheitsgefahr durch Lärm wird unterschätzt

Krachmacher: Passagierflugzeug im Landeanflug.

Krachmacher: Passagierflugzeug im Landeanflug.

Foto: dpa

Essen.   Der Gesundheitsgefährdung durch Lärm in der Region wird zu wenig Beachtung geschenkt, meint der Lärmpsychologe Dirk Schreckenberg.

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Krach macht weniger krank als angenommen – die Schlagzeilen der vor wenigen Wochen vorgestellten großen Lärmstudie NORAH haben viele Leser unserer Zeitung irritiert. Michael Kohlstadt sprach mit dem Leiter der Fünf-Jahres-Studie, dem Hagener Lärmpsychologen Dirk Schreckenberg.

Die Ergebnisse der NORAH-Studie haben für Verwunderung gesorgt. Ist Lärm weniger gefährlich?

Schreckenberg: Das ist in der Verkürzung falsch. Die Studie hat in der Tat zum Teil Widersprüchliches hervorgebracht. Einerseits haben wir keine statistisch signifikanten Erhöhungen des Blutdrucks in Abhängigkeit des Verkehrslärms finden können, andererseits konnten wir sehr wohl Erhöhung der Risiken von Herz-Kreislauferkrankungen, z.B. Herzinsuffizienz und beim Schienen- und Straßenverkehrslärm auch Herzinfarkt feststellen. Betrachtet man zudem das Herzinfarktrisiko bei inzwischen verstorbenen Versicherten, so findet sich in der NORAH-Studie auch bezogen auf die Geräuschbelastung in Einzelstunden ein Zusammenhang zum Fluglärm.

Welche Risiken gibt es?

Schreckenberg: Seit längerem bekannt sind die Risiken der Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems. Wenn Sie regelmäßig sprichwörtlich auf 180 sind, weil ein Jet über sie hinwegfliegt oder nächtlicher Straßenlärm ihnen den Schlaf raubt, kann das dauerhaft das Herz-Kreislaufsystem schädigen. In der NORAH-Studie wurden auch andere Folgeerkrankungen festgestellt, zum Beispiel Depressionen, und diese zeigen die höchsten linearen statistischen Zusammenhänge mit Lärmpegeln bei allen drei Verkehrslärmquellen. Ob es soweit kommt, hängt möglicherweise auch davon ab, wie Lärm subjektiv empfunden wird.

Wie Lärm schädigt, ist also schwer messbar?

Schreckenberg: Lärm ist nicht die größte Gesundheitsbelastung. Luftschadstoffe schädigen die Gesundheit sicher unmittelbarer. Aber der Gesundheitsgefährdung durch Lärm wird in unserer Gesellschaft insgesamt zu wenig Beachtung geschenkt. Dabei kann man Lärm viel schlechter entkommen als anderen Gesundheitsbelastungen.

Wie meinen Sie das?

Schreckenberg: Ich kann auf die Ernährung achten. Das habe ich selber in der Hand. Beim Lärm ist man dagegen abhängig von anderen – etwa von der Verkehrsplanung.

Tut der Gesetzgeber genug?

Schreckenberg: Das Problem der Lärmbelästigung ist trotz vieler Maßnahmen im Lärmschutz nicht besser geworden. Es hat sich nur verschoben. Der Lärm aus Fabriken und Industrieanlagen ist für die Wohnbevölkerung im Umfeld solcher Anlagen heute im Vergleich zum Verkehrslärm kein großes Thema mehr. Die Auflagen sind in dem Bereich vergleichsweise hoch. Nachbarn hat dagegen jeder. Und der Nachbarschaftslärm ist ein großes Problem in unserer Zeit. Nach dem Straßenverkehr ist er Lärmquelle Nummer zwei.

Im Herbst ist der Laubsauger des Nachbarn für manche sogar Lärmquelle Nummer eins.

Schreckenberg: Laubsauger sollte man meines Erachtens ohnehin verbieten, sie sind laut und relativ sinnlos. Ein Anfang wäre aber schon, wenn der Gesetzgeber den Geräteherstellern niedrigere Lärm-Grenzwerte abverlangen würde. Wenn der Nachbar als zu laut empfunden wird, hat das aber auch oft mit dem Nicht-Beachten von Regeln zu tun. Es gibt ja klar definierte Ruhezeiten. Viele wissen das aber nicht. Hinter mancher Beschwerde über Ruhestörung verstecken sich außerdem gern auch andere Probleme, die man mit dem Nachbarn hat.

Das Ruhrgebiet gehört zu den verkehrsreichsten Regionen in Deutschland. Welche Rolle spielt hier der Lärm?

Schreckenberg: Bei Verkehrslärm insgesamt sind die Hinweise auf gesundheitliche Beeinträchtigung deutlich. Beispielsweise bei der Fallgruppe Herzinsuffizienz. Gegenüber einer niedrigen Referenzbelastung von kleiner als 40 Dezibel im Dauerschallpegel steigt oberhalb davon das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen kontinuierlich an. Ab einem 24-Stunden-Dauerschallpegel von 50 Dezibel beim Schienenverkehr beziehungsweise 55 Dezibel beim Straßenverkehr ist das Herzschwächerisiko erhöht und steigt weiter an. Das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko ist beim Straßen- und Schienenverkehrslärm ab Dauerschallpegeln von 60 - 65 Dezibel erhöht, allerdings nicht beim Fluglärm.

Gerade im Verkehr wird doch viel getan in Sachen Lärmschutz?

Schreckenberg: Zwar sind beispielsweise Automotoren heute deutlich leiser als früher, es gibt Flüsterasphalt. Aber die zunehmende Menge an Fahrzeugen und gefahrenen Kilometern treibt den Dauerschallpegel hoch. Beim Zugverkehr kommt noch das Problem der sogenannten Pegelanstiegsgeschwindigkeit hinzu. Deswegen ist ein nächtlicher Güterzug so schlimm. Der kommt um die Ecke und ist plötzlich sehr laut. Es reicht ein Zug und Sie stehen senkrecht im Bett.

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