Türkei-Wahl

Soziologe fordert mehr Selbstkritik von Deutschtürken

Im Ruhrgebiet wurde Erdogan von 76 Prozent der wahlberechtigten Türken in Deutschland gewählt. Sie feierten seinen Sieg in Duisburg, Essen und Gelsenkirchen mit Autokorsos, so wie hier in Berlin. Foto:Getty Image

Im Ruhrgebiet wurde Erdogan von 76 Prozent der wahlberechtigten Türken in Deutschland gewählt. Sie feierten seinen Sieg in Duisburg, Essen und Gelsenkirchen mit Autokorsos, so wie hier in Berlin. Foto:Getty Image

Münster.   Erdogan-Wahl zeigt Spannungen zwischen Deutschen und Türken. Prof. Pollack: „Muslime gehören nur zu Deutschland, wenn sie zur Selbstkritik fähig werden.“

Das Wahlverhalten der Türken in Deutschland bei den Parlaments- und Präsidentenwahlen in der Türkei hat hierzulande Unverständnis, Kritik und Empörung ausgelöst. Mit knapp 65 Prozent erzielte Erdogan unter den Deutschtürken eine deutlich höhere Zustimmung als in der Türkei. Prof. Detlef Pollack, Religionssoziologe an der Uni Münster, hat vor zwei Jahren in einer repräsentativen Studie die Haltung der türkeistämmigen Bürger untersucht. Christopher Onkelbach sprach mit ihm über das angespannte Verhältnis zwischen Türken und Deutschen.

Professor Pollack, hat Sie das Wahlergebnis überrascht?

Prof. Detlef Pollack: Nein, das war auch bei den vorangegangenen Wahlen ähnlich. Stets war die Zustimmung zu Erdogan unter den Türken in Deutschland höher als in der Türkei selbst.

Welche Gründe sehen Sie dafür?

Prof. Detlef Pollack: Da gibt es mehrere Faktoren. Gerade im Ausland, wo die türkische Gemeinde eine Minderheit darstellt, verstärkt sich die Verbundenheit mit dem Heimatland. Das beobachten wir auch in anderen Ländern. Es ist ganz wesentlich auch eine Reaktion auf das Verhalten der Mehrheit.

Wie meinen Sie das?

Prof. Detlef Pollack: Viele Deutschtürken fühlen sich hier nicht wertgeschätzt, nicht ernst genommen, als Bürger zweiter Klasse. Das Wahlverhalten ist eine Reaktion auf die gefühlte Unterschätzung durch die Mehrheitsgesellschaft. Sie verweisen auf die großen Errungenschaften der Türkei, den wirtschaftlichen Aufschwung, die internationalen Auftritte von Erdogan, der sich als Führer der muslimischen Welt inszeniert. Und sie sind überzeugt davon, dass die Türkei das einzige Land ist, wo Islam und Demokratie zusammengehen. Darauf ist man stolz.

Also ist das Kreuz für Erdogan eine Art Trotzreaktion?

Prof. Detlef Pollack: Viele Türken haben das Gefühl, dass die Deutschen diese Erfolge nicht anerkennen. Die Kritik an dem Abbau von Menschenrechten und Demokratie zählt für sie wenig im Vergleich zum Aufstieg der Türkei. Die Wahl ist somit eine Reaktion auf die Zurücksetzung durch die deutsche Kritik und ein Bekenntnis zu einer starken Türkei. Wenn die Deutschtürken bei einer deutschen Wahl an die Urnen gehen, stimmen sie ganz anders ab.

Dann wählen sie keine konservative deutsche Partei?

Prof. Detlef Pollack: Wenn sie in Deutschland wählen, stimmen 80 Prozent der Türkeistämmigen für SPD und Grüne. Also Parteien, die für Integration stehen und offen sind in der Frage der Zuwanderung. Doch dieselben Leute stimmen bei Wahlen in der Türkei für die AKP und Erdogan.

Ist das nicht ein Widerspruch?

Prof. Detlef Pollack: Das ist in der Tat verblüffend. Und es zeigt einen eklatanten Mangel an Selbstkritik. In Deutschland nehmen sie ihre Rechte selbstverständlich in Anspruch. Aber sie finden es in Ordnung, wenn in der Türkei anderen diese Rechte von Religionsfreiheit bis zur Meinungsfreiheit vorenthalten werden. Sie wollen die Türkei, mit der sie sich identifizieren, einfach nicht kritisieren. Ich sage ganz deutlich: Muslime gehören nur dann zu Deutschland, wenn sie in der Lage sind, mit ihrer Herkunftsidentität selbstkritisch umzugehen. Diese fehlende Bereitschaft zur Selbstkritik bringt Deutsche auf die Palme.

Und das führt zu Konflikten?

Prof. Detlef Pollack: Ja, es entsteht eine Konfliktspirale. Die eine Seite fühlt sich angegriffen und verteidigt sich. Und wir sehen nur, dass sie sich verweigern.

Wie kann man diese Konfliktspirale durchbrechen?

Prof. Detlef Pollack: Ich finde, beide Seiten sollten aufeinander zugehen. Wichtig ist aber, dass die Mehrheitsgesellschaft den ersten Schritt macht. Man kann nicht erwarten, dass Menschen, die sich angegriffen fühlen, Toleranz walten lassen und den Dialog suchen. Wir müssen uns stärker öffnen und viel mehr für die Integration tun.

Muss man nicht auch mehr Anpassungsanstrengungen von Türken verlangen?

Prof. Detlef Pollack: Wichtig ist, dass beide Seiten das Ihre tun. Aber ich sehe auch, dass viele Menschen, die sich seit Jahren um die Integration bemüht haben, inzwischen müde geworden sind und resignieren. Sie sagen: Die andere Seite reagiert stets mit Abgrenzung und Stolz. Viele sind es satt, immer nur zu geben, wenn nichts zurückkommt.

Ist das Wahlergebnis als Absage an die westliche Demokratie zu lesen?

Prof. Detlef Pollack: Wir haben in der Studie die Frage nach der Haltung zu Demokratie und Menschenrechten gestellt. Die Akzeptanz dieser Werte ist unter den Türken in Deutschland genauso hoch wie unter den Deutschen. Das Dilemma ist: Auf der einen Seite schätzen sie das westliche System. Auf der anderen Seite sieht man es als etwas an, das seine Überlegenheit ausspielt und die Türkei und die Migranten abwertet.

Auf Kritik an der Türkei hört man oft: Bei euch ist es auch nicht besser, auch hier gibt es Populisten...

Prof. Detlef Pollack: Es ist absurd, die Türkei und Deutschland auf eine Stufe zu stellen. Hier werden nicht Tausende Menschen grundlos eingesperrt, hier ist die Rechtsstaatlichkeit, sind Minderheiten und Menschenrechte geschützt, man kann frei wählen und offen seine Meinung sagen.

  • Studie zur Integration

  • Detlef Pollack ist Soziologe am Exzellenzcluster „Religion und Politik“der Uni Münster. Seine Studie „Integration und Religion von Türkeistämmigen in Deutschland“ erregte 2016 Aufsehen. Danach fühlen sich zwar 90 Prozent wohl in Deutschland, doch mehr als die Hälfte nicht anerkannt. Die Studie ergab auch, dass 47 Prozent der Befragten die islamischen Gebote wichtiger findet als deutsche Gesetze. In der jüngeren Generation sinkt aber die Zustimmung zu dieser Aussage.

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