Kopftuch-Debatte

Staatssekretärin Güler: „Ein Kopftuch sexualisiert das Kind“

Serap Güler (CDU), selbst Muslimin, fordert als Integrationsstaatssekretärin ein Kopftuchverbot für Kinder.

Serap Güler (CDU), selbst Muslimin, fordert als Integrationsstaatssekretärin ein Kopftuchverbot für Kinder.

Foto: Lukas Schulze

Düsseldorf.   Staatssekretärin Serap Güler will eine Verschleierung in Grundschulen und Kitas untersagen. Die freie Entfaltung von Mädchen sei zu schützen.

Seit Serap Güler vergangene Woche per Twitter das in Österreich geplante Kopftuch-Verbot für Kleinkinder in Grundschulen und Kitas zur Nachahmung in NRW empfahl, ist die Hölle los. Die Integrationsstaatssekretärin von der CDU, selbst Muslimin, gibt ein Interview nach dem anderen. Tobias Blasius besuchte sie.

Frau Staatssekretärin, Sie sind als Tochter einer türkischstämmigen religiösen Familie im Ruhrgebiet aufgewachsen. Wann haben Sie sich selbst vor die Frage gestellt gesehen, ein Kopftuch zu tragen?

Güler: Bei mir stellte sich diese Frage eigentlich nie. Bei uns zuhause war das Kopftuch kein großes Thema, es gab da keinerlei Druck meiner Eltern. Meine Mutter hat sich selbst erst mit etwa 40 Jahren aus freien Stücken und persönlichen Gründen dazu entschieden, ein Kopftuch tragen zu wollen.

Warum?

Güler: Bei Muslimen ist das eben wie bei Katholiken oder Protestanten manchmal so, dass Menschen im Alter gläubiger werden oder sich stärker nach außen zu ihrer Religion bekennen wollen. Das finde ich auch völlig in Ordnung. Ebenso habe ich ganz moderne, selbstbewusste Freundinnen, die sich schon als junge Frauen entschieden haben, Kopftuch zu tragen. Auch diese Entscheidung respektiere ich und kann sie als gläubige Muslimin nachvollziehen. Zu unserer Religionsfreiheit gehört die Freiheit, ein Kopftuch zu tragen oder nicht.

Warum halten Sie es für eine „Perversion“, wenn schon kleine Mädchen mit Kopftuch in Kita oder Grundschule kommen?

Güler: Nach islamischer Tradition soll das Kopftuch weibliche Reize verhüllen. Diese theologische Begründung ist aber sogar unter Experten strittig. Wenn Eltern schon Kinder im Kita- oder Grundschulalter Kopftuch tragen lassen, sexualisieren sie das Kind. Sie unterstellen bei einem kleinen Mädchen Reize, die vor männlichen Blicken geschützt werden müssen.

Wie kann die Landesregierung das Tragen von Kopftüchern in Kitas oder Grundschulen verbieten?

Güler: Der Landesregierung geht es um den Schutz und die freie Entfaltung des Kindes, nicht um die Verbannung religiöser Symbole aus dem öffentlichen Raum. Wir prüfen derzeit, ob es im verfassungsrechtlichen Rahmen der freien Religionsausübung eine Möglichkeit gibt, das Tragen von Kopftüchern in nordrhein-westfälischen Kitas oder Grundschulen zu untersagen.

Müssten Sie dann nicht konsequenterweise auch einer Siebenjährigen untersagen, mit einer Kreuz-Kette in die Grundschule zu kommen?

Güler: Es geht nicht um religiöse Symbole als solche, sondern um einen kindgerechten Umgang und um die Entscheidungsfreiheit von Heranwachsenden. Mit der Verhüllung kleiner Mädchen wird eine Lebensentscheidung vorgeprägt. Wer mit sieben Jahren ein Kopftuch trägt, legt es mit 17 nicht mehr so leicht ab wie eine pubertierende Katholikin die Kreuz-Kette. Es gibt da in einigen muslimischen Familien einen viel stärkeren sozialen und kulturellen Druck.

Wird ein Kopftuch-Verbot in Grundschulen den Entscheidungsspielraum muslimischer Mädchen wirklich vergrößern?

Güler: Experten sagen, dass das immer frühere Tragen des Kopftuches verhindern soll, dass junge Frauen die islamische Tradition später noch einmal hinterfragen. Ich wünsche mir aber von Heranwachsenden aller Religionen eine kritische Auseinandersetzung mit ihrem Glauben. Wenn eine junge Frau dann selbstbewusst und selbstbestimmt zur Entscheidung gelangt, ich möchte ein Kopftuch tragen, dann haben wir das in einer offenen Gesellschaft zu akzeptieren. Zu einer solchen Auseinandersetzung sind sieben- oder achtjährige Mädchen aber noch nicht in der Lage.

Lehrerverbände warnen vor einem Kopftuchverbot und sehen Schülerinnen in Loyalitätskonflikte gedrängt. Ist der Problemdruck in NRW wirklich so groß?

Güler: Wir nehmen natürlich alle Argumente ernst, die gegen ein Kopftuchverbot sprechen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass gerade in Vierteln mit hohem Migrantenanteil bestimmte Eltern für die Schule mit guten Worten gar nicht erreichbar sind. Es gibt viele Grundschullehrer, die mir sagen: Bitte schafft endlich eine klare Regelung, weil wir neben all unseren Aufgaben nicht auch noch die Kopftuch-Frage in jeder einzelnen Familie moderieren können.

>>> Kurz-Vita

  • Serap Güler (37) wuchs als Tochter türkischer Einwanderer in Marl auf. Der Vater war Bergmann, die Mutter ging putzen. Nach dem Abitur lernte sie Hotelfach und machte einen Uni-Abschluss als Kommunikationswissenschaftlerin. Sie fing als Referentin der Landesregierung an, wechselte 2012 als Landtagsabgeordnete in die Politik. 2017 wurde sie zur Integrationsstaatssekretärin berufen.
Leserkommentare (24) Kommentar schreiben