Rundfunk

Quoten-Flops und Ärger ums Geld: Der WDR steckt in der Krise

Kein leichter Job: WDR-Intendant Tom Buhrow (links) und Fernsehdirektor Jörg Schönenborn versuchen, den WDR in die Zukunft zu führen.

Kein leichter Job: WDR-Intendant Tom Buhrow (links) und Fernsehdirektor Jörg Schönenborn versuchen, den WDR in die Zukunft zu führen.

Foto: picture alliance / dpa

Düsseldorf.   Schwere Zeiten für den Westdeutschen Rundfunk: Viel Ärger ums Geld, die Suche nach jungem Publikum und eigene Fehler beschäftigen die Verantwortlichen.

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„Lassen Sie sich nicht entmutigen“, so begann vor ein paar Tagen eine E-Mail von WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn an die Mitarbeiter. Die mit großem Tamtam angekündigte Jugendoffensive zum 50. Geburtstag des Senders war gerade einigermaßen unbemerkt von der Öffentlichkeit im Quotenloch versackt, und der Branchendienst „Meedia“ zitierte Schönenborns Durchhalteparolen: „Ich habe in der vergangenen Woche mit so viel Begeisterung ferngesehen wie schon lange nicht mehr.“ Und: „Für die Offensive gilt, ihr Erfolg lässt sich nicht in Quoten messen.“

Beteiligungsdschungelaus Tochterfirmen

Dass sich öffentlich-rechtliches Fernsehen dem Druck der Quote nicht beugen sollte, obwohl die Politik das angesichts von Zwangsgebühren oft anders sieht, fordern nicht nur Akademiker. Wenn aber der WDR an einem Mittwochabend laut Medienmagazin „DWDL“ zum zuschauerärmsten dritten Programm wird, kann das auch dem Chef nicht schmecken. Nahezu alle neuen Formate blieben unter den Standardwerten des Senders, dessen Zuschauer im Durchschnitt 64 Jahre alt sind. Dass Schönenborn Fernsehen für den Nachwuchs produzieren lässt, liegt nahe. Ob er ihn damit nachhaltig anlockt, wird man sehen.

So oder so erlebt der WDR derzeit schweren Gegenwind.

Der schlechte Lauf begann mit dem Millionendebakel um den TV-Vorabendflop „Gottschalk live“, den die „Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm“ mit zähen Nachfragen stärker in die Öffentlichkeit zerrte, als es der WDR-Chefetage lieb sein konnte und das nun zu einer Novellierung des WDR-Gesetzes führt: Mehr Transparenz ist das Stichwort. Bei Entscheidungen und Entscheidungswegen.

Wer sich die Verflechtungen der öffentlich-rechtlichen Sender anschaut, stößt auf einen Beteiligungsdschungel aus zahlreichen dienstleistenden Tochterfirmen. Der Medienökonom Harald Rau, Professor für Kommunikationsmanagement an der Ostfalia-Hochschule für angewandte Wissenschaften in Salzgitter, hat sie systematisch untersucht, grafisch aufgearbeitet und in der Fachpublikation „Medienwirtschaft“ mit der Überschrift versehen: „Transparenz? Fehlanzeige!“

Folgt man der Grafik, ist der WDR beispielsweise über seine hundertprozentige Tochter „WDR mediagroup GmbH“ zu einem Drittel an der Bavaria Film GmbH beteiligt, die wiederum Mehrheiten an zahlreichen Filmproduktionsgesellschaften hält wie der „Bremedia“, der „Saxonia“ oder der „Pro Saar“. „Wenn es nicht so ernst wäre, könnte man es für Kabarett halten“, sagt Rau zu diesem kaum durchdringbaren Netz.

Spott in den sozialen Netzwerken

So wurde auch das Gottschalk-Fiasko mit dem Hinweis entschuldigt, es sei aus dem Etat der Werbetöchter finanziert worden, und die gäben ja nicht das Geld der Beitragszahler aus. Eine Erklärung, die nicht nur den Dokumentarfilmern ein Kopfschütteln abnötigte.

Ähnliche Reaktionen provozierte der WDR mit einer ausnahmsweise missratenen „Hart aber fair“-Folge, die er nach Kontroversen gar aus der „Mediathek“ löschte, was ihm noch mehr Kritik einbrockte. Schönenborn verwahrte sich gegen den Vorwurf der Zensur, räumte aber ein, dass es ein Fehler gewesen sei, die Sendung aus dem Angebot zu streichen und widerrief die Aktion. Am Montag wurde die Sendung gar mit neuer Teilnehmerrunde wiederholt; es brockte dem WDR jede Menge Spott in den sozialen Netzwerken ein.

Das Programm soll besser werden, die Ressourcen werden knapper

Dass die Otto-Brenner-Stiftung bei einer Studie unlängst die „Boulevardisierung der Dritten“ beklagte, weil die „Human Touch“-Berichterstattung „ein ähnliches Ausmaß wie bei der privaten Konkurrenz erreicht“ und der Unterhaltungsanteil steige, konterte der WDR zwar damit, dass 77 Prozent der Sendezeit mit fernsehpublizistischen Inhalten gefüllt würden. Doch dazu gehören fragwürdige Formate wie zuletzt „Die Politiker-WG“, eine Doku, die sich als Beitrag gegen Politikverdrossenheit tarnte, um dann im Ton von RTL Politiker als Deppen mit mangelhaften Rechtschreibkenntnissen vorzuführen. Auch ein Rassismus-Experiment der Wissenschaftsredaktion mit Essener Busfahrgästen als Versuchskaninchen überschritt die Peinlichkeitsmarke.

WDR-Intendant Tom Buhrow hat keinen leichten Job. Das Programm soll besser werden, aber die immer noch üppigen Ressourcen werden knapper: 500 Planstellen fallen weg bis 2020. Und die Pensionslasten drücken. 3,2 Millionen Euro liegen laut „Bild“ alleine für Ex-Chefin Monika Piel bereit.

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