Bürgermeisterwahl

Imamoglu gewinnt in Istanbul – Erdogan gratuliert zum Sieg

Ekrem Imamoglu, der Kandidat der Republikanischen Volkspartei, CHP, nach seinem Wahlsieg in Istanbul.

Ekrem Imamoglu, der Kandidat der Republikanischen Volkspartei, CHP, nach seinem Wahlsieg in Istanbul.

Foto: Onur Gunay / dpa

Istanbul  Der alte Sieger ist der neue: Ekrem Imamoglu ist neuer Bürgermeister von Istanbul, Erdogans AKP verliert. Der Präsident gratulierte.

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Noch vor wenigen Wochen wusste kaum jemand wer Ekrem Imamoglu ist. Jetzt ist der 49-Jährige neugewählter Bürgermeister von Istanbul.

Überraschend klar hat der Oppositionskandidat die Wahl am Sonntag für sich entschieden – und dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und seiner AKP damit eine herbe Niederlage beschert. Laut der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu bekam Imamoglu etwa 54 Prozent der Stimmen, der ehemalige Ministerpräsident und AKP-Kandidat Binali Yildirim, kam auf etwa 45 Prozent.

Noch gibt es keine offizielles Endergebnis. Das soll nach Angaben des Chefs der Hohen Wahlkommission Sadi Güven am Montag feststehen. Die Bedeutung der Wahl ging weit über die Stadt und das Land hinaus und wurde international aufmerksam verfolgt.

Die Wahlbeteiligung lag nach Angaben von Anadolu bei 84,4 Prozent und damit etwa auf dem gleichen Niveau wie bei der ersten Wahl Ende März.

Imamoglu ist neuer Bürgermeister – Glückwünsche von Erdogan

Noch am Sonntagabend beglückwünschte Erdogan den Sieger. „Der nationale Wille hat sich heute einmal mehr gezeigt. Ich gratuliere Ekrem Imamoglu, der inoffiziellen Ergebnissen zufolge die Wahl gewonnen hat“, schrieb Erdogan am Sonntag auf Twitter. Die erneute Niederlage in Istanbul gilt als Rückschlag für den türkischen Präsidenten und seine regierende AKP.

Auch Yildirim gestand seine Niederlage kurz nach Veröffentlichung der Hochrechnung am Sonntagabend ein und gratulierte Imamoglu zu seinem Vorsprung. „Ich wünsche unserem Freund Ekrem Imamoglu, dass er Istanbul gute Dienste erweist.“ Die Wahl habe zudem gezeigt, dass die Demokratie in der Türkei perfekt funktioniere.

Imamoglu hatte schon die erste Bürgermeisterwahl am 31. März gewonnen, bereits damals hatte Erdogan schwere Verluste erlitten. Imamoglu wurde daraufhin zum Istanbuler Bürgermeister ernannt. Doch Erdogan und die AKP protestierten. Die Wahlkommission (YSK) annullierte das Ergebnis später wegen angeblicher Regelwidrigkeiten und setzte eine neue Wahl an.

Imamoglu gewinnt – Anhänger feiern auf der Straße

Am Sonntagabend und in der Nacht feierten Unterstützer von Imamoglu auf den Straßen Istanbuls seinen Sieg. Der Gewinner versprach in einer Rede einen neuen Beginn für Istanbul. Außerdem wolle er mit Erdogan harmonisch zusammenarbeiten, um der Metropole zu dienen.

Die AKP hatte nach ihrer Niederlage Ende März ihre Wahlkampfstrategie geändert. Erdogan, der zuvor überall präsent war und mehrere Wahlkampfreden täglich gehalten hatte, zog sich diesmal etwas zurück und trat kaum auf. Stattdessen stand Yildirim im Vordergrund. Die AKP ließ sich sogar das erste Mal seit 17 Jahren auf ein Fernsehduell mit der Opposition ein.

Türkei: Erdogan-Gegner Imamoglu gewinnt Istanbul-Wahl – Das Wichtigste in Kürze:

  • Bei der Bürgermeisterwahl in Istanbul musste Erdogan eine Wahlniederlage hinnehmen
  • Seine AKP mit Kandidat Binali Yildirim unterlag Ekrem Imamoglu
  • Es ist bereits die zweite Niederlage des Präsidenten, die erste Wahl war nach seinem Protest annulliert worden
  • Der Unterlegene Yildirim erkannte seine Niederlage bereits an
  • Erdogan gratulierte zum Sieg
  • Es gab eine hohe Wahlbeteiligung
  • Auf den Straßen feierten Unterstützer von Imamoglu

Die Türkei dümpelt derzeit in einer Konjunkturflaute und die heimische Währung Lira hat in diesem Jahr bereits fast zehn Prozent an Wert verloren.

Istanbul-Wahl in der Türkei: „Das ist kein Sieg, sondern ein Neuanfang“

Wahlsieger Imamoglu sagte am Sonntag in der Istanbuler CHP-Zentrale vor Journalisten: „Das ist kein Sieg, sondern ein Neuanfang.“ Er bedankte sich bei allen Unterstützern, forderte sie jedoch dazu auf, die Wahlurnen nicht zu verlassen. Der Abstand zwischen beiden Kandidaten betrug laut Anadolu mehr als 740.000 Stimmen.

Interesse an der Wahl in Istanbul sehr hoch

Imamoglus Unterstützer feierten ihren Kandidaten mit spontanen Jubelrufen. In einem Flugzeug von Istanbul nach Bodrum klatschten die Menschen kurz vor Abflug, als sie vom Sieg Imamoglus erfuhren. Sie riefen den Wahlkampfslogan Imamoglus: „Alles wird sehr gut.“

Nach der umstrittenen Annullierung war das Interesse an der Neuwahl immens hoch. Zahlreiche Wahlberechtigte brachen ihren Urlaub ab und reisten nach Istanbul, um ihre Stimme abzugeben. Die Fluggesellschaft Turkish Airlines setzte zusätzliche Verbindungen auf den Flugplan.

Wahlberechtigt waren am Sonntag rund 10,5 Millionen Menschen. Zum Vergleich: Bei der Wahl am 31. März hatten rund 8,8 Millionen Menschen ihre Stimme abgegeben, was auf eine Wahlbeteiligung von 84 Prozent hinauslief.

Einige Beobachter gehen davon aus, dass der Sieg Imamoglus zu einer Kabinettsumbildung führen könnte oder zu einem Vorziehen der erst für 2023 geplanten Parlamentswahl.

Türkei: Kommunalwahl wurde zunächst annulliert

Die mit Spannung erwartete Neuwahl des Bürgermeisters in Istanbul verlief weitgehend geordnet. Das bestätigten Beobachter an den Urnen, unter ihnen die Grünen-Abgeordnete Margit Stumpp. Die Wahl wurde national wie international aufmerksam beobachtet. Vielen galt sie als Test für den Zustand der Demokratie im Land.

Duell um Bürgermeisteramt in Istanbul

„Uns wird berichtet, dass die Wahllisten und Abläufe korrekt sind“, sagte Stumpp der Deutschen Presse-Agentur. „Wir hören hier von keinerlei Unstimmigkeiten.“ Sie sprach von einer „beachtlichen Wahlbeteiligung“. Die Wahllokale schlossen um 16.00 Uhr MESZ.

In Istanbul leben fast 20 Prozent der Türken

Der Istanbuler Bürgermeisterposten ist der wichtigste im Land. In Istanbul leben mit rund 16 Millionen Menschen fast 20 Prozent aller Türken. Die Bedeutung der Wahl geht aber weit über das Lokale hinaus.

(rtr/aba/bekö)

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